HANDBI »I ND
AT THE
UNTVERSITY OF
UT ÖLER WELT
Z3~-> i * Vo W.
UTÖLERWELT
VOLKSMÄRCHEN, SAGEN,
VOLKSLIEDER UND REIME
GESAMMELT VON
WILHELM BUSCH
MÜNCHEN
LOTHAR JOACHIM VERLAG
1910
F. Bruckmann A.-G., München
VORWORT
Hiermit übergebe ich die von meinem Onkel Wilhelm Busch um 1850 ge-
sammelten Märchen, Sagen, Volkslieder und Reime der Öffentlichkeit ; es
sind nicht Kinder- und Hausmärchen wie die von den Brüdern Grimm, von
Bechstein, Musäus u. a. herausgegebenen Sammlungen; diese Sammlung ist
für Erwachsene, insonderheit für wissenschaftlich interessierte Leser bestimmt.
Diese Sachen »Ut 61er weit« (Aus alter Zeit) lagen in sorgfältig ge-
schriebenen Manuskripten meines Onkels druckfertig vor. Nur die Reihen-
folge ist z. T. nach seinen späteren Bemerkungen besonders bei den Sagen-
stoffen etwas geändert. Er hatte gleich damals, als er sie sammelte, vor-
gehabt, sie heraus zu geben, auch schon den Entwurf zum Titelblatt »Volks-
märchen« gezeichnet. Da fand er bei den Brüdern Grimm, Müllenhof, Kuhn
und Schwanz u. a. ähnliche Erzählungen oder Stoffe und meinte, die Ver-
öffentlichung der von ihm gesammelten hätte deshalb keinen Wert. Später
sagte er wohl, daß doch vielleicht die Wiedensahler Überlieferung manches
für den Fachmann Interessante enthalten möchte. Aber die öfter besprochene
Herausgabe unterblieb doch.
Erst um 1900 in Mechtshausen kam mein Onkel dazu, einige wenige
Sachen im Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung
zu veröffentlichen.*) Es wurde von verschiedenen Mitarbeitern, Professor
Roethe- Berlin u. a. hervorgehoben, wie diese Proben der Wiedensahler Er-
zählungen und Reime manche bisher nicht bekannte Variation oder gute Dar-
stellung anderweit bekannter Stoffe enthielten.
Hier werden nun alle von meinem Onkel vollständig niedergeschriebenen
Stücke der um 1850 noch lebendigen Volksüberlieferung veröffentlicht, genau
in der Darstellungsweise, auch in der Rechtschreibung, wie er sie aufgezeichnet
*) Vergl. Korrespondenzbl. f. niederd. Sprachforschung, Heft XXI, 5,6; XXII, 1,2,3,4;
XXIII, 6; XXIV, 2.
3
hat; die plattdeutschen Laute sind möglichst genau in der Form wieder-
gegeben, wie sie im Korrespondenzblatt gedruckt vorliegen. Die hochdeutsche
Fassung einzelner zunächst plattdeutsch überlieferter Stücke rührt natürlich von
meinem Onkel her.
Zu den mit abgedruckten Zeichnungen haben die Märchen- und Sagen-
stoffe die unmittelbare Anregung gegeben, wie schon aus Skizzenbüchern der
fünfziger Jahre zu ersehen ist. Das leider nur im Entwurf angefertigte Titel-
blatt und die Bleifederzeichnung »Bremer Stadtmusikanten« sind hier zum
ersten Mal veröffentlicht; die anderen drei Feder- und Tusch-Zeichnungen
sind schon in dem Prachtwerk »Wilhelm Busch's künstlerischer Nachlaß« er-
schienen und werden hier mit Genehmigung der Hofkunstanstalt Franz Hanf-
staengl in München reproduziert.
Mein Onkel selbst hat sich verschiedentlich zu der Sammlung dieser
Märchen und Sagen geäußert. So schreibt er 1893 in der kurzen Selbst-
biographie »Von mir über mich«:
»Nach Antwerpen hielt ich mich in der Heimath auf.
Was damals die Leute ut öler weit erzählten, sucht ich mir fleißig zu
merken, doch wußte ich leider zu wenig, um zu wissen, was darunter wissen-
schaftlich bemerkenswerth ist. Das Vorspuken eines demnächstig|en Feuers
hieß: wabern. Den Wirbelwind, der auf der Landstraße den Staub auftrichtert,
nannte man warwind; es sitzt eine Hexe drin. Übrigens hörte ich, seit der
»alte Fritz« das Hexen verboten hätte, müßten sich die Hexen überhaupt sehr
in Acht nehmen mit ihrer Kunst.
Am meisten wußte ein alter stiller für gewöhnlich wortkarger Mann.
Einsam saß er abends im Dunkeln. Klopft ich ans Fenster, so steckte er freudig
den Thrankrüsel an. In der Ofenecke stand sein Sorgensitz. Rechts von der
Wand langte er sich die sinnreich senkrecht im Kattunbeutel hängende kurze
Pfeife, links vom Ofen den Topf voll heimischen Tabacks ; und nachdem er
gestopft, gesogen und Dampf gemacht, fing er seine vom Mütterlein ererbten
Geschichten an. Er erzählte gemächlich; wurde es aber dramatisch, so stand
er auf und wechselte den Platz, je nach den redenden Personen, wobei denn
auch die Zipfelmütze, die sonst nur leise nach vorne nickte, in mannigfachen
Schwung gerieth.
In den Spinnstuben sangen die Mädchen, was ihre Mütter und Groß-
mütter gesungen. Während der Pause, abends um neun, wurde getanzt; auf
der weiten Haustenne; unter der Stalllaterne; nach dem Liede:
maren will wi hawern meihn ;
wer schall den wol binnen ?
dat schall (meiers dortchen) don.
de will eck wol finnen.«
Als im Jahre 1900 die ersten Märchen im Korrespondenzblatt erschienen,
gab mein Onkel über unser Heimatdorf Wiedensahl, wo die meisten erzählt
und von ihm gesammelt sind, Folgendes an*):
»Wiedensahl, platt Wiensaol, hat seinen Namen zum Theil von dem in
der Mitte des Orts befindlichen Teiche, dat saol genannt, so daß jemand, der
Freud am Vermuthen findet, sich denken mag, die Bedeutung des Ganzen
könnte vielleicht Wald-, Weiden- oder Heiligensee sein.
Neben der Pfarre lag einst der Edelhof. Einer der edlen Herrn, die dort
gehaust, ist wohl ein grimmiger Kerl gewesen, denn es heißt, er habe aus
Ärger über einen Hahn, der oft über die Hecke flog und im adeligen Garten
kratzte, seinen Nachbar, den Pastor, maustodtgeschossen.
Draußen, wo jetzt die alte Windmühle ihre Flügel dreht, hat vor Zeiten
ein Schloß gestanden. Es ist lange verschwunden, nur der Brunnen blieb
später noch sichtbar, bis schließlich das Gras darüber wuchs. Als die drei
Frölen, denen das Schloß gehörte, nach Bockeloh zogen, schenkten sie ihr
Land, die wiäme, der Pfarre, den Wald der Gemeinde. Dafür mußten die
Wiedensahler eine Abgabe in Geld entrichten. Mal ließ sich der Mann, der
es hob, mehre Jahre nicht blicken. Dem damals regierenden Burgemeister
kam es bedenklich vor, wenn es so weiter ginge und dann die Summe auf
einmal gefordert würde. Drum ging er los, um sich persönlich deshalb zu
erkundigen. In Bockeloh, wo die Sache bereits gründlich vergessen war, hat
man ihn sehr gelobt und freundlich entlassen mit der festen Versicherung,
daß die Rückstände eingezogen und die Abgabe wieder regelmäßig geholt
werden sollte, was denn auch pünktlich geschah.
Nicht weit von der Wiedensahler Grenze zieht sich im Schauenburger
Walde der Schanzgraben oder Drusenwall hin. Eine Stelle, an der er doppelt
ist, nennt man den Pferdestall. Rückten nun die Schlüsselburger von der
Weser her, wie sie öfters thaten, zum Sengen und Plündern aus, dann zogen
sich die Wiedensahler hinter den Wall zurück, und regelmäßig eilte ihnen der
tapfere Ritter von Bückeburg mit seinen Leuten zu Hülfe. Die Wiedensahler
waren nicht undankbar. So oft die gnädige Frau in Wochen kam, brachten
sie ihr Eier und junge Hähnchen. Was aber gutswillens geschah, wurde später
ein Zwang. Die Eier und Hähnchen mußten nach Bückeburg geliefert werden,
ob die Gnädige in Wochen war oder nicht. Bis um die Mitte des letzten
Jahrhunderts ist die Verpflichtung inkraft geblieben.
Die Zeit kramt alles um; nur thut sie es in abgelegener Gegend etwas
später als anderswo.
Erst mit den zwanziger Jahren verlor sich der Brauch, in der Hespe,
einem Fahrweg zwischen zwei Hecken, die Schweine von gemeindewegen
durchs wilde Feuer zu treiben.
*) Vergl. Nöldeke, Wilhelm Busch. S. i ff.
Noch zu Ende der dreißiger oder anfangs der vierziger Jahre sah man
das Halseisen, als Wahrzeichen einstiger Bußen, am steinernen Kirchhofsthor.
Alle ländlichen Häuser waren mit Stroh gedeckt. Über dem offenen
Heerde unter der oosten hing der Kessel oder stand der Topf auf dem Drei-
fuß. In der Döntzen am drehbaren Holzarm schwebte abends der Krüsel
mit Thran gefüllt.
Noch immer wurde der Taback, dreißig Pfund für n Thaler, auf dem
Wiedensahler Jahrmarkt von den Landsberger Bauern verkauft. Noch immer
holten sich die Großväter aus dem Wald ihren tunder und dörrten und
klopften ihn tüchtig, damit er gut Funken fing.
So war es einmal. Jetzt sind es »geschienten ut 61er weit«.
Höckelheim, August 1910.
O. Nöldeke.
I.VOLKSMÄRCHEN.
i. De häister un de willen duben.
Bi Fürst Erenst siner tit, ans dat swin Dirk häite un de käo Barteid, do
könne de häister dat beste näist bäon. Do käimen de willen duben na
öne hen un säen: »Nawer, will ji nich säo gäot wäsen un üsch*) dat 6k
lehren wo ji dat maoket?« »Jao, säe de häister, worümme dat nich; awerst
wat giäwe ji mi? »Die bunte kuh, die bunte kuh, die bunte kühle säen de
willen duben. Den häister was dat recht, un häi flog mee. Ans häi nu de
ersten sprikker te höp elegt harre, do menen de willen duben, säi können dat
nu ök all sülbenst un säen: »Nawer, gaet nu man weer hen, wi willt et nu
woll sülbenst fertig maoken.« De häister läit sik dat nich twäimaol seggen,
namm sine bunte käo un flog weg. — Do nu de willen duben awerst sülbenst
täo bäon anföngen, do käimen se man jümmer säo wit, ans de häister et säi
ewiset harre. Do föngen se an täo schräin*) un räipen: »Die bunte kuh,
die bunte kuh, die bunte kuh!« un menen, de häister schölle*) de bunte käo
weer herutgiäwen; awerst de häister was mit der käo wäge un blew wäge.
Darümme küent de willen duben ök vandage noch näin orntliket näist bäon
un räopet noch jümmer: »Die bunte kuh, die bunte kuh, die bunte kuh!« bet
up düssen dag. Un däi mi düsse geschiente*) verteilt hat, mit däne hebbe ek
sülbenst ekört.
2. Die [schwarze Prinzessin.
Es war einmal ein König und eine Königin, die kriegten gar keine Kinder.
Da sagte die Königin: »Ich wollte, ich kriegte ein Kind und wenn es auch
vom Teufel wäre.« Nicht lange darnach ward die Königin schwanger und
*) In allen plattdeutschen Stücken ist seh mit westfälischer Aussprache = s — ch oder s— k
zu sprechen. W. B.
gebar ein kleines Kind, das war eine Dirne. Sie ward, wie sie wuchs, von
Tage zu Tage schöner, so daß sie ein jeder, der sie sah, von Herzen gerne
leiden mochte. Den Tag aber vor ihrem fünfzehnten Geburtstage sagt sie auf
einmal zu ihrem Vater: »Morgen, Vater, muß ich sterben.« »Mein liebes Kind,«
sagte der König, »sprich mir doch nicht von sterben.« »Doch Vater! Ich
weiß gewiß, daß ich morgen sterben muß. Eins mußt du mir aber versprechen:
daß mein Sarg in der Schloßkirche vor den Altar gestellt und ein ganzes Jahr
lang jede Nacht Wache dabei gehalten wird. Wenn sich dann unter der Wache
Einer findet, der nichts Schlechtes gethan hat, so kann der mich wieder erlösen.«
Das mußte der König versprechen und ihr die Hand drauf geben.
Wie die Königstochter gesagt hatte, so kam es auch. Den andern Tag nahm
sie noch von Vater und Mutter Abschied, legte sich und starb und ward dar-
nach kohlschwarz. Der König ließ sie nun in ihrem Sarge in die Schloß-
kirche vor den Altar stellen mit einer Wache dabei, wie die Prinzessin es
verlangt hatte. Des Nachts, da die Glocke gerade Zwölf schlug, fuhr die Prin-
zessin aus ihrem Sarge, packte die Wache, drehte ihr den Hals um und warf
sie in ein finsteres Gewölbe, das da unter der Kirche war. Sobald aber die
Glocke Eins schlug, mußte sie wieder in ihren Sarg hinein. In der zweiten
Nacht ging es ebenso. Als die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochter
aus ihrem Sarge, drehte der Wache den Hals um und warf sie in das Gewölbe,
das unter der Kirche war. In jeder folgenden Nacht ging es ebenso; jeden
Morgen war die Wache verschwunden und kein Mensch wußte, wo sie ge-
blieben war. Nun wollte zuletzt keiner mehr bei der Königstochter wachen.
Da ließ der König im ganzen Lande bekannt machen: wer seine Tochter er-
lösen könnte, der sollte sie zur Frau haben und König werden.
Nun war da ein junger Schäfer mit gelben Haaren, der hieß Jakob, der
reiste nach der Königsstadt und ließ sich anstellen als Wache bei dem Sarge
der Prinzessin. In der ersten Nacht, da es kurz vor Zwölfe war und der
Schäfer daran dachte, daß die andern Wachen alle so sonderbar verschwunden
waren, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinter
ihm her: »Jakob, geh nicht fort, du kannst mich erlösen, wenn du drei Nächte
hintereinander an meinem Sarge wachst.« Da kehrte der Schäfer wieder um
und versteckte sich unter den Sarg der Prinzessin. Als nun die Glocke Zwölf
schlug, fuhr die Königstochter aus ihrem Sarge und suchte die ganze Kirche
durch; in dem Augenblick aber, wo sie an den Sarg kam und den Schäfer
eben fassen wollte, schlug die Glocke gerade Eins; da mußte sie wieder in
ihren Sarg hinein. In der zweiten Nacht, da es wieder bald Zwölfe war und
der Schäfer daran dachte, daß es ihm auch ergehen könnte wie den andern
Wachen, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinter
ihm her: /Jakob, geh nicht fort; du kannst mich erlösen.« Als der Schäfer
das hörte, kehrte er wieder um und versteckte sich in das Gewölbe, wo die
Leichen der früheren Wachen lagen. Er beschmierte sich Gesicht und Hände
ganz mit Blut, deckte einige der Toten über sich und verhielt sich so ruhig,
als ob er auch eine Leiche wäre. Als nun die Glocke Zwölf schlug, fuhr die
Königstochter wieder aus ihrem Sarge, durchsuchte die ganze Kirche und kam
auch zuletzt in das Gewölbe, wo der Schäfer unter den Leichen lag. »Dem
die Füße warm sind, der ist's I« rief sie und tastete zwischen den Leichen
herum. Schon war sie dem Schäfer ganz nahe, das Blut gerann ihm in den
Adern, da schlug die Glocke Eins. Nun mußte die Prinzessin wieder zurück
in ihren Sarg. — Am andern Morgen kam der König mit seinem ganzen Hof-
staate in die Kirche, um nach dem Schäfer zu sehen, und als sie das viele
Blut in seinem Gesicht und an seinen Händen sahen, erschraken sie und
meinten nicht anders, denn es sei ihm ein Leid widerfahren. Jakob aber
sprach: »Wisset, daß ich gesonnen bin, auch noch die dritte Nacht Wache
zu halten; Morgen früh Glocke Sechs, da kommt mit Pauken und Trompeten
und der ganzen Musik, denn entweder bin ich todt oder die Prinzessin ist
erlöst.« Das mußte ihm der König versprechen.
Kurz vor Zwölfe in der Nacht kroch der Schäfer unter den Sarg der Prin-
zessin, und als sie nun mit dem Schlage Zwölf herausfuhr, legte sich der
Schäfer schnell selber in den Sarg hinein. Nun suchte die Prinzessin die
ganze Kirche durch; als sie aber zuletzt auch an den Sarg kam, da schlug die
Glocke Eins. In demselben Augenblick fing die Prinzessin an zu sprechen und
sagte: »Jakob, ich danke dir viel tausend Mal; du hast mich nun erlöst.«
Von Stund an begann sie auch allmählich weiß zu werden, und Morgens
Glock sechs stand sie da in voller Schönheit und weiß wie zuvor. Da kamen
auch der König und die Königin mit ihrem ganzen Hofstaate und vielem Volk,
mit Pauken und Trompeten und voller Musik; und als nun Jakob mit der
Prinzessin an der Hand aus der Kirche trat, da rief alles Volk: »Vivat, unser
König Jakob!« und wollte des Jubilierens kein Ende wrerden.
3. Das Öl der Zwerge.
Es ist einmal eine Hebamme gewesen, zu der kam in der Nacht ein kleines
Männlein mit einer Laterne und forderte sie auf, eilig mit ihm zu gehen. Sie
nahm ihren Mantel über und folgte dem Zwerge, welcher über Feld und
Wiesen voranschritt bis zu einem Wasser, unter welchem er seine Wohnung
hatte. Hierinnen lag die Frau des Zwerges in Kindesnöten. Nachdem die
Hebamme ihr Beistand geleistet und das Kindlein geboren und gewaschen war,
reichte ihr das Männlein ein Glas mit wohlriechendem Öle und forderte sie
auf, das Kindlein damit einzureiben. Nun hatte die Hebamme trübe, thränende
Augen und darum die Gewohnheit, von Zeit zu Zeit mit der Hand darüber
zu streichen. Als sie nun so mit dem Einreiben des Kindes beschäftigt war.
juckte und flirrte es ihr auch wieder in dem einen Auge, so daß sie mit dem
Finger herüberfuhr und es auswischte.
Nachdem sie nun das Kind angezogen hatte und sich zum Weggehen an-
schickte, gab ihr der Zwerg einiges Geld. Sie ging darauf an das Bett der Wöch-
nerin, um ihr gute Besserung zu wünschen und Adieu zu sagen. Die Wöchnerin
zog sie aber nahe zu sich und sagte ihr heimlich ins Ohr: sie sollte das Geld,
welches ihr der Mann gegeben, nur wegwerfen, aber statt dessen den Kehricht
aufraffen, der da vor der Stubentür an der Schwelle läge. Das that sie, behielt
aber doch auch das Geld. Während dem hatte der Zwerg seine Laterne
wieder angezündet, begleitete die Hebamme nach Hause und verabschiedete
sich von ihr, nachdem er sich noch vielmals für die gute Hilfe bedankt hatte.
Als jetzt die Frau nach ihrem Gelde sehen wollte, war es Pferdemist, der
Kehricht aber war eitel rothes Gold.
Einige Zeit darnach ging die Hebamme zum Jahrmarkt in die nächste Stadt
und gedachte da tüchtig einzukaufen, denn sie hatte nun Geld in Menge. Sie
mußte sich ordentlich drängen lassen, so voll war's da auf dem Markte. Da
sah sie auf einmal denselben Zwerg, der sie in der Nacht zu seiner Frau geholt
hatte; er ging von einer Krambude zur andern und packte in seinen Schnapp-
sack, was ihm gefiel, schöne Honigkuchen und gute, braune Pfeffernüsse, Bänder
und Tücher, ohne daß die Eigentümer das Geringste zu merken schienen. Die
Frau drängte sich zu ihm hin, tupfte ihm mit dem Finger auf die Schulter und
redete ihn an: »Sieh da! Guten Tag, guten Tag, Herr Zwerg! Auch hier?«
Der Zwerg drehte sich rasch um und sah die Frau so recht verwundert an.
»J! Frau!« — sagte er — »kann Sie mich denn sehen?« »Oja, recht gut! Warum
das nicht?« »Und mit beiden Augen?« fragte der Zwerg. Die Frau hielt das
rechte Auge zu. »Nein, nun sehe ich ihn nicht.« Darauf drückte sie das linke
Auge zu. »Ja, nun sehe ich ihn wieder.« »J!« — sagte der Zwerg — »das ist
doch sonderbar! Zeige Sie mal her! Puh!« Da pustete er ihr ins rechte Auge,
daß es sogleich blind wurde und sie nicht wieder damit sehen konnte ihr
Lebelang.
4. Ilsabein.
Es war einmal ein Mädchen, hieß Ilsabein, das hatte rothe Augen und
konnte auch nicht zum Besten damit gucken; darum so wurde es alt und
wartete lange vergeblich auf einen Freier, der es möchte unter die Haube
bringen. Endlich ließ sich einer melden auf den Nachmittag, denkend: »es
wird so schlimm nicht sein, wie's die Leute machen, du sollst dich selbst erst
überzeugen, ob das Mädchen wirklich nicht gut sehen kann.« Da stellte Ilsabein
beizeiten eine Leiter an die Hausthüre, nahm eine Nähnadel von der feinsten
Sorte und steckte sie hoch oben in den Thürriegel. Nach Mittag kam der
Bräutigam richtig an, und Ilsabein, die ihn schon erwartet hatte, sprang ihm
munter auf dem Hof entgegen und faßte ihn bei der Hand, daß sie ihn ins
Haus brächte. »Sieh doch einmal, mein Schatz!« sprach sie da, »dort oben im
Thürriegel steckt wahrhaftig eine Nähnadel.« »Ei wirklich!« sagte der Freier,
der seine Augen ordentlich anstrengen mußte, um die Nadel in der Höhe zu
bemerken, »das ist wirklich eine Nähnadel!« und dachte bei sich: »Das Mäd-
chen sieht doch schärfer, als die Leute wohl denken mögen; die nimm nur!'
So gingen sie denn ganz einmüthig zusammen in die Stube und setzten sich
an den Tisch. Mit dem so brachte die Muhme das Vesperbrod herein, hatte
auch eine schöne große Butterbemme beigelegt und stellte das alles vor die
Brautleute auf den Tisch. Wie nun Ilsabein die große Butterwälze da so auf
dem Tische stehen sah, meinte sie nicht anders, als ihre weiße Katze wär's,
welche von dem Vesperbrode naschen wollte. »Schuh!« rief sie, »KatzutI« und
klappte mit der Hand in die weiche Butter. Da merkte der Freier, daß das
Mädchen doch nicht gut sehen konnte, stand auf, sah nach der Uhr und that,
als ob er noch etwas Eiliges zu bestellen hätte. »Ich muß jetzt fort,« sagte er,
»Adieu, mein Schatz, bis Morgen!« Damit ging er zur Thüre hinaus, kam aber
niemals wieder, so daß die arme Ilsabein wieder warten und warten mußte;
und wenn sie noch nicht gestorben ist, dann wartet sie heute noch.
5. Gerdmann un Alheid.
Dar was äis en gante un en goos, un de gante häit Gerdmann un de
goos häit Alheid, de beiden güngen in der harwesttit te hope henut up dat
stoppelfeeld un föngen dar täo fräten an. Gerdmann, ans de kläukeste, bleef
jümmer up den hogen rüggen van'n stücke, wo häi säen könne, wat rund
ümme her passiren döe, de goos Alheid fratt awerst in der däipen fore hendal,
dar stünnen de besten greunen spiere, denn dat wäit'n woll, dat et dar jümmer
natt is, un wenn emeihet werd, säo kann'n ok mit der seessen nich orntliken
heninraken. Et dure nich lange, säo maoke Gerdmann up äis sinen hals säo
lang un keek sick ümme. Do sach häi, dat de voss ganz liseken längs in
der fore herdal sleek un der goos jümmer nöger kam. Do wolle häi der
goos beschäid seggen un räip:
»Alheid!
Sühst du nich, wat dar in der fore geit?«
De goos bleef awerst jümmer mit fräten värtüge un antwore nix ans:
»Tatterattatt, tatterattatt!
Ette wat, ette wat!«
un meene, Gerdmann schölle fräten un dat kören laten.
De voss, de sick mitterwile dal eduked harre, kam nu weer nöger un
nöger. Do räip Gerdmann täon twäiten male:
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»Alheid!
Sühst du nich, wat dar in der fore geit?«
Awerst Alheid keek sick nich ümme un antwore nix ans:
»Tatterattatt, tatterattatt!
Ette wat, ette wat!«
Dat schölle säo viäl häiten ans: kör hen, kör her! ek säie nixl
Mit dessen was de voss ganz dichte herbi ekuomen; un Gerdmann räip
täon drüdden male:
»Alheid!
Sühst du nich, wat dar in der fore geit?«
Un de goos antwore weer :
»Tatterattatt, tatterattatt!
Ette wat, ette wat!«
In densülbigen ogenblicke sprung de voss täo un packe mine läiben
goos bi'n hals. Do fong se an täo schräin un räip: »Gerdmann, Gerdmann,
help mi doch! Sühste nich, wo häi mi ritt, wo häi mi tüht?!«
»Recht di dat, recht di da — at!« räip Gerdmann, breede sine flitke ut
un streek aber dat feeld hen na sinen dörpe hentäo.
Dat, min junge, is de geschiente van den kläoken ganten Gerdmann un der
dummen goos Alheid.
Gerdmann und Alheid
(hochdeutsch).
Gerdmann der Gante und Alheid die Gans gingen mal in der Herbstzeit
aufs Feld hinaus. Gerdmann, der vorsichtige, blieb auf dem hohen Rücken
des Ackers, von wo er weit umher sehen konnte, während Alheid in der tiefen
Furche fraß, weil da die grünsten Spiere standen. Als nun der Fuchs heran
geschlichen kam, rief Gerdmann warnend:
»Alheid,
sühste nich, wat dar in der fore geit?«
Doch Alheid schnatterte sorglos:
»tatterrattat!
ette wat, ette wat.«
Inzwischen schlich der Fuchs immer näher. Zweimal noch vergebens erhob
Gerdmann seine warnende Stimme. Jetzt sprang der Fuchs zu und packte
Alheid beim Halse. Da schrie sie kläglich:
»Gerdmann, Gerdmann, sühste nich,
wo häi mi ritt, wo häi mi tüht?«
Aber Gerdmann rief:
Recht di da — t, recht di da — t!«
breitete seine Fittiche aus und flog ins Dorf zurück.
»4
6. Das harte Gelübde.
In einem wilden, wüsten Walde verirrte sich eine Frau. Als nun die
dunkle Nacht hereinbrach, überkam die Frau eine große Angst, so daß sie
seufzend sprach: »Weh! Wie komme ich zu Haus! Wenn doch wer käme und
mir den Weg wiese aus dieser Wildnis!« Da trat aus dem Gesträuch ein graues
Männchen. »Wenn du mir versprichst, Frau, was du jetzt unter deinem
Herzen trägst, so will ich dich hinausgeleiten, daß du bald zu Hause bist.«
Das versprach die Frau in ihrer Angst, und als sie es versprochen hatte, lachte
das Männchen mit Hohn laut auf und rief: »Der Knabe unter deinem Herzen
ist mein! Nach zwölf Jahren bringst du ihn mir zu dieser selben Stunde, zu
dieser selben Stelle, oder ich fordere ihn selbst. Dann will ich ihm drei Fragen
aufgeben; kann er die beantworten, so habe ich keine Macht über ihn; sonst
gehört er mir für alle Ewigkeit.«
Darauf brachte das graue Männchen die Frau bald aus dem Walde, daß
sie wieder zu Haus kam.
Eine Zeit darnach kriegte die Frau einen kleinen Jungen, der war ein
stilles gutes Kind, wuchs heran und war so gelehrig, daß sich alle Leute
darüber verwundern mußten. Seine Mutter aber hatte keine frohe Stunde
mehr; immer und immer mußte sie daran denken, daß sie ihr liebes gutes
Kind dem Bösen versprochen hatte. Wenn sie dann dem Knaben sein Brot
schnitt, so sah sie ihn immer so traurig dabei an und konnte das Weinen nicht
lassen. Da faßte das Kind ihre Hand und sagte: »Mutter, warum seid Ihr
nur so traurig und weint in einem fort? Gebt Ihr mir das Brot nicht gern,
oder bin ich nicht gut und folgsam, daß Ihr immer weinen müßt, wenn Ihr
mir das Brot gebt? Das sagt mir doch!« Aber sie weinte nur immer mehr
und mochte es ihm nicht sagen, was ihr das Herz so schwer machte ; bis
der Knabe so lange bittend in sie drang, daß sie es doch endlich erzählte,
wie sie sich in dem wilden Walde verirrt habe, wie das graue Männchen ge-
kommen sei und daß sie ihm das Kind unter ihrem Herzen versprochen habe.
»Mutter,« sagte da der Knabe, »das war hart! Doch laßt das Weinen und seid
nur wieder froh; mit Gottes Hülfe mag noch endlich alles gut werden.« Darauf
ist der Knabe noch lerneifriger geworden als vorher, und in der Schule haben
ihm seine Lehrer alle Fragen, die nur zu erdenken gewesen sind, aufgeben
müssen, und als er nun sein zwölftes Jahr erreichte, da hat er alle und alle
Fragen beantworten können.
Zu der bestimmten Stunde brachte die Frau den Knaben in den Wald,
und gingen auch seine Lehrer und viele Leute mit. Als sie nun bald zu der
Stelle kamen, mußten sie alle zurückbleiben; da ging der Knabe allein irei-
mütig in den Busch, und ob ihm gleich durch des Bösen Anstiften allerlei
feurige Gespenster begegneten, auch ein Fuder Heu mit Ochsen bespannt auf
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ihn zu kam, ihn zu schrecken, so ließ er sich doch nicht wirren, ging weiter
und kam zur Stelle, wo das graue Männchen ihn erwartete. »Es ist dein
Glück, daß du gekommen bist!« sprach er; »nun gib mir Antwort auf drei
Fragen; kannst du sie nicht lösen, so greif ich dich.« »Sag her!« erwiderte
mit ruhigem Mute das Kind. Da fragte das Männchen: »Was ist härter als
ein Stein?« Das Kind antwortete: »Mutterherz.« »Was ist weicher als ein
Daunenbett?« Das Kind antwortete: »Mutterschoß.« »Was ist süßer als Milch
und Honig?« Das Kind antwortete: »Mutterbrust.« Da ist das Männchen ver-
schwunden und abgestunken.
Als nun das Kind unversehrt heraustrat, sahen die, welche zurückgeblieben
waren, daß ihm der Arge nichts hatte anhaben können, und freuten sich, denn
alle hatten das Kind lieb, weil es so klug war und so gut; da hat auch seine
Mutter wieder frohe Tage erlebt.
-ö'
7. Die böse Stiefmutter.
Meine Großmutter hat mir erzählt, es wäre mal eine kleine hübsche Dirne
gewesen, die hat eine Stiefmutter und auch eine Stiefschwester gehabt. Die
Stiefmutter ließ ihre rechte Tochter immer in schönen Kleidern' gehen und
that ihr alles zu Willen; sie brauchte auch gar nicht zu arbeiten; aber die Stief-
tochter mußte den ganzen lieben Tag draußen am Brunnen sitzen und Garn
winden, daß ihr der Faden zuletzt die Finger ordentlich blutig schnitt. Davon
hatte sie aber wenig Dank, mußte immer in lumpigem Zeuge gehen, und ihre
Stiefmutter sagte ihr nichts als böse Worte. So saß sie auch mal wieder und
wand und wand, und die Hände wurden ihr zuletzt so lahm von allem wickeln,
daß ihr unversehends der dicke Knäuel in den Brunnen sprang. Da kriegte
sie große Angst, denn die böse Stiefmutter hätte sie gewiß geschlagen, wenn
sie den Knäuel nicht wiederbrachte. Darum stieg sie in den Brunnen hinab;
der war wohl tief, aber ganz zerfallen und kein Wasser mehr drinn.
Wie das Mädchen nun unten auf den Boden kam, so war da eine ordent-
lich kleine Thür, die machte sie auf und ging hindurch; da war alles frei und
schön. Dicht neben der Pforte lag auf einem Blocke ein großes scharfes Beil
und Holz dabei, das rief: »Hau mich entzwei, hau mich entzwei!« Da nahm
das Kind das Beil und hackte das Holz. Als es das gethan, ging es weiter
und kam zu einem Backofen, drinnen rief das Brot: »Zieh mich raus, zieh
mich raus.< Da zog das Kind das Brot aus dem Ofen, und als es nun weiter
ging, begegnete ihm eine Kuh, die rief: »Melk mich, melk mich!« Das tat
das Mädchen auch und ging weiter. Nicht lange, so begegnete ihm eine Ziege,
die rief: »Melk mich, melk mich!« Als das Mädchen die auch gemelkt hatte,
ging es weiter und kam zuletzt an ein Haus, davor saß eine alte Frau und
spann und hatte einen Hund und zwei Katzen bei sich. »Du mußt nun bei
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mir bleiben,« sprach die Alte zu dem Kinde, und sollst es gut haben, wenn
du alle Tage meinen Hund und meine beiden Katzen ordentlich flöhen willst;
und dann habe ich da drei Stuben; zwei davon mußt du jeden Morgen hübsch
ausfegen, aber in die dritte darfst du bei Leibe nicht gehen, sonst geht's dir
schlecht.«
Da ist denn das Mädchen bei der alten Frau geblieben, hat den Katzen
und dem Hunde alle Tage ordentlich den Pelz besehen und auch die beiden
Stuben gefegt; aber in die dritte Stube ist es nicht hineingegangen.
Als nun der Sonntag herankam, zog die alte Frau ihr Sonntagskleid an und
sagte zu dem Kinde: »Ich will jetzt zur Kirche, darum geh mir derweilen nicht
weg, sondern achte gehörig auf das Haus.« Damit ist sie fort in die Kirche
gegangen. Das Mädchen aber, während es so ganz allein im Hause war,
überkam eine große Neugierde zu wissen, was die alte Frau wohl in dem
dritten Zimmer haben möchte; es ließ ihr auch nicht eher Ruhe, bis sie das
Zimmer aufgeschlossen hatte. O Leute! Was war da für vieles Geld! Ein
Sack stand neben dem andern; hier Kupfergeld, hier Silbergeld, da nichts als
lauter Gold. Da raffte das Mädchen schnell einen kleinen Sack voll Gold
in seine Schürze, sprang aus dem Hause und fort.
Zuerst begegnete ihm die Ziege, der rief es zu: »Verrath mich nicht!«
»Ich verrath dich nicht,« sagte die Ziege; »aber lauf was du kannst.« Da kam
es zu der Kuh und rief wieder: »Verrath mich nicht!« »Ich verrath dich nicht,
sagte die Kuh; »aber lauf was du kannst!« Da lief das Mädchen weiter, so
schnell es nur konnte.
Mittlerweile war aber auch die alte Frau aus der Kirche wieder nach
Hause gekommen; als sie sah, daß die dritte Stube offen und das Mädchen
fort war, sprang sie schnell hinaus und hinterher. Zuerst kam sie zu der
Ziege und fragte: »Ist hier nicht eben eine kleine Dirne vorbeigelaufen :-.
»Ne!« sagte die Ziege; »ich habe hier keine Dirne gesehen.« Da lief die
Alte weiter zu der Kuh und fragte wieder: »Ist hier nicht eben eine kleine
Dirne vorbeigelaufen ?« »Nein!« sagte die Kuh; »ich habe keine Dirne laufen
sehen.« Da ist die alte Frau wieder umgekehrt, denn sie hat gemeint, das
Mädchen müßte wohl einen andern Weg gelaufen sein.
Das Mädchen ist aber glücklich durch den Brunnen wieder heraufge-
kommen, ist zu seiner Stiefmutter und seiner Stiefschwester gelaufen und hat
ihnen das viele Gold gezeigt und gesagt: »Seht! Das habe ich alles von einer
alten Frau gekriegt, die da unten im Brunnen wohnt.« Wie das die Stief-
schwester hörte, trieb sie der Neid, daß sie auch alsbald in den Brunnen hinab-
stieg, die alte Frau zu suchen, von welcher ihre Schwester das Gold hatte.
Sie fand unten auch die kleine Thür, und als sie hindurchging, lag da der
Klotz mit dem großen Beil und Holz daneben, das rief: »Hau mich entzwei,
hau mich entzwei! »Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen, denn es
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war ganz erschrecklich laul und mochte keine Arbeit tun. Als es eine Strecke
weiter gegangen war, kam es zu einem Backofen, darinnen rief das Brot: »Zieh
mich raus, zieh mich raus!« »Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen
und ging weiter. Mit dem, so begegnete ihr eine Kuh, die rief: »Melk mich,
melk mich!« »Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen, und als es nun
weiterging, kam es zu einer Ziege, die rief auch: »Melk mich, melk mich!«
»Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen wieder und ging ihres Weges.
Zuletzt kam sie auch an das Haus, wo die Alte saß und spann. »Du mußt nun
bei mir bleiben,« sprach die Alte, »und sollst es gut haben; aber jeden Tag
mußt du meinen Hund und meine beiden Katzen ordentlich flöhen; und dann
habe ich drei Stuben, davon mußt du zwrei jeden Morgen hübsch ausfegen,
aber die dritte darfst du ja nicht aufmachen, sonst geht es dir schlecht.« Da
ist denn das Mädchen bei der alten Frau geblieben.
Den nächsten Sonntagmorgen, als es Zeit war in die Kirche zu gehen,
zog sich die Frau hübsch an, nahm ihr Gesangbuch und sagte, als sie weg-
ging: »Ich will jetzt mal in die Kirche; darum so achte mir ordentlich auf
das Haus, bis ich wiederkomme.« Damit ist sie fortgegangen. »Jetzt ist's
Zeit!« dachte das Mädchen; »nun sollst du doch mal zusehen, was in der
dritten Stube ist!« Und als es die aufmachte, stand da ein Goldsack neben
dem andern. Schnell raffte es sich die Schürze voll Goldstücke und lief fort
aus dem Hause.
Mittlerweile war aber auch die alte Frau aus der Kirche zurückgekommen.
Als sie sah, daß die dritte Stube offen und das Mädchen fort war, sprang
sie schnell hinaus und hinterher. Zuerst kam sie zu der Ziege und fragte:
»Ist hier nicht eben eine kleine Dirne vorbeigelaufen?« »Jawyohl!« sagte die
Ziege; »da ist sie hingelaufen.« Dann kam die Frau zu der Kuh und fragte
wieder: »Ist hier nicht eben eine kleine Dirne vorbeigelaufen?« »Ja wohl!«
sagte die Kuh; »dort hinten läuft sie noch.« Da hat sich die alte Frau ge-
tummelt, was sie nur konnte, und gerade, als das Mädchen durch die Brunnenthüre
entspringen wollte, faßte es die Alte bei den Haaren, nahm das große Beil,
was da lag, und hackte ihm damit den Kopf ab.
8. Die Zwerghütchen.
Mi is fär wisse un wohr verteilt, et harre sick täo edrägen, ans en scheper
des abends bi sinen schapen up'n feele lag, dat dar dichte bi ohne herum
fine stimmen wach wören, däi räipen äin na'n ander: »Smiet häutken herut,
smiethäutken herut!« »I!« dachte de scheper, »dat schost du doch ok äis räopen«,
un räip ok: »Smiet häutken herut, smiet häutken herut!« Do antwore'ne
stimme ut der ere: »Is näine mehr, ans den grotevaar sin häot?« »Is ok all gäotl«
säe de scheper, un kuum dat häi dat woord esegt harre, säo satt ok all en
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häot up sinen koppc, un häi sach nu, dat rund ümme ohne herum viäle lütke
twarge wören, de danzen, süngen un Sprüngen. »Juchhe, hochtit! Scheper
ga mee! \vi willt üsch äis en recht lustigen abend maoken.« Un do verteilen
säi den scheper, dat säi in't dörp na'r hochtit wollen un spreuken ohne täo,
dat häi ok mee gaen schölle, denn säo lange ans en jeder sinen häot up'n
koppe behaue, säo lange könne säi näin minsche täo säin kriegen.
De scheper läit sick bekören un gung mee; un up der hochtit dar wören
säi alle recht lustig, drünken win un äiten braen un dicken ries, säo viäl ans
säi man jümmer möchten. Ans de twarge nu genäog egiäten un edrunken
harren un weer na hus mössten, häilen säi rat ünder sick, wo säi't wol up'n
besten anföngen, dat säi den scheper den häot weer afnäimen, denn öhren.
grotevaar sinen häot dröften säi doch nich in Stiche laten. Xu was awerst
de scheper säo lang un groot tiägen de twarge, dat säi ohne gar nich afrecken
können, un mit goen den häot weer hergiäben dat wolle häi ok nich. »Teuf!
dachten do de twarge; di will wi anführen!« un bekören den scheper, de ok
all en lütken täo viäl harre, häi schölle sick spaosses halber äis da boxen los
maoken un sick baben den grooten riesnapp setten, de dar vär brut un bröejam
up'n dische stund. De scheper, de sick up sine unsichtbarkeit verläit, döe
dat ok; säo bolle awerst, ans häi sick nu lütk un krumm maoke, sleugen
ohne de twarge sinen häot van'n koppe un läipen weg. Dar satt nu de
scheper up äis anse botter an der sünnen, un en jeder äine was an't erste
ganz verwundert un röge sick nich. Dat dure awerst nich lange, do füngen
de fräonslüe luer täo juuehen an un de kerelslüe haolen öhre witkedören
stöcker ut der ecken un swüngen den swiniägel foorts täo'r dönzen un darna
täo'n huse henut.
Die Zwerghütchen.
(Hochdeutsch.)
Als eines Abends ein Schäfer bei seiner Herde auf dem Felde lag, sah
er viele ganz kleine Zwerge, die riefen in ein Erdloch hinein:
Smiet häutken herut,
und jeder kriegte ein Hütchen herausgeworfen, und wenn er es aulsetzte,
wurde er unsichtbar. Das gefiel dem Schäfer. Er rief auch in das Loch:
Smiet häutken herut.
Da rief es von innen: Is näine mehr
ans den grotevaar sin häot.
Aber der Schäfer antwortete: Is ok all gäot.
Und das traf sich auch günstig, denn der größere Hut war für den dicken
Kopf des Schäfers grad passend. Im Dorf war Hochzeit. Da gingen die
Zwerge hin, und der Schäfer ging mit, und weil sie keiner sehen konnte,
aßen und tranken sie, so viel sie nur wollten. Nun hätten die Zwerge ihrem
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Großvater seinen Hut dem Schäfer gern wieder abgenommen. Sie konnten
nur nicht dran reichen. Da beredeten sie den Schäfer, er sollte sich doch
über die große Schale mit Reisbrei, die auf dem Tische stand, zum Spaß mal
in die Hurke setzen, und wie er das tat und sich klein machte, schnupp,
rissen ihm die Zwerge den Hut weg, so daß er plötzlich dasaß in seiner Blöße
vor den Augen der Hochzeitsgäste. Und so 'ne Tracht Schläge, wie da, meinte
der Schäfer, hätt er vorher noch nie gekriegt.
9. Königin Isabelle.
Es hatte ein armer Mann einen einzigen Acker; da kamen die großen
reichen Bauern daher, fragten nicht lange, sondern bauten auf des armen
Mannes Acker einen langen Schafstall. Alle Einreden waren vergeblich, so
daß der Mann mit seiner Klage endlich vor den König ging. »Gib dich
nur zufrieden,« sprach der König; »ich will dir einen andern Acker geben.«
Das that er auch.
Wie nun der Mann daran ging, ihn zu bestellen, grub er aus der Erde
heraus einen goldenen Mörserkolben, aber den Mörser dazu konnjte er nicht
finden, so viel er auch suchen mochte. Da sprach er zu seiner Tochter, die
hieß Isabelle: »Isabelle«, sprach er, »der König hat uns doch das Land ge-
schenkt, nun will ich ihm auch den goldenen Kolben schenken, den ich in
dem Lande gefunden habe.« Darauf entgegnete Isabelle: »Ich rath Euch, Vater,
laßt das lieber sein ; denn wenn der König den Stößer sieht, so wird er auch
nach dem Mörser fragen, und wenn Ihr den nicht schaffen könnt, so wird
er meinen, Ihr hättet ihn für Euch behalten.« Aber der Mann ließ sich nicht
bereden, sondern ging hin vor den König. »Mit Gunst, Herr König! Ich
wollte Euch wohl einen goldenen Stößer bringen, den habe ich in dem Acker
gefunden, den Ihr mir neulich geschenkt habt, so Ihr noch wohl wissen
werdet.« »Gut das!« sprach der König; »aber, lieber Mann', der Mörser, wo
ist denn der?« »Mit Verlaub, Herr, den Mörser fand ich nicht, so viel ich
auch gesucht habe.« »Ei Mann!« sprach der König; »wo der Stößer ist, da
muß doch auch der Mörser sein; du möchtest ihn wohl gern für dich behalten?«
»Gewiß und wahrhaftig, Herr König, den Mörser habe ich nicht.« »Ja, warte
nur, Bösewicht!« fuhr der König voll Zorns heraus; »ich will dich setzen
lassen bei Wasser und Brot, und nicht eher sollst du loskommen, bis du
mir kund tust, wo du den Mörser ließest, der zu dem goldenen Stößer gehört.«
Da ließ der König den armen Mann ins Gefängnis werfen; der fing an zu
klagen und rief in einem fort: »Hätt' ich doch meiner Töchter geglaubt!«
Als das dem König hinterbracht wurde, ließ er ihn vor sich fordern und
fragte ihn, warum er denn immer riefe: »Hätte ich doch meiner Tochter
geglaubt!« Da erzählte er dem Könige, wie ihm seine Tochter vorhergesagt
hätte, daß es alles so kommen würde. Sprach darauf der König: «Wenn Eure
Tochter wirklich so klug ist, wie Ihr sagt, so mochte ich sie wohl sehen
und auf die Probe stellen.« Und sogleich sandte er seine Diener aus und
ließ sie rufen.
Als Isabelle nun vor den König kam, redete er sie an und sprach: »Ich
habe viel von deiner Klugheit reden hören, darum will ich dir jetzt eine Auf-
gabe stellen, du sollst zu mir auf mein Schloß kommen; nicht nackt und nicht
bekleidet, nicht gegangen und nicht geritten, nicht zu Pferde und nicht zu
Wagen, nicht bei Tage und nicht bei Nacht; wenn du das kannst, so will
ich dich zur Frau nehmen und sollst die Königin sein. < Da hat das Mädchen
gesagt: ja, das wollte sie wohl können und ist fortgegangen.
Den nächsten Mittwoch nahm sie ein Fischnetz, da kroch sie splitternackt
hinein, band es einem Esel an den Sattel, doch so, daß sie eben mit den
großen Zehen den Boden streitte und ließ sich hintragen zu des Königs
Schlosse; so kam sie denn an: nicht nackt und nicht bekleidet, nicht gegangen
und nicht geritten, nicht zu Pferde und nicht zu Wagen, nicht bei Tage und
nicht bei Nacht, denn es war an einem Mittwoch*) morgen. Als das der König
sah, verwunderte er sich zum höchsten über ihre Klugheit und sprach: Ich
will dich nun zu meiner Frau annehmen; nur eins muß ich mir zuvor noch
ausbedingen, daß du mit allem zufrieden bist, was ich thue, es mag sein, was
es will; solltest du aber jemals dawider sein, so werde ich dich aus meinem
Hause verstoßen.« Das mußte sie dem Könige versprechen; der nahm sie
dann zur Frau.
Eine Zeit darnach kriegte die Königin ein kleines Kind, das war ein
Mädchen. Da sprach der König: »Ich will das Kind von der Welt schaffen
lassen; wir haben doch nur Last davon.« Da bebte der Königin das Herz
in der Brust vor Schrecken, aber doch blieb sie ihrem Versprechen getreu
und antwortete: »Wenn Ihr es wollt, Herr, so bin ich zufrieden.« So ließ
denn der König das Kind von seinen Dienern hinwegtragen.
Es verging eine Zeit, da kriegte die Königin ein zweites Kind, das war
ein Knabe; und wieder sprach der König: »Ich will das Kind von der Welt
schaffen, wir haben doch nur Last davon.« »Wenn es Euer Wille ist, Herr,
so bin ich zufrieden«, sagte Isabelle, ob es ihr gleich an die Seele ging, daß
sie sich von ihrem lieben, unschuldigen Kinde scheiden sollte. So ließ es
denn der König durch seine Diener hinwegtragen. Die Zeit verging, aber
die Königin kriegte nun keine Kinder mehr; sie verschloß ihre Traurigkeit
in der Brust, ohne jemals gegen den König zu murren.
Nun trug es sich einstmals zu, daß ein Bauer mit seiner Mähre über
Feld zog, und als er zu eines andern Bauern Hofe kam, wo er Geschäfte
*) Plattdeutsches Sprichwort: middewiäken is näin dag.
hatte, band er derweilen sein Pferd an einen Wagen, der mit Heu beladen
war. Da traf es sich, daß die Mähre ein Füllen warf; das freute den Mann
sehr; als er aber das Füllen mit sich hinweg führen wollte, trat der, welchem
das Fuder Heu gehörte, hinzu und sagte: das ginge nur nicht so; das Füllen
käme von Rechts wegen ihm zu, weil die Mähre an seinem Fuder Heu
gestanden hätte, als sie das Füllen zur Welt brachte. Weil sie nun darüber
in heftigen Streit geriethen, so gingen sie zuletzt mit ihrer Klage vor den
König; der that den Ausspruch: daß der das Füllen haben sollte, an dessen
Wagen die Mähre gestanden hätte. Der Bauer, dem das Füllen zugesprochen
war, ging mit lachendem Munde fort, der andere aber war ganz traurig über
des Königs ungerechte Entscheidung. Da ward ihm gesagt, er solle zur
Königin gehen, die wäre sehr klug und herzlich gut und könne ihm vielleicht
einen nützlichen Rath geben. Ging da der arme Bauer zu der Königin und
stellte ihr seine Sache vor. Da sprach sie: »Kaufe dir ein Fischnetz, und
Morgen früh, wTenn der König mit seinen Leuten durch die Stadt gehet, ziehe
das Netz über die Pflastersteine, als wolltest du Fische fangen. Wenn dich
dann der König fragt, so antworte ihm: »ebensogut, wie ein Fuder Heu ein
Füllen werfen kann, ebensowohl kann ich auf dem Pflaster hier auch Fische
fangen.« Der Bauer that, wie ihm die Königin gesagt hatte; und 'als er nun
am andern Morgen sein Netz durch die Straßen zog, kam der König mit
seinen Hofleuten auch bald des Wegs gegangen und fragte verwundert: was
er denn da thäte. »Ich fische,« sagte der Bauer. »Aber, guter Freund,« sprach
der König, »wie magst du in den Straßen fischen, da doch kein Wasser ist?«
»Ei, Herr!« entgegnete der Bauer; »ebensogut, wie ein Fuder Heu ein Füllen
zur Welt bringen kann, ebensogut kann ich auf der Straße hier auch Fische
fangen.« Da erkannte der König den Bauer wieder und sprach: »Du sollst
dein Füllen ersetzt haben; aber den Einfall mit dem Netze, den kann dir
niemand gesagt haben, außer der Königin, das merk ich wohl.« Jetzt ist der
König von da gleich zu der Königin gegangen und hat gesagt: »Ich sehe
wohl, daß dir, was ich thue, nicht recht ist; darum mußt du noch heute mein
Haus verlassen und hingehen, woher du gekommen bist.« »Wenn das euer
Wille ist,« sprach Isabelle, >so will ich auch zufrieden sein.« Da ließ ihr
der König alte zerrissene Kleider geben und verstieß sie, daß sie arm und halb
nackt wieder zu ihres Vaters Hause kam; aber doch sprach sie wider den
König kein böses Wort.
Über eine Zeit, da ließ der König bekannt machen, daß er sich wieder
vermählen wolle; und als nun die Hochzeit sein sollte, sandte er einen Boten
an Isabelle: sie möchte doch kommen und in der Küche behülflich sein.
»Wenn es der König wünscht,« ließ sie widersagen, »so will ich es gerne
thun.« Zur bestimmten Zeit ging sie hin und half in der Küche, und als alles
zum Essen bereit war, ließ ihr der König hinaussagen : ob sie nicht einmal
hereinkommen und die neue Braut sehen wollte. Wie sie nun hereintrat,
saß da neben dem König eine junge schöne Prinzessin und auch ein junger
Prinz. Da sprach der König: »Das ist meine Braut; nun sag, Isabelle, wie
gefällt sie dir?« »O, sehr gut,«; sagte sie; aber bei den Worten brach ihr
Schmerz hervor, daß sie bitterlich weinen mußte. »Weine nicht, Isabelle,«
sprach der König und faßte sie bei der Hand; »sieh I die da sitzt, ist nicht
meine Braut, sondern unsere Tochter, und da ist auch unser Sohn ; sie sind
nicht todt, wie du geglaubt hast, sondern gesund und wohl ; deine Prüfungs-
zeit ist aus, und nun sollst du wieder frohe Tage haben.« Da sind die Kinder
ihrer Mutter um den Hals gefallen und alle haben sie angefangen zu weinen
vor lauter Freude. Der König aber und die Königin haben noch einmal
Hochzeit gehalten und haben glücklich zusammengelebt bis an ihr Ende.
10. Die bestrafte Hexe.
Es ist einmal eine rechte alte Hexe gewesen, die hatte zwei Töchter,
eine rechte Tochter und eine Stieftochter, und die Stieftochter war schön
und gut, die rechte Tochter aber boshaft und häßlich. Da kam ein junger
Jäger, nahm die Stieftochter zur Frau, weil sie ihm gut gefiel und zog mit
ihr in sein Haus, das im Walde lag. Die alte Hexe stellte sich dazu ganz
freundlich; in ihrem Herzen wußte sie sich aber vor Ärger und Bosheit nicht
zu lassen, darum, daß der Jäger ihre eigene Tochter nicht genommen hatte,
sondern die Stieftochter, die sie gar nicht leiden konnte.
Über eine Zeit kriegte die Jägersfrau einen kleinen Jungen und mußte
zu Bett liegen. Da wurde die Stiefmutter geholt, daß sie das Kind wüsche
und anzöge, auch die Suppe kochte und sonst zur Hand wäre, wenn die
kranke Frau ihrer bedürfen sollte. Der Jäger aber hatte zur Erheiterung und
Kurzweil seiner Frau allerlei Vögel in die Stube gebracht, die sangen, und
ein Spiel hatte er gemacht von allerlei Glocken, die klangen.
Dicht an dem Flause lag ein großer Teich, auf dem viele Enten
schwammen. Nun stand eines Tages die Stiefmutter am offenen Fenster
und sab auf den Teich hinaus, und weil des Jägers Frau schon wieder auf
Besserung war und zuweilen aufstehen konnte, rief ihr die Hexe zu: »Steh
doch auf, mein Kind, und sieh einmal die vielen Enten, die da auf dem Teiche
schwimmen.« Ohne an Arges zu denken, stand die Frau auf und lehnte
sich aus dem Fenster, und indem, so gab ihr das boshafte Weib einen hef-
tigen Stoß, daß sie hinab in den Teich stürzte, und verwünschte sie in eine
Ente; da schwamm sie nun mit den anderen Enten auf dem Teiche herum.
Ihr Kind aber fing an zu weinen, und ihren Mann befiel zu derselben Stunde
eine große Traurigkeit und wußte doch nicht warum ; die Vögel sangen nicht,
die Glocken klangen nicht. Da nahm die Hexe ihre eigene Tochter, legte
23
sie in der Frauen Bett und band ihr ein Tuch um den Kopf, als ob sie krank
wäre, so daß sie der Mann nicht erkennen konnte, als er kam, seine Frau
zu besuchen.
Als es nun Abend ward und die Magd allein in der Küche war, kam
auf dem Teich her eine Ente angeschwommen, die schnatterte vor dem
Gossensteine wie Enten thun : »Niep, Niep ! Natt, Natt!« und dann fing sie
ordentlich an zu sprechen :
»Weint mein liebes Kind auch noch ?
Weint mein lieber Mann auch noch ?
Singen meine Vögel auch noch ?
Klingen meine Glocken auch noch?«
Da antwortete die Magd :
»Eure Glocken klingen nicht,
Eure Vöglein singen nicht,
Euer Mann und Kind die weinen.«
Darauf ist die Ente wieder weggeschwommen. — Den zweiten Abend
kam sie wieder, steckte den Kopf durch das Gossenloch und schnatterte ganz
betrübt: »Niep, Niep! Natt, Natt!« und dann fing sie an zu sprechen:
»Weint mein liebes Kind auch noch? ■
Weint mein lieber Mann auch noch ?
Singen meine Vögel auch noch ?
Klingen meine Glocken auch noch ?«
Und die Magd antwortete:
»Eure Glocken klingen nicht,
Eure Vöglein singen nicht,
Euer Mann und Kind die weinen.«.
Darauf sprach die Ente: »Nun komme ich noch ein einziges Mal; dann
fasse mich und haue mir den Kopf ab, so bin ich erlöst,« und schwamm
fort. Das alles erzählte die Magd ihrem Herrn, der sagte: »Wenn die
arme Ente so erlöst werden kann, so mußt du es thun.« Als nun die
Ente den dritten Abend wieder den Kopf durch das Gossenloch steckte,
faßte die Magd ein Beil und hieb ihn ab; in demselben Augenblicke, da
das Blut floß, wich der Zauber ; die Frau war erlöst und ging zu ihrem
Manne; der freute sich, daß er seine liebe Frau wieder hatte, denn sie er-
zählte ihm, wie das alles so gekommen und welcher großen Gefahr sie ent-
gangen war.
Der Jäger, der nun wußte, was die Stiefmutter für ein böses Weib war,
ließ sich nichts merken, sondern sann, wie er sich am besten an ihr rächen
könnte. Auf den andern Abend lud er eine große Gesellschaft; doch mußte
seine Frau noch zurückbleiben. Wie sie nun alle zu Tische saßen, stand der
Jäger auf und fragje, was sie wohl meinten, daß der Mutter geschehen müßte,
24
5
v\
d
die ihre Tochter in ein unvernünftiges Thier verwünscht hätte. Da sprang die
Stiefmutter auf von ihrem Stuhle und war ganz verblendet und schrie: »Die
verdient, daß sie in ein durchnageltes Faß gesteckt und darin so lange
gewälzt wird, bis sie todt ist.« »Du hast dir selbst dein Urtheil gesprochen,
du Hexe!« rief der Jäger und ließ seine Frau herein in die Stube treten.
Wie das die Hexe sah, daß sie verrathen war, ward sie kreideweiß vor Schreck
und stürzte der Länge nach auf den Boden hin. Da wurde sie in ein Faß
gesteckt, welches mit eisernen Nägeln durchschlagen war; das wurde auf den
höchsten Berg gebracht und da hinabgerollt. So hat die Hexe ihren ver-
dienten Lohn erhalten.
I I.
Märlein vom Schafbock, Kuh und Ziegenbock, welche im Walde in ein
Wolfshaus kamen. (Vgl. Bremer Stadtmusikanten von Grimm.)
1 2. Kükeweih.
Heuneken un häneken, däi breuen beer. Do säi dat häneken täo den
heuneken: »Heuneken, ga äis henut un smecke dat beer.« Do gung heuneken
henut un slog up dat fatt un keek in dat beer un fäll'r henin. Anse nu
heuneken säo lange ute bleef un gar nich weer kämm, do säe dat häneken
täo seck sülbest: »Eck mot doch äis täo kieken, wo min heuneken blifft«, un
gung henut in de küeken, da lag heuneken in den beere un was ganz matt
und all half dote. Do nam häneken dat heuneken un dräog et henut in den
gaaren un henge et up den hagen in de sünnen. Mittlerwile dat häneken
weer in dat huus egahen was, kämm de kükeweih un hale dat heuneken
weg. Anse nu häneken weer herut kämm un wolle na sinen heuneken säien,
was min leiwet heuneken wäge. Do woord häneken ganz bedreuwet un spann
sinen wagen an un före in de wie weit, ümme sin heuneken täo seuken.
Ünnerweges begegne ohne ne neihnateln, de säe, of sä woll mehe upsitten
könne. »Ja woll«, säe dat häneken, »sette di fär up, dat du achter nich herdal
fällst.« Danach kämm en mühlstein un sette seck ok mehe up. Nich lange,
säo keimen se an den kükeweih sin huus, däi was nich inne. De mühlstein
lähe seck up den riegel, de neihnateln Stack seck in dat stäolkissen un dat
häneken flog up kükeweih sinen heunerwiben, wo sin heuneken was. Anse
kükeweih nu inkamm un wolle seck up sinen stäol setten, do stack'n de neih-
natel; do wolle häi henut lopen, aberst de mühlstein fölle'n up'n kopp un
sleug en dot. Nu sette seck häneken mit sin heuneken weer in sinen wragen
un föhren na huus. Un wenn se noch nich 'estörben sind, säo leiwet se
van dage noch.
27
13. Der Gärtner und die Kröte.
Ein Gärtner hatte einen schönen Garten, dahin kam immer eine ganz
dicke aufgeschwollene Kröte und fraß von dem schönen frischen Salat, der
da im Garten stand. »Die alte häßliche Ütsche, die wollen wir todtschlagen,«
sagten des Gärtners Knaben, »die frißt uns noch all den schönen grünen Salat.«
Nein!« sprach der Gärtner ernst, »das laßt!« Er nahm seine Schaufel, unter-
stach die Kröte, trug sie langsam zu der Mauer, die rings um den Garten
ging, und setzte sie sanft und behutsam hinüber auf die andere Seite. »Da,«
sagte er, »lauf hin, wenn du ein Kind kriegst, so will ich Gevatter stehen.«
Nicht lange Zeit danach kam ein Zwerg zu dem Gärtner und bat ihn bei
seinem Kinde zu Gevatter. Der Gärtner nahm die Einladung an und ging
mit. Bei der Kindtaufe war alles aufs Beste eingerichtet. Als sie aber zu
Tische saßen, bemerkte der Gärtner mit einem Mal zu seinem Schrecken,
daß ein Mühlstein an einem Pferdehaar über seinem Kopfe hing. Entsetzt
von seinem Sitze aufspringend, wollte er das Weite suchen; der Zwerg aber
hielt ihn zurück mit den Worten: »Sei unbesorgt. Ebensowenig wie meine
Frau am Leben geblieben wäre, da sie als Kröte in deinen Garten kam, wenn
du deinen Knaben nicht gewehrt hättest, ebensowenig würdest du lebendig von
diesem Orte gehen, wenn ich dein Leben nicht beschützte.« Der Gärtner
konnte jedoch keine rechte Fröhlichkeit wieder fassen und rüstete sich bald zum
Nachhausegehen. Beim Abschied füllten ihm die Zwerge seine Taschen noch
mit Pferdemist, der sich zu Haus aber in Gold verwandelt hatte.
14. Bauer Pihwitt.
Ein Bauer hieß Pihwitt (Kiebitz); der pflügte mit seinem einzigen Ochsen
auf dem Felde. Über seinem Kopfe kreiste ein Kiebitz und schrie: »Pih — witt.«
— »So heiß ich,« sagte der Bauer. — »Pih — witt!« »So heiß ich,« sagte der
Bauer. -- »Pih — witt! Pih — witt!« — »Ich sage dir,« rief der Bauer ärgerlich,
»schrei nicht immer so meinen Namen oder ich werfe!« — »Pih — witt! Pih — witt!
Pih — witt!« - - Da nahm Pihwitt seine Pflugschaufel und schleuderte sie nach
dem Vogel hoch in die Luft. »Pih — witt! Pih — witt!« Da flog er hin; aber die
Schaufel traf beim Herabfallen den Ochsen so heftig zwischen die Hörner,
daß er todt umfiel. »Oh, oh!« rief Pihwitt und kratzte sich hinter den Ohren,
»das ist doch ärgerlich; wenn das meine Frau erfährt, so wirds einen schönen
Lärm abgeben. Nur rasch dem Ochsen die Haut abgezogen und zum Gerber
damit, daß ich meinem Weibe wenigstens das Geld für die Haut bringen kann.«
Wie gesagt, so gethan. Der Gerber war aber gerade nicht zu Haus, und da hatte
der Edelmann denn seine Abwesenheit wahrgenommen, um zu des Gerbers Frau
zu gehen, die ihm das Beste aufgetischt hatte, was sie in ihrem Haushalte besaß;
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das durfte aber der Mann nicht wissen. Als nun Pihwitt ins Haus trat, sprang
der Edelmann rasch in eine große Tonne hinter der Hausthür. Pihwitt that,
als hätte er nichts gemerkt; ging zu der l;rau sprechend: Wie stehen denn
jetzt die Ochsenhäute im Preise? Ich habe hier eine, die wollte ich wohl ver-
kaufen.« »Ja,« sagte die Frau, »sie kosten jetzt drei Thaler; aber ich kann
euch die da nicht abnehmen, denn mein Mann hat's Geld in den Kasten
geschlossen und ist nicht zu Haus.« »Na,« sagte Pihwitt, »gebt mir die alte
Tonne, die da in der Ecke steht, so mögt ihr dafür die Haut behalten.
»Ei, ja wohl; wenns weiter nichts ist, die mögt ihr immerhin nehmen, ist
doch zu nichts mehr zu gebrauchen.« Die Frau hatte aber nicht gesehen,
daß der Edelmann sich darin versteckt hatte.
Nun ging Pihwitt dabei, nagelte die Deckel recht fest zu, legte die Tonne
auf die Seite und rollte sie vor sich her zum Hause hinaus. Nicht lange
dauerte es, so rief's in der Tonne: »Wohin, wohin?« »Ins Wasser, ins Wasser!«
antwortete Pihwitt. »Ach, laß mich raus, ich will dir auch hundert Thaler
geben.« »Ins Wasser, ins Wasser!« »Oh weh,« stöhnte es im Fasse, ich
gebe dir fünfhundert Thaler, nur laß mich raus.« »Nichts da, ins Wasser,
ins Wasser!« »O weh, o weh; mach doch auf und laß mich leben, ich will
dir auch tausend Thaler geben.« »No ja,« sagte Pihwitt, »so komm heraus;
aber ich sage dir, gibst du mir die tausend Thaler nicht, so steck ich dich
wieder in's Faß und rolle dich in den Fluß hinein.« Als der Edelmann heraus
war, zahlte er dem Pihwitt das Geld. Der ging damit zu seiner Frau: »Sieh,
Frau, die tausend Thaler habe ich für unsern Ochsen seine Haut bekommen.«
»Ei, Mann,« rief die vor Freuden, »das ist der beste Handel, den du in deinem
Leben gemacht hast;« und das war viel gesagt, denn sonst gab sie ihm nie
recht und war niemals zufrieden, er mochte thun wyas er wollte.
Bald war es im ganzen Dorfe bekannt, daß Pihwitt seine Ochsenhaut
so schrecklich gut verkauft hatte. Sammt und sonders schlugen nun die Bauern
ihre Ochsen todt und trugen die Haut zum Gerber. Der wies sie aber als
Narren mit Spott zum Hause hinaus. Voll Grimmes kehrten sie zurück, griffen
den Pihwitt, den Urheber ihres Unglücks, fest des Sinnes, ihn stracks in der Weser
zu ersäufen. Nun war's gerad an einem Sonntagmorgen; und als sie unfern
an einem Kirchlein vorüber kamen, da die Leute so schön zu der Orgel
sangen, meinten sie, es sei gut, hier erst einzukehren und den armen Sünder
dann nach dem Gottesdienste ins Wasser zu bringen. Sie steckten ihn darum
in einen Schäferkarren, der nicht weit davon im Felde stand, schlössen die
Tür und gingen zur Kirche.
Nicht lange, so trieb der Schäfer seine Heerde vorüber. Da rief Pihwitt
drinnen im Karren:
»Amtmanns Tochter will ich nicht!
Amtmanns Tochter will ich nicht!«
29
Narr, nimm se doch!« sagte der Schäfer. »O nein, o nein, es ist mir
wahrhaftig nicht möglich; aber, wenn du sie willst, so mach auf und steig
nur statt meiner hier herein.« Das ließ sich der Schäfer nicht zweimal sagen,
half dem Pihwitt heraus und stieg dann selbst hinein. Da machte Pihwitt
den Karren rasch fest zu und trieb dann die Heerde gemächlich dem Strome zu.
Als die Bauern endlich aus der Kirche kamen, setzten sie bald den Karren
in Bewegung; und weil der drinnen fortwährend rief:
»Die Amtmannstochter will ich wohl!
Die Amtmannstochter will ich wohl!«
so hielten sie's für Spott, trieben den Karren eilig an den Uferrand und stießen
ihn mit Hurrah in den Strom. Nach diesem nahmen sie den Heimweg; als
sie aber von ungefähr über eine fette Trift kamen, ging da eine Heerde der
schönsten Schafe, und der sie weidete, das war Pihwitt. »Ei, Pihwitt,« riefen
die Bauern, »haben wir dich nicht eben in's Wasser geworfen? Wo kommst
du her?« »Ja, ja,« sagte Pihwitt, »aus dem Wasser! aus dem Wasser! Als ich
da unten ankam, das erste was ich faßte, war jener fette Leithammel, und
als ich den nur hatte, kamen die andern Schafe gleich hinterdrein. Ich sollt's
eigentlich nicht verrathen, aber es sind auf dem Grunde des Stromes noch viel
mehr und, ich möchte fast sagen, noch schönere zu finden als diese hier. Darum
seid so freundlich und werft mich noch einmal ins Wasser; denn selbst hinein-
zuspringen, dazu habe ich den Muth nicht.« »Ne, ne,« riefen die Bauern alle, »das
thun wir nicht; die schönen Schafe wollen wir selber holen,« liefen darum schnell
zum Flusse zurück und stürzten sich kopfüber hinein, daß sie versaufen mußten.
Pihwitt aber behielt die vielen Schafe und war reich, so lange er lebte.
15. Muschetier, Grenadier und Pumpedier.
Ein König hatte drei Töchter, die machten zu ihrer Lust einen Gang
in den Wald und setzten sich unter die Blumen in das Gras und strickten.
Da kamen des Weges her drei Riesen. Als die die schönen Königstöchter
sahen, liefen sie herbei, hoben sie auf ihre Arme und schleppten sie tief in
den Wald hinein, bis sie zu einer Höhle kamen. In die Höhle konnte man
aber nur durch ein Seil gelangen; an dem ließen sich die Riesen mit ihren
Prinzessinnen tief in die Erde hinab. Zuerst kamen sie in einen großen Saal;
da hing an der Wand ein gewaltig langes Schwert und auf dem Tische stand
eine Flasche Wein und lag ein Brief dabei. Hinter dem Saale waren aber
noch drei andere Zimmer, für jeden Riesen eins; da hinein brachten sie die
Königstöchter und sagten : Hier wollen wir zusammen wohnen. Und der
erste Riese schenkte der ersten Königstochter eine goldene Sonne, der zweite
Riese schenkte der zweiten Königstochter einen goldenen Mond, der dritte
Riese gab der dritten Königstochter einen goldenen Stern. Aber die Prin-
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zessinnen mochten die häßlichen Riesen doch nicht leiden; sie wären viel
lieber wieder zu Hause an des Königs Hofe gewesen; darum saßen sie und
weinten den ganzen Tag.
Als es nun Abend wurde und die Königstöchter noch immer nicht zurück-
kamen, sandte der König seine Diener aus, daß sie im Walde nach ihnen
suchen möchten. Sie fanden aber nur die drei Strickzeuge, welche die Prin-
zessinnen zurückgelassen hatten; und als sie nun auch die Spur der Riesen
im Grase sahen, sprangen sie eilig aus dem Walde. Der König, als er die
Kunde vernommen und die drei Wahrzeichen erblickte, fiel in große Traurig-
keit, legte Trauerkleider an mit seinem ganzen Hofe und gab Befehl, daß
man die ganze Stadt mit schwarzem Flor überziehen sollte. Nachdem ließ
er ausschreiben und bekannt machen in seiner Stadt und seinem Reiche, daß
dem viel Geld und großer Lohn verheißen sei, der es wagen und ausführen
würde, die Königstöchter aus der Gewalt der Riesen zu befreien.
Da traten dreie aus des Königs Heer, die nannten sich Muschetier, Gre-
nadier und Pumpedier, und wollten Hals und Leben wagen, daß sie die
Königstöchter befreien und den Lohn erlangen möchten. Sie schnürten ihre
Bündel und zogen in den Wald hinein. Acht Tage waren sie schon herum-
gewandert; das Reisebrod ging zu Ende und Grenadier und Pumpedier meinten,
es sei besser umzukehren als in dem Walde zu verhungern oder gar den
schrecklichen Riesen in die Hände zu fallen. Aber Muschetier sprach ihnen
Muth ein; daß es schimpflich sei, auf halbem Wege umzukehren, daß sie doch
nur wenig zu verlieren, aber recht viel zu gewinnen hätten, und daß, wenn
sie umkehren wollten, er allein sein Glück versuchen wolle. Da gingen sie
mit. Es währte nicht lange, so kamen sie vor ein Schloß, das war ganz todt
und menschenleer, die Küche jedoch mit allen Vorräthen wohl versehen. Das
freute die drei Gesellen, die nun schon so lange nur Trockenes gegessen,
daß sie endlich einmal wieder warme Löffelkost kriegen sollten. Sie kamen
überein, daß zwei von ihnen auf die Jagd gehen sollten, während der
dritte das Essen koche; darum zogen sie die Loose und kam die Reihe zuerst
an Pumpedier. Der zündete bald ein Feuer an, hängte einen Topf darüber
und that Erbsen und Speck hinein, denn das war der drei Gesellen Leibgericht.
Muschetier und Grenadier gingen derweilen auf die Jagd. Als nun Pumpedier
das Erbsengericht bereitet hatte, die beiden Gesellen aber immer noch nicht
zurück waren, setzte er sich allein zu Tische, weil er großen Hunger hatte.
Da trat zur Thür herein ein greises Männchen, das trug in der Hand einen
eisernen Stock und sprach den Gesellen an: »Guten Tag, mein Herr !« »Schön
Dank, mein Herr!«
»Ich meint, ich wäre hier ganz allein.
Es freut mich, daß hier auch Leute sein.
Denn ich muß mich von diesem Schloß nähren.«
3 31
Danach bat das Männchen den Gesellen um etwas Essen. Als er ihm
ein Brod gab, ließ es wie aus Versehen ein Stück davon auf die Erde
fallen ; der Gesell bückte sich, es wieder aufzunehmen ; aber in demselben
Augenblicke saß auch das Männchen ihm auf dem Rücken und schlug ihn
so heftig mit seinem eisernen Stabe in den Nacken, daß er die Besinnung
verlor. Danach verschwand das Männchen. Pumpedier war noch nicht lange
wieder zu sich selbst gekommen, als Muschetier und Grenadier von der Jagd
zurückkehrten ; er erzählte ihnen aber nicht, wie es ihm ergangen war.
Den zweiten Tag kam an Grenadier die Reihe, das Haus zu hüthen.
Er kochte auch Erbsen und Speck ; als er sich aber eben zu Tisch gesetzt
hatte, trat wieder das Männchen herein, sprach seinen Gruß, bat um ein
wenig Essen, ließ das Brod auf den Boden fallen, und als der Geselle sich
eilig danach bückte, sprang es ihm auf den Rücken und schlug ihn mit seinem
Eisenstab so lange, bis ihm die Besinnung ausging. Als er wieder zu sich
selbst kam, kehrten die beiden anderen gerade von der Jagd zurück und fragten,
wie's ihm gegangen sei. »O, ganz gut,« sagte er, denn von den Schlägen
wollte er nicht gerne erzählen.
Den dritten Tag mußte Muschetier den Haushalt versehen. Auch er
kriegte Erbsen und Speck zu Feuer, denn das mochten die drei am liebsten
essen. Als das Gericht nun fertig war, gedachte er, daß die andern zwei
noch lange außen bleiben könnten, nahm sein Theil vorweg und stellte das
Übrige in die Kohlen, daß es warm bliebe. Da trat plötzlich durch die Thür
herein das graue Männchen mit dem eisernen Stabe. »Guten Tag, mein
Herr!« — »Schön Dank, mein Herr!«
»Ich meint, ich wäre hier ganz allein.
Es freut mich, daß hier auch Leute sein.
Denn ich muß mich von diesem Schloß nähren.«
Darauf bat es um eine kleine Gabe. »Da hast Du Brod,« sprach
Muschetier und gab ihm ein gutes Stück; aber das Männchen versah's mit
Absicht, so daß das Brod auf die Erde fiel. »Wie? was?« sagte Muschetier,
»wirfst du Gottes Gabe auf die Erde?« sprang eilig herzu, riß dem Männchen
den Eisenstab aus der Hand und prügelte es damit so tüchtig durch, daß
es erbärmlich quiekend durch die Thüre entsprang. Nun setzte er sich mit
Ruhe zum Essen nieder. Bald kamen auch die beiden andern von der Jagd
zurück; da wies ihnen Muschetier den eisernen Stock und sagte: »Kennt ihr
den? Mich dünkt, daß es euch hier nicht zum Besten ergangen ist.« Da
mußten die zwei alles bekennen. »Wir haben uns hier nun lange genug ver-
weilt,* sprach Muschetier darauf; > es wird Zeit, weiter zu ziehen, daß wir
womöglich die Riesen bekämpfen und des Königs Dank und Lohn empfangen
mögen.« Ob nun gleich Grenadier und Pumpedier gern noch länger in dem
Schlosse verblieben wären, so mochten sie doch allein das Wagstück nicht
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bestehen, entsagten darum der warmen Löffelkost, füllten die Ranzen wieder
mit trockener Ware und zogen weiter in den dichten Wald hinein.
Acht Tage mußten sie wandern, da kamen sie endlich an das Felsloch,
welches in die unterirdische Höhle der Riesen führte. Weil nun Grenadier
und Pumpedier gänzlich der Muth entsank, so daß sie lieber umkehren, als
Hals und Leben wagen wollten, so unternahm es Muschetier allein, in das
dunkle Loch hinabzusteigen. Es ging nur ein Seil hinunter, daran ließ er
sich hinab, nachdem ihm seine Gefährten hatten schwören müssen, daß sie
ihn wieder aufziehen wollten, wenn er unten das Zeichen geben würde. Zuerst
kam er in den großen Saal; an der Wand hing das Schwert, auf dem Tische
stand die Flasche mit Wein und daneben lag der Brief; darin stand geschrieben:
»Wer von dem Weine dreimal trinkt, der kann das Schwert
bewegen wie er will.«
Als Muschetier das gelesen hatte, trank er den Wein, holte das Schwert
von der Wand und öffnete leise die Thür, die in das Gemach des ersten
Riesen mit der goldenen Sonne ging. Es war gerade in der Mittagszeit, und
der Riese, vom Essen müde geworden, hatte seinen Kopf in der Prinzessin
Schooß gelegt und ließ sich von ihr lausen, wie er das immer nach dem Essen
zu thun pflegte. Durch das behagliche Krauen war er aber fest eingeschlafen,
so daß er tüchtig schnarchte. Wie das Muschetier bemerkte, gab er der
Königstochter ein Zeichen, den Kopf des Riesen leise niederzulegen, holte
weit aus mit dem Schwerte und — klatsch! — mit einem Hiebe flog der
Kopf vom Rumpfe, daß er weithin auf den Boden rollte; aus dem Halse sprang
ein schwarzer dicker Blutstrahl, der Riese zappelte noch ein wenig mit Händen
und Füßen, dann war er still und todt. Mit dem wären wir also fertig!
Nun ging Muschetier in das Zimmer des zweiten Riesen mit dem gol-
denen Monde, der war auch eingeschlafen, hatte seinen Kopf in den Schooß
der Königstochter gelegt und ließ sich von ihr lausen. Wie das Muschetier
bemerkte, gab er ihr ein Zeichen, den Kopf des Riesen leise niederzulegen,
holte weit aus mit dem Schwerte und — klapp! — mit einem Hiebe flog
der Kopf vom Rumpfe, daß er weit hin auf den Boden kollerte ; aus dem Halse
schoß ein schwarzer Blutstrahl, der Riese zappelte noch ein wenig mit Händen
und Füßen, dann war er todt.
Nun ging Muschetier in das Zimmer des dritten Riesen mit dem goldenen
Stern, der wrar auch eingeschlafen, hatte seinen dicken Kopf in den Schooß
der Prinzessin gelegt und ließ sich von ihr lausen, wie er das immer zu thun
pflegte, wenn er was gegessen hatte. Wie das Muschetier bemerkte, so gab
er der Königstochter ein Zeichen, den Kopf des Riesen leise niederzulegen,
dann holte er weit aus mit seinem Schwerte; weil es nun oben schon stumpf
geworden war, so wollte der Kopf erst gar nicht ab ; der Riese schrie und
spalkerte schrecklich, aber mit dem dritten Hiebe flog der Kopf vom Rumpfe,
3* 33
daß er weithin auf den Boden kollerte; aus dem Halse schoß ein schwarzer
Blutstrahl, der Riese zappelte noch ein wenig, dann war er todt.
Da dankten die Königtöchter dem Muschetier vielmal für ihre Erlösung.
Der brachte sie an den Ausgang der Höhle, gab den beiden Gefährten das
Zeichen zum Aufziehen, und so wurden die Prinzessinnen nacheinander glück-
lich in die Höhe gezogen. Zuletzt hing sich Muschetier selbst an den Strick;
da schnitten aber die treulosen Gesellen das Seil entzwei, weil sie ihre Zag-
haftigkeit nicht wollten kund werden lassen, nahmen den drei Königstöchtern
den Eid des Schweigens ab, zogen mit ihnen an den Königshof, machten da
viel Geschrei von ihren Heldentaten und nahmen Lohn und Ehre und Dank
des Königs für sich allein.
Nun hört, wie's Muschetier erging ! Er war traurig in der Ries.enhöhle
zurückgeblieben, fand keinen Ausweg, wie er auch suchen mochte und meinte
schon, das Tageslicht nie wieder zu sehen, als plötzlich das greise Männchen
aus dem verwünschten Schlosse vor ihm stand, das aber schnell entfliehen
wollte, als es seiner ansichtig wurde. »Halt!« rief Muschetier, »bist du herein-
gekommen, so weißt du auch, wie man hier wieder herauskommt; zeige mir
gleich einen Ausgang aus dieser Höhle, oder ich prügele dich noch einmal
mit deinem eigenen Stocke.« Da wurde das Männchen ganz demü,thig, denn
Muschetier hatte den eisernen Stock noch bei sich, den er aus dem ver-
wünschten Schlosse mitgebracht hatte. Das Männchen führte ihn vor einen
großen Spiegel und ließ ihn da hinein sehen. Da wurde er zu einer Ameise,
nahm die goldene Sonne, den goldenen Mond und den goldenen Stern,
welche die Königstöchter vergessen hatten, in seinen Ranzen und kletterte
an der Wand hinauf. Als er oben war, bekam er seine vorige Gestalt wieder,
schritt rüstig weiter und kam nach acht Tagen aus dem Walde und in die
Stadt des Königs. Da sprach er in der Bude eines Goldschmieds vor, den
fragte er, ob er keinen Gesellen gebrauchen könne. »O ja!« sprach der Meister,
wenn du fleißig sein willst und eine goldene Sonne, einen goldenen Mond
und einen goldenen Stern zu schmieden verstehst, so kommst du mir schon
recht, Gesell ! Denn die drei Dinge hat der König gestern bei mir bestellt
und sagte, seine Töchter plagten ihn und ließen ihm keine Ruhe den ganzen
Tag, weil sie durchaus eine goldene Sonne, einen goldenen Mond und einen
goldenen Stern haben wollten. Nun bin ich in Verlegenheit, weil das Ding
Eile hat, ich dergleichen aber nie gemacht habe, auch wohl nie zu Stande
bringen werde.« »Seid ohne Sorgen, Meister«, sprach Muschetier; »darauf ver-
stehe ich mich, denn das ist gerade mein Fach«; und verdingte sich also bei
dem Goldschmiede. Am andern Tage ging er, die Arbeit anzugreifen, in die
Werkstätte, schloß aber die Thür hinter sich zu, »denn.« sprach er, »beim Ar-
beiten muß ich ungestört sein, das ist so meine Art«. Es währte nicht gar
zu lange, so trat er wieder hervor, trug die goldene Sonne, den goldenen
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Mond und den goldenen Stern in seinen Händen, sie dem Meister zu zeigen,
der den Gesellen ob seiner Kunst höchlich loben mußte. »Nun will ich auch
selber damit zum Könige, daß ich sehe, ob er noch etwas daran zu ändern
habe«, sprach Muschetier, zog sich sauber an und ging auf des Königs Schloß.
Als er nun vor den König gelassen wurde, so waren des Königs drei Töchter
auch da, denen überreichte er die goldene Sonne, den goldenen Mond und
den goldenen Stern, und als sie die drei Dinge und den Mann, der sie brachte,
genauer ansahen, erkannten sie ihn, waren voller Freuden und sprachen zu
ihrem Vater, dem Könige: »Lieber Vater, wir können nun und nimmermehr
verschweigen, daß dies der Mann ist, der uns aus der Gefangenschaft der
Riesen erlöst hat; die andern zwei aber haben mit Unrecht Dank und Lohn
dafür genommen.« Da ließ der König Grenadier und Pumpedier vor sich
fordern, schalt sie tüchtig aus und befahl, ihnen ihr Geld wieder abzunehmen
und sie darnach in den festen Thurm zu werfen. Muschetier aber wurde ein
angesehener Herr an des Königs Hofe und hundert Jahre alt. (Das ist aber
in alten Zeiten gewesen, wo die Jahre noch kürzer waren als jetzt.)
16. Der dumme Hans.
Es ist einmal ein Junge gewesen, der w?ar ein rechter dummer Hans,
aber sonst ganz ordentlich und fleißig. Den schickte eines Tages seine Mutter
in das nächste Dorf, wo seine Base gerade Hochzeit hielt, und sagte, als er
wegging, zu ihm: »Hans, mein Junge,« hat sie gesagt, »nun mach dich nur
recht lustig auf der Hochzeit, komm aber nicht zu spät wieder heim.« »Seid
ohne Sorge, Mutter,« sprach Hans, »ich will lustig sein, daß es eine Art haben
soll,« nahm seinen Hut und ging die Straße hin dem Dorfe zu. Als er aber
vor seiner Base Haus kam, war darin eine Brunst entstanden und schlug die
helle Lohe schon zum Dache heraus, so daß die Hochzeitsgäste hin und her
rannten vor Schrecken und in großer Verwirrung. Da lief Hans eilig herzu,
schwang lustig seinen Hut und schrie in einem fort: »Ju! Hochzeit I« Das
verdroß aber die Leute sehr; darum riefen sie: »Stopft doch dem Narren das
Maul; er will uns hier wohl noch gar zum besten haben.« Es waren auch
gleich einige handfeste Männer bereit, die faßten Hans am Kragen und prügelten
ihn, daß er schreiend aus dem Dorfe lief, auch nicht eher wieder zu lauten
aufhörte, bis er bei seiner Mutter war. »Schon wieder da, Hans?« hat die
Mutter gesagt. »Hat's dir auf der Hochzeit nicht gefallen?« »Ach ja, Mutter,
das schon,« sagte Hans; »aber als ich hinkam, da brannte meiner Base Haus,
und da habe ich in einem fort geschrien: ju! Hochzeit! ju! Hochzeit! und
da haben mich die Leute geprügelt und da bin ich weggelaufen«. »Das war
nicht recht, Hans,« sagte die Mutter; »da hättest du rufen müssen: He, Feuer,
Feuerl Wasser her! Wasser her!« s Gut Mutter,« sprach Hans, »wenns wieder
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so kommt, will ich's schon besser machen.« Nun schickte ihn nach einiger
Zeit die Mutter in die Stadt, beim Bäcker Brod zu kaufen ; als er da die Glut
im Backofen bemerkte, fing er gleich groß Geschrei an: »Feuer! Feuer! Wasser
her! Wasser her!« griff auch in Eile den ersten besten Eimer und goß Wasser
damit in die Flamme. Auf den Lärm sammelte sich bald eine große Menge
Menschen mit Feuereimern, den Brand damit zu löschen; wie die sahen, daß
sie gefoppt waren und nirgends Feuer war, außer im Backofen, prügelten sie
den Hans zur Stadt hinaus, daß er heulend zu seiner Mutter lief. »Ei, Hans,
was heulst du denn so?« fragte ihn die; »hat der Bäcker kein Brot gehabt?«
j Das schon,« sagte Hans; »aber als ich hinkam, sah ich den Backofen, der
brannte lichterloh, da habe ich geschrien: He Feuer! Feuer! Wasser her!
Wasser her! und da sind die Leute herzugelaufen und haben mich zur Stadt
hinaus geprügelt.« »Ich sehe wohl ein, Hans,« hat darauf die Mutter gesagt,
»es wäre für dich das beste, wenn du eine Frau nähmest.« »Schon recht!
Mutter!« sprach Hans; »wenn nur eine käme.« Da ist Hansens Mutter aus-
gegangen und hat auch bald eine gefunden, die den Hans wohl nehmen
wollte ; aber vorher wollte sie ihn erst sehen und auch die ganze Hausgelegen-
heit. Wie nun der nächste Sonntag war, fegte die Mutter das Haus und
streute weißen Sand, und als die Braut ankam, brachte die Mutter das Essen
herein; den Hans aber schickte sie mit dem Kruge in den Keller, für die
Braut einen frischen Trunk zu holen. Nun saß vorn an im Keller eine Gans
auf einem Nest voll Eier und brütete. Wie der Hans an ihr vorbei gehen wollte,
machte die Gans den Hals lang und zischte, wie Gänse thun. »Sieh mal!«
sagte Hans, »du wolltest wohl beißen!« drehte sich um und klapps! gab er
ihr mit dem Kruge einen auf den Kopf, daß sie auch gleich todt war. Da
freute sich Hans, daß die Gans nicht mehr beißen konnte und sagte: »Um
die alte Gans ist es mir gar nicht zu thun; aber wer soll nun die Eier aus-
brüten!« Da fiel ihm ein, daß in der Kellerecke ein Faß mit Honig stand;
er zog darum eilig seine Kleider aus, kletterte in das Faß und drehte sich in
dem Honig um und um; dann rupfte er die Gans, wickelte sich in die Federn
und setzte sich schnell auf die Eier, um sie selber auszubrüten. Mit dem, so
guckt die Braut in den Keller, zu sehen, warum Hans mit dem Bier so lange
außen bleibt. Da sah sie denn den wunderlichen Vogel auf dem Neste sitzen,
der zischte und schnatterte wie eine Gans. Als das die Braut sah, klappte
sie schnell die Thüre zu und ist aus dem Hause gelaufen.
r^v
17. Der kluge Bauer.
Eines schönen Tages pflügte ein Bauer seinen Acker, welcher an einem
Bache lag, und als er eben wieder wenden wollte, hörte er, daß in dem Bache
etwas knurrte und plätscherte. Wie er nun näher hinzutrat, so sah er, daß
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es ein Fuchs und ein Hecht waren, die hatten einer den andern halb ein-
geschluckt. »Ei,« dachte der Bauer, »das ist doch lustig; das wäre ein Spaß
für den König; wenn du die zwei so zum König brächtest, so würde er dir
gewiß ein gutes Trinkgeld geben.« Der Bauer, der kein Dummer war, fing
sich den Fuchs und den Hecht, steckte sie in einen Sack und brachte sie,
weil sie nicht von einander loskommen konnten, in dieser drolligen Lage zu
des Königs Schloß. »Wohin?« rief die Schildwache, welche den Bauern in
seinem schlechten Zeuge nicht durchlassen wollte. »Ich will dem König einen
Fuchs und einen Hecht bringen, die haben sich einander halb eingeschluckt.«
»Wenn das ist,« sagte die Schildwache, »so geh nur hinein, da wird dir der
König gewiß ein gutes Trinkgeld geben; aber gieb mir auch was ab.« »Recht
gern,« antwortete der Bauer, »du sollst die Hälfte abhaben.« Wie er nun
weiter ging, so stand da noch eine Schildwache, die wollte ihn auch nicht
durchlassen; als er ihr aber die Hälfte seines Trinkgeldes versprach, ließ sie
ihn hineingehen.
Der König saß gerade mit seinen Herren und Damen zu Tische; der
Bauer klopfte an und der König rief herein ! Da ging der Bauer in die Stube,
that sein Sack auf und sagte, »daß er ihm da wohl einen Fuchs und einen
Hecht bringen wollte, die hätten sich halb eingeschluckt, i So was hatte nun
der König in seinem Leben noch nicht gesehen, und auch alle die Hotieute
nicht, darum mußten sie herzlich darüber lachen. »Hier, Bauer,« sagte der
König, und schenkte ihm ein Glas Wein ein, »hier trinke Er erst mal, denn
der Weg ist Ihm doch gewiß sauer geworden.« »Mit Verlaub, Herr König,«
antwortete der Bauer; »von den Beestern da sind mir die Hände so naß
und dreckig geworden, daß ich mich wohl erst ein bischen abtrocknen möchte.«
Da rief der König gleich eins von den jungen Hoffräulein und sagte: »He!
Jungfer! Hole sie doch dem Manne mal ein Handtuch; sie weiß ja wohl, in
meiner Kammer gleich rechts hinter der Thür, da hängt eins am Haken.« So-
gleich ist das Fräulein hingelaufen, und als sie wiederkam, hatte sie das Hand-
tuch über die Schulter gehängt; da faßte der Bauer den einen Zipfel, trocknete
seine Hände daran ab und trank das Glas Wein aus, was ihm der König ein-
geschenkt hatte.
»Mein lieber Freund,« sprach nun der König, »mit den beiden Thieren
hat er mir ein großes Vergnügen gemacht; nun bitte er sich auch eine Gnade
aus.« »Wenn Ihr mir was schenken wollt, Herr König,« antwortete der Bauer,
»so gebt mir hundert Stockprügel.« »Gut,« sprach lachend der König, »wenn 's
weiter nichts ist, die sollen ihm gleich ausbezahlt werden.« »Mit Verlaub,«
sagte der Bauer; »ich darf sie nicht mehr annehmen, denn vorhin habe ich
sie schon an Eure beiden Schildwachen verschenkt, die da unten im Hofe
stehen.« Über diesen Einfall des Bauern mußte der König herzlich lachen
und sprach: »Er ist ein drolliger Gesell, das muß ich sagen, darum bitte er
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sich noch eine andere Gnade aus, sie soll ihm gewährt sein.« »Nun,« sagte
der Bauer, »so schenkt mir den Nagel, an welchem das Handtuch gehängt hat,
worin ich mich vorhin abgetrocknet habe.« »Die Bitte soll dir gewährt sein,«
sprach der König. Da faßte der Bauer das junge Hoffräulein bei der Hand,
über dessen Schulter das Handtuch gehängt hatte, und sagte: »Seht, Herr
König, dies ist der Nagel, woran vorhin das Handtuch hing, die soll meine
Frau werden.«
Weil sich nun das Fräulein gewaltig sträubte und den Bauern nicht haben
wollte, so machte ihn der König, um sein Wort zu halten, zu einem Edel-
mann; da nahm sie ihn.
18. Des Todtengräbers Sohn.
Es war einmal ein armer Kulengräber (Todtengräber), der hatte einen
einzigen Sohn mit Namen Fritz, und ist da auch ein reicher Bürgermeister
gewesen, der hatte eine einzige Tochter, die hieß Karoline. Weil nun die
beiden Kinder zusammen in die Schule gingen und täglich bei einander waren,
auch gleiches Alter hatten, so wurden sie sich von Herzen gut. Die Jahre
kamen und vergingen, die Kinder wurden groß, aber ihre Liebe blieb dieselbe.
Das war aber dem Vater des Mädchens gar nicht recht, daß sie sich zu so
einem armen Jungen hielt, dessen Vater nur ein Todtengräber war. Er
machte dem Fritz das Leben sauer, wie und wo er nur konnte, und verbot
seiner Tochter zuletzt auf das strengste, mit ihm zu verkehren und zu sprechen,
sodaß die zwei sich nur zuweilen heimlich sehen konnten. Da dachte der
Fritz endlich: »Ich will nun in die weite Welt gehen, ob ich nicht da mein
Glück machen und Geld erwerben kann ; so geht es doch nie und nimmer
gut.« Und als er nun zum letzten Mal zu seiner Karoline ging, ihr Lebe-
wohl zu sagen, fing sie bitterlich zu weinen an und gab ihm einen Ring und
sagte, daß er sie doch nicht vergessen möchte, wenn er nun so weit in der
Fremde wäre. »Nie und nimmer will ich dich vergessen«, 'hat er da gesagt;
»ich gehe nun nach Spanien, das ist ein weiter, weiter Weg; darum versprich
mir, daß du mir sieben Jahre lang treu bleiben willst; bin ich dann nicht
zurück, so bin ich todt und komme niemals wieder«. Das haben sich die zwei
fest versprochen und haben mit Weinen von einander Abschied genommen ;
der Fritz ist dann fortgewandert auf dem Wege, der nach Spanien geht.
Gegen Abend kam er zu einem Schlosse, drinnen wohnte ein alter
Ritter mit seiner Frau, die nahmen ihn freundlich auf und gaben ihm Her-
berge. Er erzählte ihnen, als sie zu Tische saßen, wie es ihm so traurig er-
gangen sei, und daß er nun hinwollte nach Spanien, ob er da nicht sein Glück
machen könne. Weil er nun so offen und treuherzig war, gewannen ihn
der Ritter und seine Frau lieb, und da sie keine Kinder hatten, so behielten
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sie ihn bei sich als ihren Sohn, gaben ihm gute Kleider und ließen ihn in
allem unterrichten, was einem Rittersmann zukommt.
Über eine Zeit, so ging die Kunde, der König von Spanien, der schon
alt und des Regierens müde sei, hätte eine Krone ausgehängt, wer die in
vollem Jagen herunterstäche, der sollte Vizekönig von Spanien sein und des
Königs Tochter zur Frau haben. Da bat Fritz seine Pflegeeltern, daß sie ihn
möchten nach Spanien an des Königs Hof ziehen lassen, denn das Kronen-
stechen hätte er doch gar zu gerne mitgemacht. »Wer weiß, ob es dir nicht
glückt,« dachte er und bat so lange, bis ihm der Ritter ein Pferd gab und
ihn ziehen ließ. So ritt er denn fort auf dem Wege, der nach Spanien geht,
und als er dort ankam, da hatten sich schon alle Ritter im Stechen versucht,
aber keiner hatte die Krone erlangen können. So war er der letzte an der
Reihe, und richtig! es gelang ihm, die Krone herunterzustechen. Da wurde
er zum Vizekönig von Spanien gemacht und sollte des Königs Tochter
haben.
Es waren aber zu der Zeit gerade die sieben Jahre herum, darum sprach
er: »Ehe die Hochzeit ist, will ich noch einmal in meine Heimath zu meinem
alten Vater reisen.« Des war der König zufrieden. So zog er denn fort in
seine Heimath, und als er da ankam, war es Abend ; da kehrte er in dem
ersten Gasthofe ein, der des Bürgermeisters Hause gerade gegenüber lag.
Dem Bürgermeister sein Haus war aber ganz hell erleuchtet und war Musik
darin und wurde getanzt. Da fragte er den Wirth, was denn das zu be-
deuten hätte, daß es in dem Hause da auf der andern Seite so lustig herginge.
»Das kommt daher,« antwortete der Wirth, »daß unsers Bürgermeisters Tochter
heute Hochzeit hält.« Da fragte er weiter, ob er es als Fremder wohl wagen
könnte, auch mal hinüber auf die Hochzeit zu gehen. »Das könnt Ihr nur
dreist thun,« sagte der Wirth, »so einen feinen, reichen Herrn, wie Ihr seid,
wird man da gerne sehen.« So ging er denn auf die Hochzeit; aber von
den Leuten, die da waren, kannte ihn keiner wieder und alle freuten sie sich,
daß so ein vornehmer Herr ihnen die Ehre anthäte, bei ihnen einzusprechen.
»Ist es wohl erlaubt,« fragte er da, »mit der Braut einen Tanz zu machen?«
»Ei ja wohl«, sprachen alle, »das wird der Braut eine große Ehre sein.« Da
ging er hin zu den Musikanten und bestellte seinen Lieblingswalzer, den er
sonst mit seiner Karoline immer so gern getanzt hatte, und als er sie nun zum
Tanze holte und die Musik den Walzer zu spielen anfing, wurde sie ganz
still und dachte bei sich: »Es ist doch sonderbar, daß dieser fremde Herr
mich gerade heute an meinen Fritz erinnern muß, der doch gewiß schon
lange todt ist; nun ich seinen Lieblingswalzer spielen höre, wird mir ordent-
lich das Herz schwer;« aber doch erkannte sie ihn nicht. Als nun der Tanz
zu Ende war und der fremde Herr wieder fortgehen wollte, drückte er der
Braut ein Papier in die Hand, und als sie das aufmachte, so lag darin der
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Ring, den sie ihrem Fritz vor sieben Jahren gegeben hatte, als sie von ein-
ander Abschied nahmen. Sowie sie aber den Ring erkannte, wurde sie ganz
blaß und fiel für todt auf den Boden hin. Da nahm die Hochzeit ein trauriges
Ende. Fritz aber ging zu seinem Vater und gab sich ihm zu erkennen und
erzählte ihm, daß er nun Vizekönig von Spanien sei; das ist dem alten
Manne eine große Freude gewesen.
Den andern Tag wurde Karoline in ihrem Sarge in das Todtengewölbe ge-
bracht, denn sie war nicht wieder zum Leben zurückgekommen. Mittlerweile
kam ein Bote von Spanien, der brachte die Nachricht an Fritz, die Königs-
tochter wäre plötzlich gestorben und der König wollte nun die Regierung
ganz abtreten ; darum solle er doch schnell nach Spanien zurückkommen.
Weil er aber, ehe er fortreiste, seine liebe Karoline doch noch zum letzten
Male sehen wollte, so ging er mit seinem Vater, der den Schlüssel zu dem
Todtengewölbe hatte, in der Nacht dahin ; da lag sie still in ihrem Sarge,
und als er sich nun weinend über sie beugte, um sie zu küssen, fühlte er
mit einem Male, daß sie noch leise Athem holte. Da brachte er sie mit seinem
Vater aus dem kalten Gewölbe ins Haus, und in der Wärme kam sie nach
und nach wieder ins Leben zurück; und als sie ihren Fritz erkannte, fielen
sie sich beide um den Hals und weinten vor Freude, daß sie sich nun endlich
wieder hatten.
Den folgenden Tag mußte Fritz wieder fort nach Spanien ; seine Karoline
ließ er aber bei seinem Vater und sagte ihr, daß sie da heimlich bleiben sollte,
bis er wieder käme. Es verging ein Jahr und ein Tag, da kam er zurück
und veranstaltete ein großes Gastmahl, dazu ließ er auch den Bürgermeister
einladen, und als sie zu Tische saßen, sagte er, er wolle ihnen mal ein
Gleichnis aufgeben, darüber sollten sie ihm alle ihre Meinung sagen. »Es war
mal ein Gärtner,« sprach er da, »der hatte eine wunderschöne Blume; die Blume
verwelkte, und der Gärtner riß sie aus und warf sie aus seinem Garten. Nun
kam des Wegs ein Mann, der fand die Blume, nahm sie mit und pflanzte sie
in seinen Blumengarten, und weil er sie pflegte und wohl begoß, so wurde
die Blume wieder frisch und schön wie vorher. Nun sagt! Wem kam die
Blume zur Dem Gärtner, der sie aus seinem Garten warf, oder dem Manne,
der sie fand und pflegte, bis sie wieder frisch und grün geworden war?« Da
sagten sie alle, daß dem die Blume gehörte, der sie gefunden und gepflegt
hätte. »Nun denn,« sagte er, »so will ich Euch die Blume zeigen!« und
indem so machte er die Thür auf und ließ seine Karoline hereinkommen.
Seht her! dies ist die Blume, die ich fand und pflegte und wieder ins
Leben brachte, als sie verwelkt war; nun will ich sie auch behalten, so lange
icli lebe.«
Da nahm er sie mit in sein Königreich und lebte glücklich mit ihr bis
an sein Ende.
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i9- Rettungsräthsel.
Es war einmal ein Mädchen, das wurde unschuldig zum Tode verurtheilt,
und weil es so viel jammerte und wehklagte, so sagten die Richter endlich,
wenn es ihnen ein Räthsel aufgäbe, was sie nicht errathen könnten, so sollte
ihm das Leben geschenkt sein. Das Mädchen sann und sann, aber wie viel
es sich auch besinnen mochte, es wollte ihm gar nichts Schweres einfallen.
So wurde es denn zu der bestimmten Stunde ohne Gnade auf den Wagen
gesetzt und sollte nach dem Galgen gefahren werden. Wie sie nun so aut
dem Wagen saß und ganz an ihrer Rettung verzweifelte, da sah sie auf ein-
mal in der Luft zwei Raben fliegen, die trugen eine Maus und rissen sich
darum, denn keiner wollte die Maus loslassen. Da sagte das Mädchen, als
es auf dem Galgenberge angekommen war, zu seinen Richtern, sie hätte sich
nun auf ein Räthsel besonnen, das wollte sie ihnen jetzt aufgeben; ob sie das
wohl rathen könnten :
Sorge satt up'n wagen,
Sach zwei den dritten dragen ;
Drei Koppe un acht beine
Hatten se in's gemeine.
Da riethen die Richter hin und her, aber was sie auch rathen mochten,
sie konnten es nicht herausbringen und sagten endlich: »Das bringen wir
unsere Lebtage nicht heraus; darum sage nur, was dein Räthsel bedeutet.«
Da sprach das Mädchen: »Weil Ihr denn mein Räthsel nicht rathen könnt, so
will ich es Euch sagen und deuten! Sorge satt up'n Wagen, das bin ich,
denn ich war in Sorge um mein Leben, als ich auf dem Wagen saß; sach
zwei den dritten dragen, das sind zwei Raben, die ich mit einer Maus in der
Luft fliegen sah, und die haben zusammen drei Köpfe und acht Beine, darum
habe ich gesagt, drei Koppe un acht beine hatten se in's gemeine.
Da mußten die Richter das Mädchen freigeben und konnten ihm nichts
mehr anhaben, weil sie sein Räthsel nicht errathen hatten.
20. Die launische Ziege.
Wenn use Gretwäsche des winter abends satt un spunt, säo säen wi kinder
jümmer. »no, gretwäsche, nu verteilt üsch äis 'ne geschiente.« »Och, bälger,
säe se denn; latet mi doch mettäme, ji wiätet jo wol, dat eck denn jümmer
säo viel häosten mot.« Awerst wi kinder plagen se doch säo lange, bet se
ter lest an täo verteilen fong. Do hat se üsch ök äis verteilt, et wöre äis en
kerel ewäsen, de hat dräi jungens un ök ene ziegen hat. Do hat häi täo den
ölsten jungen esegt, häi schölle de ziegen ütn stalle krigen un er meh int
greune täihen un se da höen, bet se orntliken satt wöre. De junge is met
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der ziegen 6k los etägen, un hat se den ganzen dag ehott, un ans et bolle
abend wert, segt häi: »No, ziege! nu frett noch'n bieten.« »Ne,« segt de
ziege do:
»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«
»No, denn kumm her, denn willt wi na hüs gaen«, säe de junge un tög mit
siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkam, säo fraget de väer de ziegen: »of se denn nü ök ornt-
liken satt wöre«. »Ne!« säe de ziege.
»Dar satt noch'n blatt;
Harr eck datt noch 'e hatt
Säo wör eck satt.«
»I,« segt do de kerel, »säo schall doch den jungen dütt un datt!« krigt
sine älen un prügelt den jungen orntliken dör.
Den andern dag mot de twäite junge mit der ziegen los un hat se ök
den ganzen dag ehott, un ans et bolle abend weren will, säo segt häi täo
siner ziegen: »No ziege! nu frett noch en bieten, ehr et düster werd.« »Ne!«
segt de ziege do:
»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«
»No, denn kumm her, denn willt wi na hüs gaen,« segt de junge, un tut
mit siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkumt, säo fraget de väer de ziegen : »of se denn nu ök
orntliken satt wöre.« »Ne,« säe de ziege:
»Dar satt noch'n blatt,
Harr eck dat noch 'e hatt
Säo wör eck satt.«
»I,« segt do de kerel, »säo schall doch den jungen dütt un datt!« krigt sine
älen un prügelt minen läiwen jungen orntliken dör.
Den drüdden dag moste de drüdde junge met der ziegen lös. »Eck wicke
et di awer,« säe de kerel, »kummst du mi mit der ziegen in, un se is nich
satt, säo gift et hibe.« Do hodde de junge de ziegen den ganzen dag, un
ans et bolle abend weren wolle, säo segt häi: »No, ziege! nu frett noch en
bieten, ehr et düster werd; dat du hernah orntliken satt bist.« »Ne!« segt
de ziege:
»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«
»No, denn kumm her,« segt de junge; »denn willt wi na hüs gaen,« un tög
mit siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkummt, säo fraget de väer de ziegen: »of se denn nu ök
orntliken satt wo it. »N6!« säe de ziege:
42
»Dar satt noch 'n blatt,
Harr eck dat noch 'e hatt
Säo wör eck satt.
»I,« segt dö de kerel: »säo schall doch den jungen dütt un datt,« krigt sine älen
van der wand un prügelt minen läiwen jungen orntliken dör.
Den andern dag denket de kerel: »du schost doch äis sülbenst mit der
ziegen losgäen, dat dat arme bäist doch äis orntliken satt werd.« Des cren-
dages tut häi los un hot de ziegen bet et abend werd, dö segt häi: »No,
ziege, nü frett noch'n bieten, dat du orntlicken satt wärst.« »Ne,« segt de ziege.
»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«
»No, denn kumm här,« segt de kerel, »denn will wi na hüs gäen,« un trecket
mit siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkam un sine ziege anbund, do säe häi: »Nich wahr, ziege,«
sägt häi, »vandäge bist du doch äis orntliken satt ewören?« »Ne,« säe de ziege
do ök weer:
»Dar satt noch 'n blatt,
Harr eck dat noch 'e hatt
Säo wör eck satt.«
»Verdammte ziege,« säe do de kerel; »eben haste di den balg säo dicke
fräten, dat du näin blatt mehr möchtest; un nü segste, du bist nich satt? Ja,
teuf man, eck will di betälen!« Do läip de kerel hen un häole sine scheren un
snet der ziegen up äiner halwe alle häre van'n balge, un ok dat äine ohr snct
he ör af, un ans he dat e däen harre, do nam häi sine älen un klappe mine
läiwen ziegen üt'n hüse herüt.
De ziege, de nü ganz verschändet was un sick säo vär näinen minschen
säien läten möchte, läip int holt un kämm an'en vosslock un dachte, da wolle
se sick inne verstäken. Do räip de voss:
»Halb geschoren, halb ungeschoren!
Wer herein kommt
Dem rutsch ich,
Dem stutz ich
Den stuppstert
Vorm ase weg!«
Do wörd de ziege bange, dat se ören stuppstert ök noch missen schölle, un
fong en lopen an un läip jümmer täo in de wie weit henin, un wenn se noch
nich up ehört hat, säo lopt se vandage noch.
Die launische Ziege
(hochdeutsch).
Es ist mal ein Schneider gewesen, der schaffte sich eine Ziege an. Er
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hatte dreijungens, denen befahl er, einem nach dem andern, sie zu hüthen,
draußen an der Hecke, bis sie satt sei. Das thaten sie denn auch mit allem
Fleiß, und jedesmal, ehe sie aufhörten mit Hüthen, fragten sie ausdrücklich,
ob sie genug hätte, und jedesmal gab die Ziege zur Antwort, sie wäre so satt,
daß sie kein Blatt mehr möchte; kamen sie aber nach Hause mit ihr und der
Vater fragte nach, dann sagte sie immer das Gegenteil. Auf die Bengels ist
kein Verlaß, dachte der Schneider, ich muß selbst mit ihr los. Als er nun
meinte, sie hätte sich dick gefressen, fragte er doch noch der Sicherheit wegen:
»Na Ziege, bist du nu satt?«
Eck bin säo satt,
eck mag näin blatt,
versicherte die Ziege. Als er aber mit ihr nach Hause kam und nochmals
die nämliche Frage stellte, fing das launische Vieh an zu meckern und schrie:
Neu
Dar satt noch 'n blatt,
harr eck dat noch ehatt,
säo wör eck satt.
Das war dem Meister denn doch zu bunt. Er wurde kraus, nahm seine große
Schere, schor die Ziege auf einer Seite rattenkahl, schnitt ihr ein Ohr ab
und prügelte sie mit seiner Elle bis in den Wald hinaus. Hier wollte sie sich
verstecken in einer Höhle, aber im Hintergrund saß der Fuchs und rief ihr
drohend entgegen:
Halbgeschoren, halbungeschoren,
wer herein kommt,
dem rutsch ich, dem stutz ich
den stuppsteert (Stumpfschwanz) vor'm ase weg.
Da kriegte sie's mit der Angst, daß sie den Schwanz auch noch missen
sollte, und fing zu laufen an, immerzu in die weite Welt hinein, und wenn
sie nicht aufgehört hat mit Laufen, dann läuft sie noch heute.
21. Des Kaufmanns Sohn.
Es hatte ein Kaufmann einen einzigen Sohn und auch eine Tochter.
Der Sohn war aber ein Erztaugenichts, und weil er gar nicht gut thun wollte,
so schickte ihn sein Vater zuletzt unter die Soldaten, da, meinte er, würden
sie ihm schon Ordnung lehren.
Es dauerte nicht lange, so schrieb der Junge nach Haus: er wäre
Offizier geworden und da müsse er sich denn die theure Uniform an-
schaffen, darum möchte ihm sein Vater doch etwas Geld schicken. »Der
Junge macht sich,« dachte der Vater und schickte ihm hundert Thaler hin.
Er war aber nicht Offizier, sondern noch gemeiner Soldat und ein Tauge-
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nichts vor wie nach, nahm die hundert Thaler und verthat sie auf die leicht-
sinnigste Weise.
Als das Geld nun zu Ende war, schrieb er an seinen Vater einen zweiten
Brief, da stand drin: er wäre jetzt General geworden, darum möchten sie
ihm von Haus doch etwas Geld zukommen lassen. »Der Junge kommt doch
recht empor,« dachte der Vater und schickte ihm hundert Thaler hin. Aber
der Junge, der noch immer gemeiner Soldat war, verbrachte das Geld in
kurzer Zeit und machte noch Schulden obendrein.
Weil er nun nicht aus noch ein wußte, so schrieb er zum dritten Male
an seinen Vater: er wäre jetzt König geworden, aber die erste Einrichtung
koste viel Geld, darum sollte ihm sein Vater doch mit etwas Geld unter die
Arme greifen. »Das kommt mir doch etwas sonderbar vor, daß der Junge
nun gar König geworden ist, c dachte der Alte; »ehe ich ihm darum das Geld
schicke, will ich doch erst mal nähere Erkundigungen einziehen.«
Da saß nun der Junge und wartete, aber es kam kein Geld und kam
kein Geld, und weil er nun seine Schulden nicht bezahlen konnte, auch sonst
seinen Dienst nicht ordentlich versehen hatte, so wurde ihm mit Schimpf und
Schande der Abschied und eine alte zerrissene Soldatenuniform mit auf den
Weg gegeben. So ging er in die weite Welt und hatte nichts zu beißen
und zu brechen.
Eines Abends kam er an den Garten des Königs; da sah er, daß ein
Apfelbaum darin stand, der hing voll der schönsten Äpfel, und weil er hungrig
war, so hätte er gar zu gern einige von den Äpfeln haben mögen. Es ging
aber um den Garten eine hohe Mauer und war nur eine einzige Thür darin,
und als er da hindurch schleichen wollte, um zu dem Apfelbaume zu gelangen,
so stand quer davor ein Bett und lag des Königs Tochter darin, die mußte
jede Nacht bei den Äpfeln Wache halten, daß keiner davon gestohlen würde.
Da fing er mit ihr ein Gespräch an und fragte, ob es nicht erlaubt wäre,
von den Äpfeln einige zu essen? »Nein!« sagte die Königstochter; »aber
wenn du diese Nacht bei mir bleiben und mir Gesellschaft leisten willst, so
will ich es dir wohl erlauben.« Das versprach der Junge und aß von den
Äpfeln so viel er nur mochte. Dann setzte er sich zu der Königstochter aufs
Bett und vertrieb ihr die Zeit und blieb bei ihr die ganze Nacht. Das war
ihr aber eine große Freude, denn sie fürchtete sich und hatte Langeweile,
wenn sie des Nachts so allein im Garten liegen mußte, und da gefiel ihr der
Junge so gut, daß sie ihm des Morgens heimlich schöne Kleider gab und zu
ihrem Vater dem König ging und ihm sagte, es wäre da ein schöner vor-
nehmer Herr angekommen, den möchte sie um alles in der Welt gern zum
Manne haben. Erst wollte es der König gar nicht zugeben; das Mädchen
plagte aber so lange, bis er doch endlich ja sagte.
Als der Junge nun die Königstochter geheirathet hatte, sagte er eines
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Tages, er wolle mal in seine Heimath zu seinen Eltern reisen, nahm zwei
Jäger zu seiner Begleitung und auch viel Geld und schöne Kleider mit. Des
Abends kamen sie in einen Wald und verirrten sich; da stieg der eine Jäger
auf einen hohen Baum, und als er von da aus in der Ferne ein Licht schimmern
sah, gingen die drei in der Richtung weiter und gelangten auch zu der Stelle,
wo das Licht brannte, und da sahen sie, daß sie in eine Mördergrube ge-
kommen waren. »Von hier geht kein Weg wieder zurück,« sprachen die
Räuber; > ihr müßt nun sterben!« Sie führten auch die beiden Jäger gleich
auf die Seite, daß sie sie umbrächten, aber ihrem Herrn nahmen sie Geld und
Kleider ab und stießen ihn fasernackt in den Wald hinaus. Er mußte lange
irren, ehe der Wald licht wurde, und als er nun endlich auf das freie Feld
kam, fand er da einen Schäfer in seinem Karren liegen, den sprach er an um
einige alte Kleider, seine Blöße damit zu bedecken. »Meine Kleider habe ich
selbst groß nöthig,« sprach der Schäfer; »aber in voriger Nacht ist mir ein
Schaf gestorben, dem habe ich das Fell abgezogen, das ist alles was ich dir
geben kann.« Da bedankte er sich bei dem Schäfer, hing das Fell um seine
Schultern und kam so in seines Vaters Hause an. Aber seine Angehörigen
erkannten ihn nicht wieder und als er nun sagte, wer er wäre und daß er
eine Königstochter geheirathet hätte, da wurde sein Vater zornig und sprach:
»Du bist nie und nimmer mein Sohn! Hinaus mit dir, du Bettler! Bei den
Hunden im Stalle, da kannst du dein Futter kriegen.« Und als er das gesagt
hatte, ließ er ihn zu den Hunden in den Stall werfen, da mußte er Knochen
nagen und nur seine Schwester, die den armen, halbnackten Menschen be-
dauerte, brachte ihm zuweilen heimlich etwas zu essen.
Die Königstochter saß derweilen daheim und wartete vergeblich, daß er
wiederkäme. Da wurde ihre Sehnsucht nach ihm so groß, daß sie aufbrach,
ihn in seiner Heimath aufzusuchen. Zu ihrer Begleitung nahm sie viele Jäger
mit und kam mit ihnen abends in den Wald und zu der Mördergrube. Da
sprach die Königstochter zu den Jägern: »Bleibt ihr jetzt noch zurück, ich will
allein hineingehen, ob ich nicht meinen Mann da finde. Wenn ich euch aber ein
Zeichen gebe, so kommt mir schnell zu Hülfe. « Da ging die Königstochter allein in
die Mörderhöhle. »Von hier geht kein Weg zurück!« schrieen da die Räuber;
du mußt nun sterben.« »Wenn ich denn mein Leben lassen muß,« sprach
die Königstochter, »so laßt mich vor meinem Tode nur noch einmal eine Pistole
losschießen, denn mein Leben lang ist die Jagd mein größtes Vergnügen ge-
wesen.« Das erlaubten ihr die Räuber auch; und wie sie die Pistole abdrückte,
so stürzten auch schon die Jäger herein, nahmen die Kerle gefangen und
stachen sie todt, daß auch nicht einer mit dem Leben davon kam. Darauf
suchten sie das Räubernest gehörig durch und fanden eine Masse Gold und
auch die schönen Kleider ihres Herrn; das alles nahmen sie mit sich fort.
Als die Königstochter nun bei den Eltern ihres Mannes ankam, so fragte
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sie, ob sie nicht einen Sohn hätten. »Ja,« sagte der Vater; »aber der ist
schon vor Jahren in die weite Welt gegangen und da gestorben und verdorben.
Vor einiger Zeit kam freilich ein halbnackter Bettler, der sagte, er wäre mein
Sohn und hätte eines Königs Tochter geheirathet; ich habe ihn aber zu den
Hunden in den Stall sperren lassen. Da ließ sie sich hinbringen, wo er lag,
und da war er ganz mit Schmutz bedeckt und sein Haar und sein Bart waren
so lang und wüst geworden, daß sie ihn kaum wieder kannte. Da ließ sie
ihn waschen und scheren und gab ihm seine schönen Kleider und da erkannten
ihn auch seine Eltern und seine Schwester wieder. — Nachdem, so gingen
sie miteinander zurück in ihr Königreich.
22. Der Königssohn mit der goldenen Kette.
Es war einmal ein Königssohn, der wollte ausziehen, die Welt zu sehen.
Da ließ ihm sein Vater eine goldene Kette um den bloßen Leib schmieden
und gab ihm auch noch Geld dazu. Danach nahm der Königssohn Abschied
von seinem Vater und reiste fort.
Gegen Abend kam er in eine Stadt, da gingen die Glocken und als er
fragte, was das zu bedeuten hätte, daß die Glocken geläutet würden, so wurde
ihm gesagt, es wäre ein armer Mann gestorben, der wäre aber noch zehn
Thaler schuldig und nun wollte der, der das Geld zu fordern hätte, es nicht
zugeben, daß der Arme begraben würde, es käme denn einer und bezahlte
das Geld für ihn. Da ging der Königssohn hin und erlegte das Geld, und
der arme Mann, der schon lange über der Erde gestanden hatte, kam nun
endlich zur Ruhe in seinem Grabe, und der Königssohn ging allein hinter
dem Sarge her.
Nachdem so zog der Königssohn weiter und kam in einen finstern Wald,
da begegneten ihm zwei Spitzbuben, die fragten ihn: wo denn die Reise hinginge.
»Ich bin ausgegangen, das Stehlen zu lernen,« sagte der Königssohn. »Wenn
du das lernen willst,« sagten die beiden, »so bist du hier gerade recht gekom-
men, das verstehen wir aus dem Grunde gut. Geh nur mit, so sollst du es
lernen.« Da nahmen sie ihn mit in ihre Höhle, und waren da im ganzen
vierundzwanzig Spitzbuben zusammen, die hatten auch eine Königstochter bei
sich, welche sie geraubt hatten und nun gefangen hielten.
Da sprach eines Tages der, welcher der Oberste war, es sollten drei
Nächte hintereinander jedesmal acht aufs Stehlen ausgehen; wer dann das
meiste mitbrächte, der sollte die Prinzessin zur Frau haben. Als sie nun
die erste Nacht auszogen, ging der Königssohn seinen Weg für sich, trat
hinter einen Baum und löste ein Stück von seiner goldenen Kette, die er um
den Leib trug, und als nun die andern zurückkamen, da hatte er das meiste
mitgebracht. Die zweite Nacht machte er es wieder so und die dritte Nacht
4 47
auch, und weil er jedesmal das meiste mit zu Haus gebracht hatte, so kriegte
er die Prinzessin zur Frau.
Die Prinzessin weinte aber so viel und war ganz unglücklich, daß sie
einen Spitzbuben zum Manne haben und unter lauter Spitzbuben leben sollte ;
da gab sich der Königssohn ihr heimlich zu erkennen und sagte: »Weine nur
nicht mehr! Ich bin kein Spitzbube, wie du wohl denkst, sondern ein Königs-
sohn und will dich aus deiner Gefangenschaft befreien, sobald es geht, und
mit dir zu deinem Vater reisen.«
Er wurde nun ordentlich in die Bande aufgenommen und kriegte eine
Flöte, darauf spielte er, wenn er zu Hause war und vertrieb der Königstochter
die Zeit; zuweilen fuhr er in der Mittagszeit auch mit ihr spazieren, denn der
oberste der Spitzbuben hatte eine Kutsche und vier Pferde und hatte es ihm
erlaubt, zuweilen darin herumzufahren, aber nur ganz nahe bei dem Hause,
damit sie ihn immer sehen konnten.
Nun traf es sich eines Tages, daß die Bande gute Beute gemacht hatte;
da stellten sie ein Trinkgelage an und soffen so viel Wein, daß sie alle be-
trunken wurden. Der Königssohn hatte aber nur gethan als tränke er mit,
und als er nun sah, daß sie alle unter dem Tische lagen, da ging er hinaus,
spannte die Pferde vor die Kutsche und jagte mit der Prinzessin, über Stock
und Stein aus dem Walde hinaus und hörte nicht eher auf, bis er zu einer
Stadt kam, die an der See lag. Über diese See mußten sie aber fahren, um
wieder in ihre Heimath zu gelangen; darum beredeten sie sich mit einem
Schiffskapitän, der mit seinem Schiffe da im Hafen lag, daß er sie mitnähme.
Sie wurden mit dem Manne auch einig und gingen auf das Schiff, das zur
Rückfahrt bereit lag. Da sie nun vom Lande gestoßen waren und auf die
offene See kamen, da zeigte es sich, daß der Kapitän des Schiffes ein treuloser
Mann war.
Er war aus dem Lande, wo die Prinzessin her wrar, und da hatte der
König, ihr Vater, bekannt machen lassen, wer seine Tochter aus den Händen
der Spitzbuben befreie, der sollte König werden und die Prinzessin zur Frau
haben. Nun hatte aber der Schiffskapitän die Königstochter wieder erkannt,
darum machte er heimlich einen Anschlag, wie er ihren Gefährten, der. sie
befreit hatte, von der Welt schaffen könnte. Er beredete sich mit seinen Ma-
trosen, daß sie ihn in der Nacht binden una in das Meer werfen sollten und
verhieß ihnen, wenn sie das thäten, guten Lohn. Da waren die Matrosen auch
bereit, banden ihn, als er im Bette lag, mit Stricken und wollten ihn über
Bord in die See werfen ; er bat aber so viel, sie möchten ihm doch das Leben
lassen, daß sie endlich nachgaben und einen alten Kahn losmachten, da setzten
sie ihn hinein, gaben ihm altes lumpiges Matrosenzeug, weil er halb nackt
war, und stießen den Kahn in die See hinaus. »Der wird uns sicher nicht
verrathen, dachten sie; »wenn er nicht verhungert, so muß er doch ertrinken,
48
DER SCHATZGRÄBER.
denn der alte Kahn wird nicht lange über Wasser bleiben.« Als sie nun
dem Kapitän die Nachricht brachten, daß sie seinen Befehl ausgerichtet hätten,
da mußte ihm die Königstochter einen heiligen Eid schwören, daß sie in ihrem
Leben niemandem sagen wollte, was hier vorgefallen und daß ein anderer sie
erlöst hätte. Danach so fuhren sie weiter und kamen glücklich ans Land
und in die Stadt, wo die Königstochter her war; da gab sich der Kapitän
für den Mann aus, der sie von den Spitzbuben befreit hatte und brachte sie
zu dem Könige; der hatte eine große Freude, daß er seine Tochter endlich
wiedersah.
Nun gut! — Der arme Königssohn, der fuhr aber derweilen auf der
großen See in seinem Kahn. Zwar sein Geld und seine Flöte hatte er ge-
rettet, aber was half ihm das, wenn er nichts zu essen hatte. Er meinte, er müßte
elendiglich verhungern und hatte sich schon in sein Schicksal ergeben, als
eines Nachts der Kahn an das Ufer stieß; da sprang er heraus und band ihn
fest, und weil ihn der Hunger trieb, so stieg er auf einen hohen Tannenbaum,
ob er nicht von da ein Licht erspähen könnte und so zu Leuten käme, die
ihm etwas zu essen gäben; aber er mochte seine Augen anstrengen, wie er
wollte, es zeigte sich nah und fern kein Licht. Da wurde er ganz muthlos
und sprach : »Was hilft es mir nun, daß ich der See glücklich entgangen
bin ; wenn ich hier in der Wildniß vor Hunger umkommen muß, oder den
Spitzbuben wieder in die Hände falle. Hätten mich die Wellen verschlungen,
so wäre das wohl für mich das Beste gewesen.« Indem daß er noch so
klagte, gewahrte er, daß in seinem Kahn, den er am Ufer zurückgelassen
hatte, sich etwas Weißes regte, und als er näher hinzutrat, so war es der
Geist des armen Mannes, für welchen er die zehn Thaler bezahlt hatte, daß
er konnte begraben werden. »Weil du so gut gegen mich gewesen bist«, sprach
der Todte, »und hast mir ein ehrliches Begräbniß geben lassen, so will ich dich
nun zum Dank schnell in die Stadt bringen, wo der Kapitän morgen mit
deiner Frau Hochzeit halten will, wenn du dich nicht noch zur rechten Zeit
einfindest.« Als der Todte das gesagt hatte, führte er den Königssohn in dem
Kahne noch denselben Tag zu der Königsstadt bis zu einem Gasthause, welches
dem Schlosse gerade gegenüber lag. Der Königssohn fragte die Wirthin, ob
er nicht die Nacht dableiben und ein Zimmer haben könnte und forderte
sich auch ein Glas Wein. Da sah ihn die Wirtin ganz verächtlich an, denn
er war ganz schmutzig und trug noch sein zerrissenes Matrosenzeug; »geh
nur weiter,« sprach sie, »dies ist hier keine Herberge für Leute deinesgleichen;
ich habe das ganze Haus voll vornehmer Gäste, denn morgen ist Hochzeit
gegenüber in des Königs Schloß.« Als er aber das Glas Wein mit einem
Goldstücke bezahlte, da wurde die Wirtin auf einmal ganz freundlich und gab
ihm auch ein Zimmer, wo er die Nacht bleiben konnte. Da ging der Königs-
sohn hinauf, machte das Fenster auf und fing auf seiner Flöte zu spielen an.
Das hörte gegenüber im Schloße die Prinzessin, und an dem Tone und der
Melodie erkannte sie, daß der gekommen war, welcher sie aus den Händen
der Räuber befreit hatte. Da fing sie laut zu weinen an und ging zu ihrem
Vater und fiel ihm mit Schluchzen rund um den Hals und konnte kein ein-
ziges Wort hervorbringen. »Was fehlt dir denn, mein Kind,« fragte der König
da; »daß du so traurig bist, und morgen ist doch dein Hochzeitstag?« »Ach,
lieber Vater,« sprach die Prinzessin, »ich darf und darf es niemals sagen, was
mich so traurig macht; das habeich schwören müssen.« »Nun!« sagte der König,
»wenn du es nicht sagen darfst, so darfst du es doch schreiben« und ließ
Feder, Tinte und Papier holen. Da schrieb sie auf, daß der, welcher in dem
Gasthofe die Flöte spielte, sie von den Räubern erlöst hätte ; der SchifFs-
kapitän aber wäre ein Betrüger und falscher Mann und gäbe sich mit Unrecht
für ihren Befreier aus. Als das der König las, schickte er gleich einen von
seinen Dienern hin, daß er den Mann holen sollte, der in dem Gasthofe ge-
genüber auf der Flöte spielte. Wie aber der Diener hinkam und den Fremden
darum ansprach, so that der ganz säumig und sprach; »Wenn dein Herr, der
König, mich zu sprechen wünscht, so kann er selber kommen ; der Weg vom
Könige zu mir ist nicht weiter als der Weg, welcher von mir zum Könige
geht«. Mit der Antwort ging der Diener vor den König und sagte'ihm auch,
was das für ein schmutziger Gesell wäre, der so verwegen gesprochen hatte.
Da redete der König seiner Tochter zu, daß sie sich den Landstreicher sollte
aus dem Sinne schlagen ; aber die Prinzessin wollte sich nicht eher zufrieden
geben, bis ihr Vater selbst hinging und den Mann herüber in das Schloß holte.
Da erkannten sich die beiden und fielen sich in die Arme, und dann erzählten
sie dem Könige von der Treulosigkeit des SchifFskapitäns und wie das alles
so gekommen war. Da gab der König den Befehl aus, daß der Kapitän zur
Strafe von vier Ochsen sollte in Stücken gerissen werden ; den Königssohn
aber vermählte er mit seiner Tochter und machte ihn zum Könige, und das
ist er auch geblieben, bis er starb.
23. Der Königssohn Johannes.
Es war mal ein Königssohn mit Namen Johannes, der wollte auf Reisen
gehn, und ob sein Vater gleich dawidersprach, weil er fürchtete, es könnte
ihm unterwegs ein Unglück zustoßen, so ließ er sich doch nicht zurückhalten,
sondern zog fort in die weite Welt hinein. Mit Anbruch der Nacht kam er
in einen großen Wald zu einem Hexenhause, darin wohnte ein altes Weib
mit ihrem Manne. Die Hexe war aber so bös geartet, daß sie alle drei Tage
wenigstens einen Menschen fraß, den sie vorher in ihrem Backofen gebraten
hatte. Als sie nun den schönen Königssohn in ihr Haus treten sah, da lachte
ihr das Herz im Leibe, daß sie wieder einen guten Braten kriegte. »Du
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kommst von hier nicht wieder fort«, sprach sie zu ihm, und sollst mir tüchtig
arbeiten.«
Den andern Morgen brachte sie ihn hinaus auf ein großes Feld, gab
ihm einen Spaten und sagte: »Nun grabe mir das Feld; aber das wicke ich
dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's dir schlecht.«
Damit ließ sie ihn allein und ging fort. Der Königssohn hatte aber nie in
seinem Leben einen Spaten in der Hand gehabt, und nun sollte er in einem
Tage das große Feld herumbringen. Darüber gerieth er so in Verzweiflung,
daß er sich bitterlich weinend auf den Boden warf.
Nun hatte die Hexe noch ein Mädchen bei sich mit Namen Jette, das
mußte dem Königssohn um Mittag was zu Essen bringen, und als sie hinkam,
da lag er noch immer und weinte und hatte von seiner Arbeit noch nichts
gethan. »Was weinst du denn?« fragte ihn das Mädchen. »Ach!: sagte er; »ich
sehe wohl, daß ich die Arbeit doch nimmer fertig bringe, darum bin ich so
traurig.« »Sei nur guten Muthes ■-, sprach das Mädchen da; wenn du mir ge-
treulich beistehen willst, daß ich aus dem Hause der alten Hexe wegkomme,
so will ich die Arbeit schon für dich fertig bringen. Du mußt wissen, ich
bin keine gewöhnliche Magd, sondern eines Königs Tochter; aber das alte
Weib hat unser Schloß verwünscht, da sind meine Brüder zu drei Riesen
geworden, die werfen auf dem Schloßhofe mit Steinen, daß keiner hineinkann,
und wenn sie niederwerfen, so werfen sie auf, und wenn sie aufwerfen, so
werfen sie nieder. Ich selber muß bei der Hexe dienen als ihre Magd. Wenn
wir aber fort wollen, so dürfen wür nicht lange mehr warten, denn von heut
über drei Tage muß sie wieder Einen fressen und hat schon gesagt, sie wollte
den Backofen heiß machen.« Da versprach der Königssohn dem Mädchen,
daß er ihr gerne beistehen wollte, und wenn sie glücklich wegkämen, so
wollte er sie zu seiner Frau nehmen. Das Mädchen hatte aber das Wünschen
gelernt, und nun wünschte sie, daß das Land herum wäre, und wie sie das
gethan hatte, so war auch die Arbeit geschehen. Der Königssohn legte sich
nun hin und schlief, bis die Sonne hinunter war; dann ging er zu Hause und
sagte, das Land wäre umgegraben. »Gut das ! < sagte die Hexe; morgen will
ich dir mehr zu thun geben.«
Den andern Tag brachte sie ihn in den Wald zu einer allmächtig großen
Buche, gab ihm eine Axt und sagte : »Nun fälle mir den Baum, und wenn
du das gethan hast, so haue ihn in kleine Splittern, daß ich Brennholz kriege;
aber das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so
geht's dir schlecht.« Damit ging sie weg und ließ ihn allein. Der Königs-
sohn hatte aber in seinem Leben noch keine Axt in Händen gehabt, und
nun sollte er in einem Tage den allmächtig großen Baum in Splitter hauen.
Darüber wurde er ganz mißmuthig, warf sich auf die Erde und fing bitterlich
zu weinen an.
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Um Mittag hatte er noch keinen Hieb getan, und als Jettchen mit dem
Essen kam, da lag er noch immer und weinte in einem fort. »Weine doch
nicht mehr,« sagte sie zu ihm; »ich will die Arbeit wohl für dich thun, wenn
du halten willst, was du mir gestern versprochen hast.« »Ja!« sagte der
Königssohn; »das will ich dir gewiß und wahrhaftig halten.« Da wünschte
sie, daß der Baum gefällt und in Splitter gehauen wäre, und wie sie es ge-
wünscht hatte, so war es auch gleich geschehen. Der Königssohn legte sich
nun hin und schlief, bis die Sonne hinunter war, dann ging er zu Hause und
sagte, mit dem Baum wäre er fertig. »Gut das!« sagte die alte Hexe; »morgen
will ich dir mehr zu thun geben.«
Den dritten Tag brachte sie ihn zu einem großen Teiche, gab ihm den
Rand von einem Siebe und sagte: »Nun schöpfe mir den Teich aus; aber
das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's
dir schlecht.« Damit ging sie weg und ließ ihn allein. Der Königssohn aber
fing bitterlich zu weinen an, denn mit einem Siebrande Wasser schöpfen, das
war ja eine unmögliche Arbeit.
Um Mittag kam Jettchen und brachte das Mittagessen, und als sie ihn
so weinend auf der Erde liegen sah, sprach sie ihm Muth ein und sagte :
»Weine nicht mehr, Johann! Wenn Du Dein Versprechen halten willst, so
will ich die Arbeit für dich ausrichten.« »Ja!« sagte er; »das will ich gewiß
und wahrhaftig halten.« Da wünschte sie, daß der Teich leer wäre, und
wie sie das gethan hatte, so war auch gleich alles Wasser heraus bis auf den
letzten Tropfen.
»Diese Nacht,« sprach sie darauf, »will ich dich wecken; dann wollen
wir zusammen fortlaufen, denn es ist die höchste Zeit; morgen früh, das weiß
ich, will die Alte den Backofen heizen und wird dich sicher braten und auf-
fressen, wenn wir nicht machen, daß wir von hier wegkommen. Darum
halte dich bereit.« Das versprach er auch. Als nun die Sonne untergegangen
war, ging er zu Hause und sagte, mit dem Teiche wäre er fertig. »Schön!«
sagte die Hexe, »so sollst du morgen Feiertag haben« und that ganz freund-
lich und lachte, weil sie sich schon im voraus auf den guten Braten freute.
Mit dem, so gingen sie zu Bette.
In der Nacht aber stand Jettchen auf, spuckte dreimal vor ihr Bett,
weckte den Königssohn, und dann liefen sie fort, so schnell sie nur konnten.
-Ich darf mich aber nicht umsehen«, sprach das Mädchen, »sonst hat mich
die Hexe wieder in ihrer Gewalt; darum mußt Du zuweilen zusehen, ob wir
nicht verfolgt werden.«
Unterdes war aber die Alte auch schon aufgestanden, denn sie konnte
die Zeit nicht erwarten, daß der Backofen geheizt würde, und weil Jettchen
ihr dabei helfen sollte, so rief sie: >Jettchen!« »Ja!« rief die Spucke. Aber
Jettchen kam niglrt. »Jettchen!« rief sie wieder. »Ja!« antwortete die Spucke;
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aber das Mädchen kam nicht. Da rief sie zum dritten Male: »Jettchen I«
»Ja!« rief die Spucke. Aber Jettchen kam noch immer nicht, und als sie
endlich vor des Mädchens Bett ging, so war das Nest leer und als sie nun
den Königssohn auch nicht in seinem Bette fand, da sah sie wohl, daß die
Vögel ausgeflogen waren. Da lief sie schnell hin und weckte ihren Mann,
der mußte mit drei großen Hunden hinter den beiden her und sollte sie
wieder einfangen.
Als sich nun der Königssohn einmal umsah, so war der Kerl mit den
Hunden schon dicht hinter ihnen. Da wünschte das Mädchen den Königssohn
zu einem Dornstrauche und sich selbst zu einer schönen Blume, die mitten
darin stand. Wie da der Kerl herankam und wollte den Dornstrauch fassen,
so stachen ihn die Dornen in die Hände; da lief er schnell wrieder nach
Hause und sagte zu seiner Frau: »Ich habe die Beiden nicht fangen können;
es stand da ein Dornstrauch und eine Blume darin; aber als ich den Dorn-
strauch anfaßte, da stachen mich die Dornen und da bin ich weggelaufen.«
»O, wie dumm!« sagte die Hexe und schalt ihren Mann tüchtig aus; »hättest
du nur die Blume mitgebracht, so wäre der Dornstrauch von selbst ge-
kommen. Mach nur, daß du gleich wieder fortkommst und schaff mir die
Blume.« Da mußte der Kerl mit den drei Hunden wieder los und hinter
den beiden her.
Die waren aber mittlerweile weitergelaufen. Als sich nun der Königs-
sohn einmal umsah, so wrar der Kerl mit seinen großen Hunden schon wieder
dicht hinter ihnen. Da wünschte sich das Mädchen zu einem großen Teiche
und den Königssohn zu einem Enterich, der schwamm darauf. Indem, so
kam der Kerl herzugelaufen, und weil der Enterich immer mitten auf dem
Teiche schwamm, so dachte er ihn herbeizulocken und rief: »Niep, Xiep!
Niep, Niep!« Aber der Enterich schnatterte immer mitten auf dem Teiche
herum, daß ihn der Kerl nicht greifen konnte. Da lief er wieder nach Hause
zu seiner Frau und sagte: »Ich habe die beiden nicht fangen können; da
war wohl ein Teich, und ein Enterich schwamm darauf, aber der Enterich
hielt sich immer mitten auf dem Teiche.« »O, wie dumm!« schalt die Hexe;
»hättest du nur den Enterich fangen können, so wäre der Teich von selbst
gekommen. Lauf nur schnell wieder fort und schaff mir den Enterich.« Da
mußte der Kerl mit den drei Hunden wieder los und hinter den beiden
herlaufen.
Die hatten aber mittlerweile ihre natürliche Gestalt wieder angenommen
und waren schnell weitergelaufen. Als sich aber der Königssohn einmal um-
sah, so war der Kerl mit den drei großen Hunden schon wieder dicht hinter
ihnen. Da sagte Jettchen : »Ich will mich jetzt zu einem Gemüsegarten
wünschen und du sollst ein alter Mann mit langem Barte sein, der in dem
Garten herumgeht.« Und wie sie es gewünscht hatte, so war es auch gleich
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geschehen. Indem, so kam der Mann der alten Hexe herzugelaufen, fand
aber nur einen schönen Gemüsegarten, und einen alten Mann mit langem
Barte darin, den fragte er, ob er nicht da eben zwei hätte vorbeilaufen sehen!
»Gelbe Wurzeln«, sagte der alte Mann. »Ich meine«, schrie ihm der andere
zu, »ob Ihr nicht gesehen habt, wo die zwei Leute hingelaufen sind, die hier
eben vorbeigekommen sein müssen!« »Gelbe Wurzeln«, sagte der alte Mann.
Da fragte der andere zum dritten Male und schrie noch lauter als vorher,
aber der alte Mann sagte wieder »Gelbe Wurzeln«. »Hier ist nichts zu machen«,
dachte der Mann der Hexe, »ich will nur wieder zu Hause gehen.« Damit
trollte er sich heim zu seinem alten Weibe.
Als Jettchen sah, daß der Kerl fort war, wünschte sie sich und Johann
wieder in ihre natürliche Gestalt; dann liefen sie weiter und kamen glücklich
über die Grenze, wo das Gebiet der Hexe aufhörte, so daß sie ihnen nichts
mehr anhaben konnte.
Nicht lange darnach kamen sie an Johann sein Schloß. Da sprach der
Königssohn zu dem Mädchen : »Es möchte meinen Eltern nicht recht sein,
wenn ich dich so ohne weiteres mitbrächte ; darum will ich erst mal allein
zu ihnen gehen; es soll aber nicht lange dauern, so hole ich dich auch herein.«
Da setzte sich Jettchen auf einen breiten Stein, der vor dem Schlosse lag und
wartete, daß der Königssohn wiederkäme und sie abholte. Als der aber hin-
ein zu seinen Eltern kam, vergaß er das Mädchen und ließ es draußen auf
dem Steine sitzen und dachte nicht mehr daran.
Über eine Zeit trug es sich zu, daß der Königssohn sein Fenster offen
ließ, da flog eine weiße Taube herein, die rief:
»Johann hat Jettchen vergessen
Auf einem breiten Stein.«
Und als er die Worte hörte, da fiel ihm auf einmal alles wieder ein, was er
vergessen hatte, wie das Mädchen so gut gegen ihn gewesen war und daß
er sie so treulos hatte sitzen lassen. Er hatte auch nicht eher Ruhe, bis er
auszog, das Mädchen aufzusuchen.
Lange Zeit mußte er wandern, da kam er endlich an Jettchen ihr Schloß,
das von der Hexe war verwünscht worden. Es war gerade Mittag, und um
die Zeit hatten die drei Riesen eine Stunde Frist, wo sie nicht zu werfen
brauchten, so daß der Königssohn ungehindert in das Schloß gehen konnte.
In dem Schlosse war aber alles ganz still und leer; nur ein alter Mann saß
darin, der hatte die Hand an die Wange gelegt und schlief, und vor dem
Fenster, dastand eine einzige wunderschöne Blume; und als der Königssohn
hereintrat, da schlug der alte Mann die Augen auf und sagte: »Vergiß das
Beste nicht!« »Das Beste, was hier zu finden ist, wird wohl die schöne
Blume sein, dachte der Königssohn, nahm sie und wollte wieder aus dem
Schlosse gehen. Da waren aber die drei Riesen schon wieder dabei und warfen
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Steine; aber der Königssohn wußte wohl, wenn sie niederwarfen, so warfen
sie auf, und wenn sie aufwarfen, so warfen sie nieder. Darum so nahm er
die Zeit wahr, wo sie niederwarfen, sprang schnell hinzu und berührte sie.
Damit hatte er es aber getroffen; die Riesen waren erlöst und wurden drei
Königssöhne und die schöne Blume wurde zu Jettchen, ihrer Schwester, die
sich in die Blume verwünscht hatte. Da sprach Johann zu ihr: »Nun will
ich dich auch nie und nimmer wieder vergessen, so lange ich lebe«, und das
hat er treulich gehalten bis an sein Ende.
5'
24. Das verwünschte Schloss.
In alter Zeit ist mal ein Edelmann gewesen, der hatte einen großen,
schönen Wald und vieles Wild darin, aber alle seine Jägersburschen, die er
noch gehabt hatte, wenn sie ausgingen, in dem Wald zu jagen, so kamen sie
nicht wieder zurück, so daß zuletzt keiner mehr bei dem Edelmann in Dienst
gehen wollte.
Nach langer Zeit kam endlich mal wieder ein junger, hübscher Bursche
zugereist, der stellte sich dem Edelmann als Jäger vor; da sagte ihm der Edel-
mann, wie es mit dem Walde bestellt wäre, und daß noch keiner wieder
daraus zurückgekommen sei, aber der Bursche bat so viel, er möchte ihn doch
annehmen, daß er ihn zuletzt doch in seinen Dienst nahm.
Gleich den andern Tag sattelte der Jäger sein Pferd und zog zum Jagen
in den Wald hinein. Nicht lange war er geritten, so sah er auf einmal dicht
vor sich elf prächtige Hirschkühe und einen prächtigen Hirschbock, der trug
ein Geweih von purem Golde. Da faßte den Jäger ein heftiges Verlangen,
dem wunderbaren Hirsche zu folgen, daß er ihn womöglich erjagen möchte;
darum trieb er sein Pferd zu raschem Laufe an. Die zwölf Hirsche aber, als
er ihnen nachsetzte, sprangen eilig davon; und zuletzt wurde der Wald so
wüst und dicht, daß er die Hirsche ganz aus den Augen verlor und sich ver-
irrte. Mit dem, so brach auch die Nacht herein. Da stieg der Jäger auf
einen hohen Baum und sah von da aus der Ferne her ein Licht schimmern.
Als er nun in der Richtung, wo das Licht herschien, weiter ritt, so kam er
an einen großen Pferdestall, darin brannte die Stallaterne, und das war das
Licht gewesen, welches er von dem Baume aus hatte schimmern sehen. Da
band er sein Pferd wie die andern Pferde in den Stall.
Der Pferdestall gehörte aber zu einem Schlosse, das stand nicht weit davon,
und als der Jäger da hineinging, so fand er alles aufs schönste eingerichtet,
aber es war ganz still darin und kein lebendes Wesen zu hören und zu sehen.
Nun stand da ein Schrank voll schöner Lesebücher, da nahm der Jäger eins
von in die Hand, um sich die Zeit zu kürzen. Mit einem Male so wurde
eine Stimme wach, die rief: ^>Was beliebt?- Ei! sprach der Jäger, »wenns
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nach meinem Belieben geht, so möchte ich wohl Waschwasser haben und ein
gutes Abendbrot.« Und was er verlangt hatte, das wurde ihm auch alles her-
gebracht. Da wusch er sich und setzte sich zum Abendessen, und als er
gegessen hatte, nahm er wieder sein Buch zur Hand und las.
Um elf Uhr ließ sich wieder die Stimme vernehmen und sagte: wenn
es zwölf wäre, so kämen vier Männer und schleppten ihn im ganzen Schlosse
herum; dabei dürfte er aber ja keinen Laut von sich geben, sonst müßte er
sterben.
Und richtig! Mit dem Schlage zwölf that sich die Thür auf und herein
traten vier schwarze Männer, die faßten ihn unsanft an, schleiften ihn Trepp
auf, Trepp ab im ganzen Schlosse herum; er gab aber keinen Laut von sich,
und als der Schlag eins aus der Glocke ging, da brachten sie ihn wieder in
sein Zimmer zurück.
Da sagte die Stimme: auf dem Tische stände Salbe, da sollte er sich mit
einreiben, und dann stände in dem Nebenzimmer ein schönes Bett, da sollte
er sich hineinlegen.
Das that der Jäger auch und den andern Morgen, da er erwachte, waren
all seine Schmerzen vorüber. Es stand auch schon sein Morgenbrod bereit.
Er erhob sich, als er das sah, von seinem Lager, verzehrte was ihm gebracht
war, und nachdem, so setzte er sich wieder hin und las schöne Geschichts-
bücher, die er nach Belieben aus dem Schranke nehmen konnte. Den ganzen
Tag über wurde er mit Essen und Trinken wrohl versorgt, so daß es ihm
sicher alles Wohlgefallen hätte, wenn ihm nicht die unheimlichen schwarzen
Männer von der Nacht vorher noch zu lebhaft in Gedanken gewesen wären.
Darum gedachte er, als der Abend anbrach, heimlich davon zu gehen. Aber
o weh! Die Zugbrücke wrar aufgezogen und alle Anstrengungen, sie herunter
zu lassen, waren vergeblich. Da mußte er denn wohl wieder umkehren, er
mochte wollen oder nicht.
Um elf Uhr wurde wieder die Stimme laut und sagte; statt daß gestern
vier gekommen wären, würden heute Nacht acht kommen und ihn im ganzen
Schlosse herumtragen; wenn er aber den geringsten Laut von sich gäbe, so
müßte er sterben.
Und richtig! Mit dem Schlage zwölf that sich die Thüre auf und herein-
traten acht große schwarze Männer, die packten ihn bei den Beinen und
schleiften ihn mit dem Kopfe zu unterst Trepp auf, Trepp ab im ganzen Schlosse
herum, daß ihm alle Rippen im Leibe knackten und sein Kopf voll Beulen
wurde. Aber doch gab er keinen Laut von sich ; und wie der Schlag eins aus
der Glocke ging, da brachten sie ihn wieder hin, wo sie ihn hergeholt hatten.
Da sagte die Stimme wieder: auf dem Tische stände Salbe, da solle
er sich mit einreiben, und in dem Nebenzimmer stände ein schönes Bett, da
solle er sich hineinlegen.
5»
Das that der Jäger auch; und den andern Morgen, als er aufwachte, war
sein Kopf wieder heil und that ihm kein Finger weh. Es stand auch schon
ein gutes Morgenbrod bereit, das verzehrte er mit Beilagen, und nachdem so
setzte er sich wieder hin und las noch viel schönere Bücher als er den Tag
vorher gelesen hatte, und zu bestimmter Zeit kriegte er auch wieder sein gutes
Essen und war ganz vergnügt bis zum Abend, wo es anfing dunkel zu werden;
da fielen ihm die schwarzen Männer wieder ein und herzlich gerne hätte er sich
auf und davon gemacht, wenn er nur gekonnt hätte.
Um elf Uhr sagte die Stimme: anstatt daß gestern acht gekommen
wären, kämen heute zwölf; er sollte aber nur standhaft bleiben und kein Wort
sagen, sonst müsste er sterben.
Und richtig! Mit dem Schlage zwölf that sich die Thür auf und herein
traten zwölf kohlschwarze Männer, die banden ihm Hände und Füße mit
eisernen Ketten und schleiften ihn im ganzen Schloße herum und zuletzt
hinaus auf den Hof zu einem tiefen Brunnen und thaten, als ob sie ihn hinein-
werfen wollten. Aber doch blieb er standhaft und gab keinen Laut von sich.
Sowie der Schlag eins aus der Glocke ging, brachten sie ihn wieder zurück
in sein Gemach. Er war halb todt und alle Knochen thaten ihm im Leibe weh,
aber diesmal kam keine Salbe und wurde ihm auch kein Bett gegeben, so daß
er auf allen vieren in eine Ecke kroch und da liegen blieb.
Die ganze Nacht that er vor Schmerz kein Auge zu, und den andern
Morgen wurde auch kein Essen gebracht; aber es dauerte nicht lange, so
klopfte jemand an die Thür, und als der Jäger »herein!« rief, da erschien ein
wunderschönes Mädchen, das gab ihm von der Heilsalbe und sagte : in dem
Nebenzimmer im Schranke, da hingen königliche Kleider, die sollte er an-
ziehen, und wenn er das gethan hätte, so sollte er nur oben heraufkommen.
Damit ging sie wieder hinaus.
Der Jäger zog nun, nachdem er mit der Salbe seine Schmerzen gestillt
hatte, die königlichen Kleider an und ging dann oben in das Schloß hinauf,
und als er in den Saal trat, so saß da eine wunderschöne Prinzessin mit ihren
elf Jungfrauen; das waren die zwölf Hirsche gewesen, die der Jäger verfolgt
hatte; -der mit den goldenen Hörnern war die Prinzessin. Da bedankten sie
sich bei dem Jäger, daß er sie durch seine Standhaftigkeit nun erlöst hatte.
Nachdem so wurde der Jäger König und hielt Hochzeit mit der schönen Prin-
zessin, und wurde getanzt und geschmaust; und wenn die Hochzeit noch
nicht zu Ende ist, so dauert sie heute noch.
25. Drei Königskinder.
Es war einst ein König, der hatte Befehl gegeben, daß in seinem Reiche
abends nach zehn Uhr keiner mehr arbeiten sollte, und wer das doch thäte,
59
der sollte schwerer Strafe gewärtig sein. Nun saßen noch spät abends bei
Licht drei arme Mädchen und arbeiteten. Da sprach die erste: »ich wollte,
ich kriegte des Königs Koch zum Mann,« die zweite: »ich wollte, ich kriegte
dem König seinen Minister,« die dritte und jüngste aber sprach: »ich wollte,
daß ich den König selber zum Mann kriegte«. Das hatte der König alles mit
angehört, denn er stand hinter dem Fenster und horchte, und kam ihm so
drollig vor, daß er beschloß, den drei Mädchen ihre Wünsche zu erfüllen.
Den Tag darauf ließ er die älteste zu sich rufen, die sich den Koch zum
Manne gewünscht hatte und sprach zu ihr: »ich habe gestern deinen Wunsch
vernommen und
weil du den Koch begehrt,
so bist des Koches werth«
und gab ihr den Koch zum Manne. Darauf ließ er die zweite vor sich kommen
und sagte: »ich habe gestern deinen Wunsch vernommen und
weil du den Minister begehrt,
so bist du seiner auch werth«
und gab ihr seinen Minister zum Manne. Nachdem so mußte die dritte und
jüngste Schwester vor ihn kommen, die ihn selber zum Manne gewünscht
hatte, zu der sprach er auch: »ich habe gestern deinen Wunsch vernommen und
weil du meiner begehrt,
so bist du meiner auch werth«
und heirathete sie und machte sie zur Königin.
Über eine Zeit, so wmrde die Königin schwanger; da fragte sie der
König, wen sie denn am liebsten zu ihrer Pflege bei sich haben wollte.
Da verlangte sie nach ihrer ältesten Schwester, die des Königs Koch zum Manne
hatte. Die Königin brachte aber einen hübschen Knaben zur Welt, der trug
an seiner Stirn einen goldenen Stern.- Weil nun die älteste Schwester neidisch
war, daß die jüngste den König zum Mann gekriegt hatte, sie selber aber nur
des Königs Koch, so legte sie der Königin einen jungen Hund ins Bett, nahm
das Kind, klebte ihm ein Pechpflaster auf die Stirn, daß der goldene Stern nicht
zu sehen war und that es in einen Kasten; den Kasten mit dem Kinde setzte
sie heimlich auf den Strom,*) der dicht an des Königs Schloß vorbeifloß, und
da trieben ihn die Wellen immer weiter hinab in das Land hinein. Der König,
da er vernahm, daß seine Frau einen Hund geboren hätte, ward erst ganz
zornig, aber doch, aus großer Liebe zu ihr, gab er sich zufrieden und war
freundlich und gut mit ihr wie zuvor.
Zu derselben Zeit wohnte weiter den Strom hinab ein Gärtner, der hatte
drei Kinder und dicht an dem Strom einen schönen Garten. Da nun einst
die Kinder, wie sie immer thaten, in dem Garten dicht am Wasser ihre Spiele
*) Eine Art Nilstrom, wie die Erzählerin bemerkte. W. B.
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trieben, so kam ein Kästchen den Strom herabgeschwommen, und wie es die
drei Gärtnerskinder auftischten und ans Ufer zogen, so lag ein kleiner hübscher
Knabe darin, dem saß auf der Stirn ein Pechpflaster. Da liefen die Gärtners-
kinder mit dem Kästchen und dem Kinde darin voller Freuden zu ihrem Vater
und zeigten es ihm, und der Gärtner, da er das arme hülflose Kind sah, erbarmte
sich seiner und behielt es bei sich und behandelte es, als ob es sein eigenes
Kind gewesen wäre, und die drei Gärtnerskinder warteten es und spielten damit.
Über ein Jahr kriegte die Königin wieder ein kleines Kind und das war
wieder ein Knabe und trug vor seiner Stirn auch so einen goldenen Stern,
genau wie das erste Kind. Die neidische Schwester aber, welche die Königin
wieder zur Pflege bei sich hatte, nahm das Kind, sobald es geboren war,
heimlich weg, legte ein Pechpflaster auf seine Stirn und setzte es in einem
Kästchen auf den Strom, daß es die Wellen hinuntertrieben. An seiner Statt
legte sie der Königin einen jungen Hund ins Bett und ging hin und sagte
dem Könige, seine Gemahlin hätte diesmal wieder einen Hund zur Welt ge-
bracht. Darüber gerieth der König in heftigen Zorn, versammelte seine Räthe
und fragte sie, was sie meinten, daß er in der Sache thun solle? Da hielten sie
einen Rath und sprachen; diesmal sollte der König noch verzeihen; wenn aber
so was noch einmal wieder vorkäme, so hätte die Königin verdient, daß
sie in einem Thurme lebendig vermauert würde und kein Essen und kein Trinken
kriegte und so des Todes stürbe. Damit war der König zufrieden.
Es begab sich aber, daß zu derselben Zeit des Gärtners drei Kinder wieder
in dem Garten waren und an dem Wasser spielten, da kam das Kästchen mit
des Königs zweitem Kinde auf dem Strome dahergeschwommen, das zogen die
drei Kinder auch ans Ufer und brachten es voller Freuden zu ihrem Vater,
und weil der ein mitleidiger Mann war, so behielt er das arme hülflose Ding
bei sich, und die drei Gärtnerskinder warteten es und spielten damit.
Nachdem, da ein Jahr vergangen war, wurde die Königin zum dritten
Male schwanger und hatte wieder ihre Schwester bei sich, und als sie nun
ein kleines Mädchen kriegte, da legte ihr das boshafte Weib eine Katze ins
Bett und setzte das Kind in einem Kasten auf den Strom, daß es die Wellen
hinaustrugen in das weite Land hinein. Aber die drei Gärtnerskinder ringen
es auf und brachten es ihrem Vater, der erbarmte sich seiner und behielt
es bei sich.
Der König, da er vernahm, daß seine Frau zum dritten Male ein Thier
zur Welt gebracht hatte, ward seines Zornes nicht mehr Meister, ließ die arme
Königin greifen und sie in einem Thurm lebendig vermauern, so daß sie vor
Hunger bald umkommen mußte.
Eine Zeit darnach begab es sich, daß die drei Gärtnerskinder krank wurden
und starben, die Königskinder aber wuchsen und wurden schön und stark,
und der Gärtner setzte sie zu seinen Erben ein. Da sie nun einstmals in
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ihrem Garten spazieren gingen, so kam ein alter Mann vorbei, der redete sie
an und sprach: > Wißt ihr, was euch zu eurem Glücke noch fehlt?« »Nein!«
sprachen die Kinder; »was sollte uns noch fehlen; wir haben es ja hier so gut.«
Da sprach der alte Mann: »Drei Dinge fehlen euch noch:
Der Vogel der Wahrheit,
Das Wasser des Lebens
Und der Apfel Sina;
die sind es, die euch noch fehlen, daß ihr ganz glücklich seid, und zu finden
sind sie auf einem hohen Berge; wenn da einer hinaufkommt, so fängt es an
zu donnern und zu blitzen und die Erde bebt, und wenn der, welcher die
drei Dinge holen will, sich umsieht, so wird er in einen Stein verwandelt.«
Da hub der älteste Knabe an und sprach: »Nun habe ich nicht eher
weder Ruhe noch Rast, bis ich den Vogel der Wahrheit, das Wasser des
Lebens und den Apfel Sina gefunden und erlangt habe. Hier in diesen Baum
stoß ich mein Messer, wenn das rostig wird, so bin ich todt und komme nie
mehr zurück.« Damit nahm er Abschied von Bruder und Schwester, stieß
sein Messer in den Baum und zog fort in die weite Welt hinein.
Lange Zeit warteten die Kinder, daß ihr Bruder wiederkomme, aber er
kam und kam nicht, und als sie nach dem Messer sahen, so war es rostig
geworden und da konnten sie sich wohl denken, daß ihr Bruder in einen
Stein verwandelt war. Da sprach der zweite Knabe: »Ich lasse meinen Bruder
nicht im Stiche, es mag kommen wie es will.« Damit nahm er Abschied
von seiner Schwester, stieß auch ein Messer in den Baum, daß sie daran er-
kennen könnte, ob er lebendig wäre oder todt und zog aus, seinen Bruder
aufzusuchen.
Das Mädchen wartete lange Zeit vergeblich, daß ihr Bruder wiederkäme,
aber er kam und kam nicht, und als sie einmal nach dem Messer sah, so
war es auch rostig geworden, wie ihrem ältesten Bruder seins. Da fing sie
bitterlich zu weinen an und sprach: »Nun sind doch meine beiden Brüder
gewiß in Steine verwandelt; aber ich lasse sie nicht im Stich, es mag kommen
wie es will,« und machte sich auf den Weg, ihre Brüder aufzusuchen.
Sie mußte erst viele Meilen gehn, bis sie endlich an den Berg kam, wo
der Vogel der Wahrheit, das Wasser des Lebens und der Apfel Sina zu finden
waren. Da faltete sie ihre Hände und betete erst, und da sie nun den Berg
hinanstieg, fing es plötzlich an zu donnern und zu wetterleuchten und die Erde
bebte, doch stieg sie getrost, ohne hinter sich zu schauen, bis zum Gipfel, wo
der Baum stand mit dem Apfel Sina, und ein Brunnen floß, daraus das Wasser
des Lebens quoll. Nachdem sie den Apfel gepflückt und von dem Wasser
geschöpft hatte, wollte sie wieder fortgehen, da rief der Vogel der Wahrheit:
»Vergiß meiner nicht! Vergiß meiner nicht!« Danahm sie den Vogel auch
mit sich, den sie beinahe ganz vergessen hätte.
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Auf dem Berge lagen aber viele viele Steine, die begoß das Mädchen
mit dem Wasser des Lebens, und da wurden sie auf einmal lebendig und
waren auch des Mädchens Brüder dabei, und es entstand da, als das Mädchen
noch immer mehr Steine mit dem Wasser begoß, ein groß Gewühl von Menschen,
die zogen nun alle in Scharen singend den Berg hinab.
Die beiden Brüder und ihre Schwester gingen nun wieder miteinander
in ihre Heimath und als sie zu Hause angekommen waren, sprach der Vogel
der Wahrheit, sie sollten ein Mahl bereiten und den König zu Gaste laden
Da sagten die Kinder: »Wie können wir den König zu Gaste bitten und haben
doch keine Speise, die für einen König schicklich ist? Sprach der Vogel:
wenn sie in jede Schüssel ein Stückchen von dem Apfel Sina legten, so
würden die Speisen von selber kommen. Da thaten die Kinder, wie der
Vogel gesagt hatte, und luden den König zu Gaste, und als er kam und die
Schüsseln aufgedeckt wurden, da waren die köstlichsten Speisen darin.
Während dem, daß sie zu Tische saßen, iing der Vogel zu sprechen an
und fragte den König, ob er denn wohl wüßte, mit wem er da zu Tische
säße? Sprach der König: »Es sind die Kinder eines Gärtners.« »Nein,«
sagte der Vogel, »es sind deine eigenen Kinder.« Und da erzählte er dem Könige,
wie sich alles so zugetragen hatte, und daß die Königin unschuldig zum Tode
verurtheilt wäre, daß ihr die neidische Schwester die beiden ersten Male zwei
kleine Wölpen und das dritte Mal eine Katze ins Bett gelegt hätte und daß
die Kinder vor der Stirn einen goldenen Stern trügen. Als ihnen der König
nun die Pechpliaster vor dem Kopfe wegnehmen ließ, so kamen die Sterne
zum Vorschein. Da war die Freude groß, und that es dem Könige nur leid,
daß die arme Königin das alles nicht auch mit erleben konnte. Da sprach
der Vogel der Wahrheit, sie sollten ihr nur von dem Wasser des Lebens
bringen, so würde sie wieder lebendig werden. Das thaten sie, und von dem
Wasser kam sie auch wieder ins Leben zurück, und da hielt der König zum
zweiten Male Hochzeit mit ihr.
26. Der kluge Knecht.
Ein Bauer sprach zu seiner Frau: »Nun will ich zu Markte und mir einen
neuen Knecht mieten; aber Hans muß er heißen, sonst nehm ich ihn nicht.
Und als er nun auf den Markt kam, so begegnete ihm gleich einer, der fragte,
ob er keinen Knecht nötig hätte? »Ja,« sagte der Bauer; »aber wie heißt
du denn?« »Ich heiße Kurt,« sprach der Bursche. »Dann kann ich dich
nicht gebrauchen,« sagte der Bauer; »mein Knecht muß Hans heißen, sonst
nehm ich ihn nicht.« Da ging der Bursche weg, zog sich andere Kleider an
und trat dem Bauern zum zweiten Male in den Weg. »Habt Ihr nicht einen
Knecht nöthig?« fragte er ihn. »O ja«, sagte der Bauer; »aber wie heißt du
denn?: »Ich heiße Hans! sprach der Bursche. »Dann geh nur mit mir«,
sagte der Bauer; so einen habe ich grade gesucht« und nahm den Burschen,
der kein Dummer war, mit sich nach Hause und in seinen Dienst.
Des Bauern Frau hielt es aber mit dem Pastor und gab ihm immer das
beste Essen und Trinken, was sie nur im Hause hatte; und eines Abends,
als der Bauer nicht zu Hause war, hörte der Knecht in der Küche was flüstern;
da legte er sein Ohr an die Thür und horchte und hörte, daß der Pastor mit
des Bauers Frau darinnen war. Sprach der Pastor: »Ihr habt da einen neuen
Knecht gekriegt; wenn der nur nichts merkt.« »Ach, nein,« sagte die Frau,
»der sieht mir nicht aus, als wenn er einer von den klügsten wäre. Darum, wenn
mein Mann und der Knecht morgen früh zum Pflügen ins Feld ziehen, so
kommt nur her; wenn es dann noth thut, so könnt Ihr Euch ja schnell da in die
alte Lade verstecken.« Da hatte der Knecht genug gehört und schlich sich
leise davon.
Den andern Morgen zog der Bauer mit seinem Knechte Hans zum
Pflügen in das Feld hinaus ; aber der Knecht hatte vorher heimlich den Pflug
so verkeilt, daß nichts damit anzufangen war. Sprach der Bauer: »Ich weiß
gar nicht, was das heute mit dem Pfluge ist; lauf doch mal schnell nach
Hause, Hans, und hole mir die Barte, daß ich den Pflug wieder i«n Ordnung
bringen kann.« Da lief der Knecht schnell fort, und als er vor das Haus
kam, so war es fest zu. Er klopfte »Bum! Bum!« Da hörte er wie die alte
Lade rappelte und die Bauersfrau rief von innen: »Wer ist da?« »Ich bins.«
»Was willst du denn?« »Ich will die Barte holen.« »Die will ich dir schon
herausreichen.« »Nein!« sprach der Knecht, »unser Herr hat gesagt, ich sollte
erst die alte Lade verkaufen, die in der Küche steht.« Nun mußte die Frau
wohl aufmachen; der Knecht aber setzte die Lade auf einen Schubkarren und
fuhr damit vor dem Pastor sein Haus, da guckte die Frau Pastorin gerade zum
Fenster heraus. »Wollt Ihr nicht eine Lade kaufen?« fragte der Knecht.
Was soll sie denn kosten?« »Fünfundzwanzig Thaler.« »Das ist zuviel, das
geb ich nicht dafür« »Gut«, sprach der Knecht ; »so muß ich sehen, daß ich
einen anderen Käufer finde." Da rief der Pastor vor Angst in der Lade:
Frau, kauf sie nur, Frau, kauf sie nur! und die Frau mußte nun dem Hans
die fünfundzwanzig Thaler geben. Damit ging er fort, holte die Barte und
kam wieder auf das Feld zu seinem Herrn. »Das hat ja lange gedauert«,
sprach der Bauer. »Seid nur zufrieden, Herr!« sagte Hans; »ich habe erst
Eure alte Lade verkauft, dafür habe ich fünfundzwanzig Thaler gekriegt. Hier
sind sie.« Junge, rief der Bauer voller Freude; »dann sollst du auch
fünf abhaben , und gab ihm von dem Gelde fünf Thaler ab.
Den Abend ging der Bauer ins Wirthshaus. Da hörte der Knecht, daß
in der Küche wieder ein Geflüster war, legte sein Ohr an die Thür und horchte,
und es war wieder der Pastor, der heimlich zur Hinterthür hereingekommen
64
war und mit der Frau des Bauern eine Unterredung führte. Sprach der Pastor:
»Das war ein schlimmer Spaß mit der Lade. Seid nur ohne Sorgen , sagte
die Frau, »mein Mann hat nichts gemerkt; morgen früh, wenn er im Felde
ist, so kommt nur dreist wieder her; sollte es dann noth thun, so könnt ihr ja
schnell in die Tonne kriechen, die da in der Ecke steht. Hans, der alles
mit angehört hatte, was die beiden zusammen sprachen, schlich sich leise fort
und ließ sich nichts merken.
Am andern Morgen, da der Bauer mit seinem Knechte ins Feld kam,
war wieder der Pflug verkeilt. »Ich weiß nicht, was das wieder mit dem
Pfluge ist«, sagte der Bauer; »geh doch mal schnell hin, Hans, und hole
mir die Barte, daß ich ihn wieder in Ordnung bringe. Da lief der Knecht
schnell fort, und als er vor das Haus kam, so war es fest zu. Er klopfte
»Bum, Bum!« Da rief die Bauersfrau von innen: Wer ist davor? Ich
bins!« »Was willst du denn?« »Ich will die Barte holen, daß wir den Pflug
stellen können.« »Die will ich dir wohl herausreichen. « Nein! sagte Hans;
unser Herr hat gesagt, ich sollte noch die alte Tonne verkaufen, die in der
Küche in der Ecke steht.; Nun mußte die Frau wohl aufmachen; der Knecht
legte die Tonne auf einen Schubkarren, fuhr damit vor dem Pastor sein Haus
und ließ sich fünfzig Thaler dafür bezahlen. Nachdem so ging er hin, holte
die Barte und kam wieder auf das Feld zu seinem Herrn. Du bist ja lange
ausgeblieben«, sagte der Bauer. »O Herr, seid nur zufrieden, sprach Hans,
»ich habe erst Eure alte Tonne verkauft, dafür habe ich fünfzig Thaler gekriegt.
Hier sind sie.« »Das hast du gut gemacht, mein Junge,« rief der Bauer und
war ganz vergnügt; »nun sollst du auch gleich fünf Thaler abhaben.
Den Abend ging der Bauer ins Wirthshaus. Da hörte der Knecht, daß
in der Küche wieder ein Geflüster war, legte sein Ohr an die Thür und horchte,
und es war wieder der Pastor, der heimlich zu des Bauern Frau gekommen
war. Sprach der Pastor: »Das ist mir heute Morgen aber wieder ein theurer
Spaß geworden mit der Tonne; wenn nur Euer Mann nichts erfahren hat.
»Seid ohne Sorgen«, sagte die Frau; »mein Mann hat nichts gemerkt, morgen
früh, wenn er im Felde ist, so kommt nur dreist wieder her; sollte es dann
noth thun, so könnt ihr ja schnell in den Backofen kriechen, der kann nicht
weggefahren und verkauft werden.« Hans, der alles mit angehört hatte, was
die beiden zusammen sprachen, schlich sich leise fort und ließ sich nichts merken.
Am andern Morgen, da der Bauer mit seinem Knechte Hans ins Feld
kam, war wieder der Pflug verkeilt. Ich weiß nicht, was das wieder mit
dem Pfluge ist,« sagte der Bauer, »geh doch mal schnell hin. Hans, und hole
mir die Barte, daß ich ihn wieder in Ordnung bringe.« Da lief der Knecht
schnell fort, und als er vor das Haus kam, so war es fest zu. Er klopfte
»Bum bum!« Da rief die Bauersfrau von innen: »Wer ist davor? »Ich
bins!« »Was willst du denn?« »Die Barte holen. »Die will ich dir wohl
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herausreichen.« »Nein,« sagte Hans ; »mein Herr hat gesagt, ich sollte noch
den Backofen heizen, daß Brot gebacken würde.« Nun mußte die Frau wohl
aufmachen ; der Knecht aber nahm ein Bund Stroh, schob es in den Ofen und
wollte es anzünden. Da schrie der Pastor, der in dem Ofen saß: »Laß mich
doch erst heraus, laß mich doch erst heraus!« »Nicht anders,« sprach Hans,
als wenn du mir hundert Thaler geben willst.« »Ach ja, ach ja!« schrie der
Pastor; »die will ich dir ja gerne geben, nur laß mich aus dem Ofen heraus.«
Da ließ ihn Hans aus dem Ofen steigen und nahm die hundert Thaler in
Empfang ; dann ging er hin und brachte seinem Herrn die Barte. Von dem
Gelde sagte er aber diesmal nichts, sondern behielt die hundert Thaler für sich allein.
Den Abend ging der Bauer wrieder ins Wirthshaus. Hans blieb aber daheim
und horchte an der Küchenthür, denn der Pastor war wieder zu des Bauern
Frau gegangen. Sprach der Pastor: »Das ist mir aber heute morgen wieder
ein verdammt theurer Spaß geworden.« «Ja,« sprach die Frau, »der Hans hat
seine Nase überall; wir müssen es jetzt anders anfangen, denn hier im Hause
ist es nicht mehr sicher; darum so geht morgen früh zu Eurem Acker vor
dem Walde, wo Euer Knecht pflügt, dann will ich Euch eine gute Suppe und
dem Knecht ein schönes Butterbrod mit Fleisch bringen ; mein Mann geht
auch zum Pflügen, aber weit davon, so daß er unmöglich etwas merken kann.«
Hans, der wieder alles gehört hatte, was die beiden miteinander verabredeten,
schlich sich leise fort und that, als wenn er von nichts was wüßte.
Als nun am folgenden Morgen der Hans mit seinem Herrn in das Feld
zog, sprach er zu ihm: »Wißt ihr was, Herr; laßt uns heute nur den Acker
pflügen, der vor dem Walde neben des Pastors Lande liegt.« Das war der
Bauer zufrieden ; und als sie hinkamen, so war der Pastor mit seinem Knechte
auch da und ließ seinen Acker pflügen, der neben des Bauers Acker lag.
Zur Frühstückszeit kam dem Bauer seine Frau dahergegangen und wollte
dem Pastor die schöne Suppe bringen. Da sprach der Knecht Hans zu seinem
Herrn: »Seht, Herr, da kommt unsere Frau mit dem Morgenbrode,« und da
konnte sie nicht anders, sie mußte die Suppe und das schöne Butterbrod ihrem
Manne und dem Knechte Hans bringen. »Frau,« sagte der Bauer, »das ist
doch recht schön von dir, daß du uns ein so gutes Morgenbrod auf das Feld
bringst.« »Ja«, sprach sie da und that ganz freundlich; »ich dachte, ihr würdet
hier draußen wohl frieren, und da habe ich gedacht, ich wollte euch mal recht
was zu gute thun.« Währenddem, daß nun der Bauer seine Suppe aß, ging
Hans zu dem Pastor, der aus der Ferne ganz verdrießlich zusah, und bei jedem
Schritte ließ er von seinem Butterbrode ein Stück auf den Boden fallen. Nach-
dem er dem Pastor einen guten Morgen gewünscht hatte, ging er wieder
zurück zu seinem Herrn, dem sagte er leise, daß es die Frau nicht hören
konnte, ins Ohr: »Der Herr Pastor hat gesagt, Ihr solltet doch mal zu ihm
hinkommen.« Der Bauer wischte sein Maul und wollte hingehen, und wie
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er ging und die Stückchen von dem Butterbrode auf der Erde liegen sah, so
dauerte es ihn, daß die schöne Gottesgabe umkommen sollte, darum bückte
er sich jedesmal, wo er ein Stückchen liegen fand und hob es auf. Da meinte
nun der Pastor nicht anders, als der Hans hätte alles verrathen, und der Bauer
nähme nun Steine vom Boden auf und wollte ihm damit zu Leibe rücken,
und da fing er an zu laufen und sprang davon, als wenn ihm der Kopf
brannte. »Was mag nur unserm Herrn Pastor eingefallen sein«, dachte der
Bauer, »daß der fortläuft wie närrisch, nun er mich kommen sieht.« Als sich
der Bauer nun umdrehte, um zurückzugehen, da sprang seine Frau auch auf
und lief fort, daß ihr die Röcke flogen, denn sie meinte auch wie der Pastor,
ihr Mann wisse schon alles und wolle ihr jetzt zu Leibe rücken. Sprach der
Bauer zu seinem Knechte Hans: »Was heißt denn das, Hans, daß meine Frau
auf einmal so an zu laufen fängt?« »Ach, Herr,« sprach Hans, »sie hat ge-
sagt, sie wollte mal sehen, wer am schnellsten laufen könnte, Ihr oder sie.
»Ei!« sagte der Bauer, »das müßte doch sonderbar zugehen, wenn ich mein
Weib nicht einmal wieder kriegen könnte.« Und da fing der Bauer auch an
zu rennen, immer hinter dem Weibe her, und die, da sie sah, daß der Mann
hinter ihr her war, lief nun um so schneller; aber zuletzt holte sie der Mann
doch ein und faßte sie und rief: >:Jetzt hab ich dich.« Da schrie die Frau in
ihrer Angst: »Ach lieber Mann, vergieb es mir doch! Ich will auch in meinem
Leben nichts wieder mit dem Pastor zu thun haben.« So hatte sie sich selber
verrathen, und der Bauer merkte nun wohl, was die Glocke geschlagen hatte,
paßte auch nachher wohl auf, daß seine Frau ihr Versprechen halten mußte,
sie mochte wollen oder nicht.
27. Die alte Slüksche.
Die alte Slüksche hatte eine rechte Schnüffelnase und konnte gleich
alles riechen, was im Dorfe gebacken oder gebraten wurde. Nun wohnte da
auch ein junger Bauer mit seiner Frau, der fing, da er eines Tages auf dem
Felde pflügte, einen Hasen, gab ihn dem Knechte und schickte ihn damit zu
seiner Frau, daß sie ihn auf den Mittag braten und zurichten sollte. Die Frau
kriegte den Hasen auch zu Feuer, und als er nun recht briet und brutzelte
und schön braun wurde, so hatte es die alte Slüksche gleich gewittert, kam
in die Küche und schnüffelte mit ihrer langen Nase um den Braten herum.
»Ach Gott, Nachbarin«, sprach sie zu der Bauersfrau; das riecht mal schön
und ist so appetitlich, lasse Sie uns mal ein Stück davon probiren ! Nein,
nein,« sagte die Frau, »wrenn das mein Mann merkt, so kriege ich Schläge.
»Ach Gott«, sagte die alte Slüksche und hielt ihre Schnüffelnase dicht über
den Braten, »nur ein ganz kleines Stückchen, das merkt er ja nicht.« Da
ließ sich die Frau bereden und schnitt ein Stück von dem Braten ab, und
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das schmeckte so schön, daß sie noch ein zweites Stück abschnitt, und als
sie erst in den Geschmack kamen, da verzehrten sie endlich den ganzen
Braten. »O weh, sprach da die Frau, »was soll ich nun sagen, wenn mein
Mann zu Hause kommt und findet den Braten nicht.« »Och,« sagte die
alte Slüksche, »wenn er fragt, so sagt nur, Ihr wüßtet von nichts; er möchte
wohl geträumt haben.« Damit wischte sie ihr Maul und ging weg.
Den Mittag, da der Bauer zu Hause kam und die Frau ihm sein ge-
wöhnliches Essen vorsetzte, fragte er, wo denn der Hase wäre, den sie ihm
auf den Mittag hätte zurichten sollen. »Ich habe keinen Hasen gesehen,«
antwortete die Frau und stellte sich ganz verwundert. »Ei!« sprach der Mann
ich habe dir doch diesen Morgen durch den Knecht einen Hasen geschickt
und dabei sagen lassen, du solltest ihn auf den Mittag zurechtmachen, und
nun weißt du von nichts?« »Ach Mann, das hat dir die Nacht wohl nur
geträumt; besinne dich nur recht, so wird es dir wohl einfallen.« Es ist
doch sonderbar, dachte der Bauer, daß man so lebhaft träumen kann, meinte
ich doch, ich hätte meiner Frau einen leibhaftigen Hasen geschickt, und nun
ist es doch nur ein Traum gewesen.
Eine Zeit darnach trug es sich zu, daß der Bauer auf dem Felde eine
Wachtel fing; da schickte er sie durch den Knecht zu seiner Frau und ließ
ihr sagen, sie sollte die Wachtel auf den Mittag braten und zurecht machen.
Die Frau kriegte das Wachtelchen auch gleich in die Pfanne, und als es nun
recht briet und brutzelte, so hatte es die alte Slüksche mit ihrer Schnüffel-
nase gleich gewittert und kam in die Küche geschlichen, und als sie da das
Wachtelchen so schön braun in der Pfanne liegen sah, sprach sie zu der
jungen Frau: »Ach Gott, Nachbarin, das riecht so schön und ist so appetitlich;
lasse Sie uns doch ein Stückchen davon probiren.« »Ach nein!« segte die
Frau; wenn das mein Mann merkt, so kriege ich Schläge.« »Ach nur ein
kleines bißchen«, sprach die alte Slüksche; »das merkt er ja nicht.« Da ließ
sich die Frau bereden und schnitt dem Wachtelchen erst, ein Bein ab, und
dann das andere, und endlich verzehrten die beiden das ganze Wachtelchen,
daß nichts davon überblieb. »O weh,« sprach da die Frau; »was fange ich
nun an, wenn mein Mann zu Hause kommt und findet das Wachtelchen nicht?«
I >ch, sagte die alte Slüksche; wenn er fragt, so sagt nur, das möchte ihm
wohl geträumt haben.« Damit wischte sie ihr Maul und ging weg.
Den Mittag, da die Frau ihrem Manne sein gewöhnliches Essen brachte,
fragte er, wo denn das Wachtelchen wäre, das er ihr diesen Morgen geschickt
hätte. «Du hast wohl wieder geträumt,« sprach die Frau und that ganz ver-
wundert, »ich habe kein Wachtelchen gesehen.« »Ei!« sagte der Bauer, »es
ist doch sonderbar, daß man so lebhaft träumen kann.« Aber diesmal hatte
er doch gemerkt, daß ihn seine Frau zum besten hatte und dachte, warte nur,
dich will ich anführen, schnitt sich drei Haselstöcke und brachte sie heimlich
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in die Kammer. No ja, dachte die Frau, die es gesehen hatte, nun gehts
mir aber schlecht. Sie wußte sich aber doch zu helfen.
In der Abendzeit, während ihr Mann nicht zu Hause war, ging sie zu
der alten Slükschen und sagte zu ihr: »Wißt Ihr was? Ihr könntet diese Nacht
wohl mal bei meinem Manne in der Kammer schlafen.'. Liebend gern, sagte
die alte Slüksche, »das will ich wohl tun.« Und den Abend ging sie hin und legte
sich in der Frau ihr Bett. Bald darnach kam der Bauer, der meinte, seine
Frau läge da im Bette, im Dunkeln hereingeschlichen, schnitt ihr die Haare
ab und prügelte sie so lange bis die drei Haselstöcke in Stücken waren, dann
gab er ihr noch einen Schub, daß sie aus der Thüre flog.
Am andern Morgen aber brachte die Bauersfrau ihrem Manne ganz ver-
gnüglich den Kaffee. Sprach der Mann: »Nun Frau, wie haben die Schläge
geschmeckt?« »Welche Schläge?« »Nun die mit den drei Haselstöcken.«
»Ich glaube gar, du hast wieder geträumt; ich habe keine Schläge gekriegt.«
»So? dann habe ich dir auch wohl die Haare nicht abgeschnitten? Setz
mal gleich deine Mütze ab.« Das that die Frau, und da sah der Bauer, daß
sie noch alle Haare auf dem Kopfe hatte. »Hol mich der Kuckuck,« rief er
da, »nun sehe ich doch wohl ein, daß alles nur ein Traum gewesen ist.«
Die alte Slüksche mit der Schnüffelnase hatte aber noch lange einen
blauen Buckel zu tragen und schnüffelte so bald nicht wieder.
'r-v
28. Die zwei Brüder.
Es war einmal ein Bauer, der wurde so arm, daß er nur ein einziges
Pferd behielt. Da nahm er einen Fischteich in Pacht, daß er sich von der
Fischerei ernähren möchte. In dem Teiche hatte er schon mehrmals einen
mächtig großen Fisch bemerkt, der ging niemals in das Netz hinein, aber der
Mann hatte nicht eher Ruhe noch Rast, bis er den Fisch doch endlich ge-
fangen hatte. Da er ihn nun ans Land legte, that der Fisch sein Maul auf
und sprach: »Du hast mich nun in deiner Gewalt, Fischer, und ich merke
wohl, daß ich nicht wieder fortkomme; darum befolge meinen Rath und nimm,
wenn du mich geschlachtet hast, mein Herz, meine Leber, meine Galle und
vier von meinen Floßfedern; das Herz gib deiner Frau zu essen, die Leber
Deinem Pferde, die Galle dem Hunde und die Floßfedern vergrabe unter dem
Tropfenfall. Wenn du das thust, so wird es dein Glück sein.« Da that der
Mann, wie der Fisch ihm gesagt hatte.
Über eine Zeit, so gebar des Fischers Frau zwei Knaben, das Pferd warf
zwei Füllen, der Hund zwei Junge, und als der Fischer unter dem Tropten-
falle nach den Floßfedern sah, so waren daraus zwei Schwerter und zwei
Pistolen geworden. Die beiden Kinder, da sie größer wurden, hatten eine
sonderliche Lust, mit den blanken Waffen zu spielen ; das sah aber ihr Vater
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gar nicht gern, nahm sie ihnen weg und versteckte sie oben im Hause unter
den Hahnenbalken ; die Kinder wußten sie aber doch wieder in ihre Hände zu
bringen. Als sie sechzehn Jahre alt waren, sprach der, welcher zuerst geboren
war, zu seinem Bruder: »Es läßt mir hier zu Hause keine Ruhe mehr; ich will
jetzt fort in die Fremde und sehen, daß ich mein Glück mache.« Er nahm
ein Pferd, einen Hund, ein Schwert und eine Pistole, verabschiedete sich bei
Vater, Mutter und Bruder und ritt weg in die weite Welt hinein. Vorher
stieß er aber noch ein Messer in einen Baum, daß sein Bruder daran erkennen
könnte, ob es ihm gut ginge oder ob ihm ein Unglück widerfahren sei.
Er ritt eine lange Zeit; da kam er endlich an den königlichen Hof, da
waren alle Geländer schwarz mit weißen Knöpfen darauf. In dem Wirthshause
dem Schlosse gegenüber nahm er Herberge und fragte sogleich den Wirth,
was denn das zu bedeuten hätte; die Gitter um das königliche Schloß wären
ja alle ganz schwarz mit weißen Knöpfen. Sprach der Wirth: »Das kommt
daher, weil die junge Prinzessin morgen dem Drachen geopfert werden muß.«
»Warum wird der Drache denn nicht getödtet?« fragte er. »Ach Gott«, sprach
der Wirth; »es haben schon viele versucht, denn der König hat dem seine
Tochter versprochen, der den siebenköpfigen Drachen besiegen würde, aber
sie sind alle ums Leben gekommen.« Da faßte er den Entschluß,' das Wage-
stück zu unternehmen und ritt den andern Tag zur bestimmten Stunde den
Drachenstein hinauf. Da saß die Prinzessin und war ganz schwarz an-
gezogen und weinte und erwartete jeden Augenblick den greulichen Drachen,
und indem, so kam das Ungeheuer auch schon heulend und mit Gebrause
durch die Luft dahergeflogen und wollte die Prinzessin verschlingen. Aber
der Junge ritt ihm muthig entgegen, schwang sein Schwert, und wie er den
ersten Hieb that, so flogen drei Köpfe ab, mit dem zweiten Hiebe wieder drei
und als er zum dritten Male sein Schwert schwang, lag der siebente und letzte
Kopf des Drachen auf dem Boden. Da hatte er die Prinzessin erlöst; die
dankte ihm und wollte ihn gleich mit zu ihrem Vater nehmen. Er wollte
aber nicht, so viel sie auch bat, sondern sprach: »Erst muß ich noch weiter
in die Welt hinein, bis über ein Jahr, da will ich wiederkommen, wenn ich
dann noch am Leben bin.« Weil er sich nun gar nicht halten ließ, so schenkte
ihm die Prinzessin zum Andenken ihr seidenes Tuch und dem Pferde und dem
Hunde, die bei dem Kampfe treulich mitgeholfen hatten, gab sie von ihrem
Korallenhalsbande jedem drei Schnüre um den Hals. Daraufschnitt der Junge
den sieben Drachenköpfen die Zungen aus, wickelte sie in das seidene Tuch
der Prinzessin, und nachdem er von ihr Abschied genommen hatte, ritt er
wieder den Berg hinab in das Wirthshaus, zahlte seine Zeche und sprach zu
dem Wirthe, wenn ein Jahr vergangen wäre, so käme er wieder zurück ; damit
zog er weiter fort.
Nun war da an dem königlichen Hofe ein alter General, der hatte aus der
70
Ferne alles mit angesehen, was sich auf dem Drachenstein zutrug, und da er
sah, daß der, welcher den Drachen getödtet hatte, fort und die Prinzessin allein
war, stieg er zu ihr hinauf und bedrohte sie mit heftigen Worten, daß sie
schweigen oder auf der Stelle sterben müßte; und dann nahm er zum Wahr-
zeichen die sieben Drachenköpfe mit und ging mit der Prinzessin zu ihrem
Vater dem Könige und gab sich für den aus, der den Drachen besiegt und
die Prinzessin erlöst hätte. Die Prinzessin stellte aber die Bedingung, daß erst
über ein Jahr die Hochzeit gefeiert werden sollte.
Der rechte Drachentödter war unterdeß weiter geritten und kam an ein
fließendes Wasser, da hinüber führte eine Brücke, die war so beschaffen, daß
sie wegfloß, wenn einer hinüber war. In demselben Augenblicke, da der
Junge auf der andern Seite ankam, wurde die Brücke auch von dem Strome
hinweggerissen. »Das ist noch einmal gut gegangen«, sprach er, »es war Zeit,
daß ich hinüberkam.« Nicht lange war er geritten, so kam er an ein ver-
wünschtes Schloß, da war kein Baum und kein Strauch und War alles still
und öde. Bei dem Schlosse war aber ein großer Pferdestall mit vielen Pferden
darin; denen kam der Hafer von selber in die Krippen; da brachte der Junge
sein Pferd in den Stall und ging dann in das Schloß hinein.
In dem Schlosse waren zwei Junfern; die eine war weiß, die andere
war schwarz; die weiße lag im Bett und war nicht lebendig und auch nicht
todt und konnte kein Wort sprechen; die schwarze aber redete den Jungen an
und sprach: »Du hast hier eine schwere Aufgabe zu vollbringen, wenn du
uns und unser Schloß erlösen willst. Drei Nächte hintereinander mußt du
wachen und darfst kein Auge zuthun; schläfst du aber ein, so ist hier noch
eine alte Zigeunerin, die macht dich todt.« Darnach brachte sie ihn in ein
schönes Zimmer, gab ihm gutes Essen und Trinken und ließ ihn allein. Bis
drei Uhr in der Nacht hielt es der Junge aus und blieb wach, da wurde er
aber auf einmal so müde, daß er fest einschlief. Da kam die alte Zigeunerin
hereingeschlichen und trug ein großes Beil in der Hand, damit hackte sie den
Jungen in vier Stücke, trug ihn in ein Faß und salzte ihn ein.
Um dieselbe Stunde stand der andere Bruder daheim bei dem Messer
und sah, daß es auf einmal rostig wurde. »Nun ist mein Bruder in großer
Noth,« sprach er; »aber ich lasse ihn nicht im Stich, es mag kommen wie
es will.« Sogleich setzte er sich auf sein Pferd, nahm seinen Hund, sein
Schwert und seine Pistole mit, verabschiedete sich bei Vater und Mutter und
zog fort, seinen Bruder aufzusuchen.
Er kam auch in die Stadt und in dasselbe Wirthshaus, wo sein Bruder
zuletzt eingekehrt war, und als ihn der Wirth kommen sah, meinte er, es wäre
der andere und sprach: Ihr kommt ja früh zurück; ich meinte, Ihr wolltet
erst über ein Jahr wieder hier sein, und jetzt ist doch kaum ein halbes
verflossen.« »Ach, Herr Wirth« , sagte der Junge; »Ihr haltet mich gewiß für
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meinen Bruder; könnt Ihr mir vielleicht sagen, wo er hingeritten ist?« Da
zeigte ihm der Wirth den Weg, den sein Bruder geritten war. Er zog die
Straße weiter fort und kam an das Wasser und die Brücke, und als er da
hinüber ritt und eben auf der andern Seite war, floß sie hinweg. »Das ist
noch einmal gut gegangen«, rief er; »es war Zeit, daß ich hinüberkam.«
Als er nun immer weiterzog, fand er auch das Schloß, daraus kam ihm seines
Bruders Hund entgegen gelaufen, und in dem Stalle, wo den Pferden der
Hafer von selber in die Krippen fiel, stand seines Bruders Pferd. Da sah er
wohl, daß hier oder nirgends sein Bruder zu finden sei, band sein Pferd in
den Stall und ging in das Schloß hinein.
Es waren da auch wieder die beiden Junfern, eine weiße und eine
schwarze; die weiße lag noch immer im Bette; sie lebte nicht und war nicht
todt und konnte kein Wort sprechen. Die schwarze war aber schon etwas weiß
geworden, weil der erste Bruder bis drei Uhr in der Nacht gewacht hatte, und
als sie der andere fragte, ob sein Bruder nicht hier wäre, erzählte sie ihm, wie
es dem ergangen sei, daß er eingeschlafen wäre und daß ihn die alte Zigeu-
nerin ums Leben gebracht hätte. Da ruhte der Junge nicht eher, bis
er das alte Weib fand, das sich versteckt hatte, und da mußte sie aus ihrem
Schlupfwinkel heraus, und der Junge bedrohte sie und sprach: »Verdammte
alte Hexe! gieb meinen Bruder heraus, oder ich haue dich in eine halbe
Stiege Stücke!« Da wurde das Weib bange, lief schnell hin und machte den
Bruder wieder lebendig. Als der andere sah. daß sein Bruder wieder am
Leben war, schwang er sein Schwert und hackte der alten Hexe den Kopf ab.
»O weh!« sprach da die schwarze Junfer; »nun kann das Schloß nicht
anders erlöst werden, als wenn ihr den sieben Nägeln, die dort hinter der
Thür in der Wand sitzen, mit zwei Hieben die Köpfe abhaut.« Der zweite
Bruder zog sein Schwert zuerst, und mit dem ersten Hiebe, den er that, flogen
von fünf Nägeln die Köpfe ab und aus jedem Nagelkopfe floß ein Tropfen
Blut. »So, Bruder; nun haue du die andern ab; du bist zwar eine gute
Weile eingesalzen gewesen, aber ich denke, die beiden letzten Köpfe wirst
du doch wohl herunterbringen.« Da nahm der erste Bruder, der solange im Salze
gelegen, alle seine Kraft zusammen und hieb mit seinem Schwerte den beiden
letzten Nägeln auch glücklich die Köpfe ab und aus jedem Nagelkopfe floß
wieder ein Tropfen Blut.
In diesem selben Augenblicke hörte aber auch die Verwünschung auf.
Trompeten erschallten, Bäume und Blumen wuchsen aus der Erde und wurde
auf einmal ein Gewühl von Menschen, die da alle mit verwünscht gewesen waren.
Da wurde auch die schwarze Prinzessin ganz weiß, und die weiße, die nicht
lebendig und nicht todt war, erwachte nun aus ihrem Zauberschlafe und wurde
wieder frisch und lebendig. Ihr gehörte das Schloß; und da heirathete sie
den jüngsten Bruder und hielt Hochzeit mit ihm.
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Der älteste Bruder aber, als die Hochzeit zu Ende war, zog wieder von
da fort nach der Stadt, wo die Prinzessin wohnte, die er von dem Drachen
erlöst hatte und kehrte wieder in dem Wirthshause ein, das dem Schlosse gegen-
über lag. Es war aber zu der Zeit gerade ein Jahr vergangen, seit er von
hier fort war. Sprach derWirth: Das heiß ich pünktlich sein; heute vor einem
Jahre sah es hier traurig aus, heute aber ist Hochzeit drüben auf des Königs
Schlosse, denn die Prinzessin heirathet den alten General, der den Drachen
getödtet hat. Ein Jahr hatte sie sich ausbedungen und das ist heute herum.
»Glaubt Ihr denn wohl, Herr Wirth \ sprach der Junge, daß mir mein Hund
von dem Braten holt, der vor der königlichen Prinzessin auf dem Tische steht r
Das kann nicht sein , meinte der Wirth und verwettete eine große Summe,
daß das nicht möglich wäre. Da hing der Junge dem Hunde die drei Reihen
Perlen um, die ihm die Prinzessin gegeben, steckte ihm hinten in das Nacken-
haar einen Zettel, worauf er schrieb: Ich wünsche Braten von der königlichen Tafel
zu haben,« und schickte ihn hinüber in das Schloß. Obgleich ihn die Wache
nicht durchlassen wollte und Halt! gebot, so kehrte sich der Hund doch nicht
daran, sondern ging gerades Wegs in den Saal zu der Prinzessin, die mit
dem ganzen Hofstaate bei Tafel saß und klopfte ihr mit der Pfote auf den
Schooß. Da erkannte die Prinzessin den Hund an den drei Reihen Perlen,
ging mit ihm in das Nebenzimmer und fand in seinem Nackenhaar den Zettel,
worauf geschrieben stand: »Ich wünsche Braten von der königlichen Tafel zu
haben.« Nachdem die Prinzessin dem Hunde einen Korb mit Braten ins
Maul gegeben, ließ sie der Schloßwache sagen, sie sollte den Hund nur frei
passiren lassen. Der kam mit dem Braten auch getreulich zu seinem Herrn,
und der Wirth mußte die Wette bezahlen.
Die Prinzessin, welche nun wohl sah, daß ihr Befreier angekommen
war, bat ihren Vater, den König, daß er den Herrn, dem der Hund gehörte,
holen lassen sollte. Da gab der König ihren Bitten nach, und ließ ihn in
einer Kutsche mit vier Schimmeln auf das Schloß holen. Er setzte sich ganz
bescheiden zu unterst an die Tafel, darauf lagen zur Schau die sieben Köpfe
des Drachen, und es wurde von den Gästen viel von der Tapferkeit des alten
Generals hin und her gesprochen. Da stand der Junge ganz gelassen auf,
sah den Drachenköpfen in den Schlund und fragte wie das wäre; ob die
Drachen denn keine Zunge hätten? »Nein!« sprach schnell der alte General,
»Drachen haben keine Zungen.« »Das haben sie doch! sprach der Junge,
»und wer den Drachen getödtet hat, der muß auch wissen, wo die Zungen
geblieben sind. Damit band er sein seidenes Tuch auf. nahm die sieben
Drachenzungen heraus und zeigte sie den Gästen, und als er sie den Drachen-
köpfen in den Schlund hielt, so paßten sie ganz genau. Als der alte General
das sah, wTollte er flüchten, aber der König ließ ihn von der Wache fest-
nehmen und sah nun wohl, wer der rechte Drachentödter gewesen war; dar-
73
nach so heirathete der Junge die königliche Prinzessin. Der treulose alte General
wurde aber zur Strafe von vier Ochsen mitten auseinandergerissen.
29. Der Schmied und der Pfaffe.
Es war ein loser Pfaff, der hatte dem Schmied seine Frau gern und sie
ihn; weil aber die beiden bange waren, daß der Mann etwas merken thäte, so
sann der Pfaff einen Streich aus, wie er den Schmied könnte von da weg-
schaffen. Darum so ging der Pfaff zum Edelmann und sprach: »Ihr habt da
in Eurem Dorf einen sehr kunstreichen Schmied, der kann machen was er
will; und ist seine Kunst so groß, daß er Euch in einer Nacht ein Schloß
auf den Hof baut; aber Ihr müßt es ihm befehlen bei Leib und Leben, sonst
thut ers nicht.« Da ließ der Edelmann den Schmied vor sich kommen und
sprach: »Ich habe so viel von deiner Kunst reden hören, daß ich dich einmal
auf die Probe stellen will; so baue mir denn ein Schloß auf meinen Hof, aber
in einer Nacht mußt du damit fertig sein.« »Ach Gott, Herr,« sprach der
Schmied; »das ist ja nicht möglich, das kann und kann ich nicht.« »Ich sage
dir,« rief der Edelmann, »ist morgen früh das Schloß nicht fertig, so lasse
ich dich aufhängen, ohne Gnade und Barmherzigkeit.« Da ging der Schmied
ganz traurig fort und nach Hause zu seiner Frau. »Ach Frau,« sagte er,
»ich soll dem Edelmann noch in dieser Nacht ein Schloß bauen, und wenn
ich das nicht fertig bringe, so muß ich sterben.« »Da ist kein anderer Rath,«
sprach die Frau, »als du mußt fort und das diesen Abend noch.« »Ja,« sagte
er; »ehe ich so mein Leben lasse, will ich lieber fortwandern, so weit mich
meine Füße tragen wollen.« So schnürte er denn in der Eile sein Bündel,
nahm traurig von seiner Frau Abschied und ging weg- und gedachte niemals
wieder zu kommen. Das wars, was der Pfaff und die Frau eben gewollt
hatten.
Mit Anbruch der Nacht kam der Schmied in einen Wald; da begegnete
ihm ein grauer Mann, der redete ihn an und fragte: »Wohin mein lieber
Schmied?« »Ach!« sagte der Schmied; »ich sollte noch in dieser Nacht dem
Edelmann ein Schloß bauen, das hat er mir befohlen bei Todesstrafe; und
weil ich das nicht kann, so will ich nun gehen, so weit mich meine Füße
tragen können.« »Geh nur wieder nach Hause,« sprach der graue Mann;
»ich will es schon für dich ausrichten; morgen früh zur rechten Zeit soll das
Schloß fertig sein.« Da kehrte der Schmied wieder um und ging nach Hause
zu seiner Frau. Die Frau wollte gerade hin und den Pfaffen holen, und als
sie nun auf einmal ihren Mann wieder ankommen sah, rief sie ganz verwundert:
»Ach Gott, Mann, kommst du schon wieder; wie will das nun werden, wenn
morgen früh das Schloß nicht fertig ist.« »Es mag nun kommen wie es will,«
sprach der Schmied, »aber ich kann und kann es nicht aushalten, von
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dir und von Haus so lange fort zu sein. Damit legte er sich zu Bett und
schlief ein.
Den andern Morgen stand der Edelmann schon ganz früh auf und sah
aus dem Fenster und traute seinen Augen kaum, denn vor ihm auf dem Hofe
stand ein neues prächtiges Schloß, das glänzte ihm entgegen in den Strahlen
der ersten Morgensonne. Als das der Pfaff erfuhr und sah, daß sein Anschlag
nicht geglückt war, ging er wieder zu dem Edelmann und sprach: »Seht Ihr
nun wohl, daß der Schmied die Kunst versteht; jetzt sagt ihm, daß er Euch
auch noch bis morgen früh den Himphamp vor das Schloß bringt; Ihr müßt
es ihm aber bei Leib und Leben anbefehlen, sonst thut ers nicht.« Da ließ
der Edelmann den Schmied zum zweiten Male vor sich fordern. Sprach der
Edelmann: »Du hast das Schloß ganz zu meiner Zufriedenheit aufgebaut ; nun
bringe mir auch noch bis morgen früh den Himphamp vor das Schloß, das
wird dir wohl mit deiner Kunst ein Leichtes sein.?« »Ach Herr«, sagte der
Schmied, »wie soll ich Euch den Himphamp bringen, und weiß doch nicht
was das ist; das kann und kann ich nicht.« »Einerlei 1« sprach der Edelmann;
»ich sage dir, ist morgen früh der Himphamp nicht vor meinem Schlosse, so
lasse ich dich aufhängen ohne Gnade und Barmherzigkeit.« Da ging der
Schmied traurig fort und nach Hause zu seiner Frau. »Ach Gott, Frau«,
sagte er; »nun soll ich gar dem Edelmann den Himphamp schaffen bis morgen
früh, und wenn ich das nicht kann, so will er mich aufhängen lassen ohne
Gnade und Barmherzigkeit.« »Da ist kein anderer Rath,« sprach die Frau, »als
du mußt noch diesen Abend fort von hier.« »Ja«, sagte er, das wird das
Beste sein; ehe ich so mein Leben lasse, will ich doch lieber fortgehen, so
weit mich meine Füße tragen können.« So schnürte er denn sein Bündel
und ging fort mit traurigem Herzen. Das hatten aber der Pfaff und das
treulose Weib nur gewollt; und nicht lange war er weg, so schlich der Pfaff
zu dem Weibe in das Haus hinein.
Der Schmied kam unterdessen wieder in den Wald und wieder begegnete
ihm der graue Mann und fragte: »Wohin mein lieber Schmied?'; »Ach!« sagte
der Schmied; »nun der Edelmann das Schloß hat, nun will er auch den Himphamp
haben, und weil ich den nicht schaffen kann, so will ich gehn, so weit mich
meine Füße tragen können.« »Das hat kein anderer als der Pfaffe schuld,«
sprach der graue Mann, »der hält's mit deiner Frau und will dich gerne aus
dem Wege schaffen; aber geh nur wieder nach Hause, da sind die beiden
grad beisammen; und wenn du dann siehst, daß der Pfaff deiner Frau einen
Kuß giebt, so sprich Halt fest!« nimm deine Peitsche und klappe die beiden
vor dir her aus dem Hause die Straße entlang zu des Edelmanns Schlosse
hin; und wenn wer kommt und will sie voneinanderreißen, so sprich wieder:
»Halt fest!« so werden sie alle aneinander fest hängen, bis du sprichst: »Laß
los!« Das wird ein schöner Himphamp werden.« Da bedankte sich der Schmied
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bei dem grauen Manne und kehrte wieder nach Hause um. Es war am frühen
Morgen, als er wieder in sein Dorf kam, und als er sieh nun leise in sein
Haus schlich, 50 sah er wie der PfafT seiner Frau grad einen Kuß gab. »Halt
fest!« rief der Schmied. Da der PfafT die Stimme des Schmiedes hörte, wollte
er eilig fortspringen, aber o weh ! er saß an der Frau fest wie angeleimt. Da
nahm der Schmied seine Peitsche von der Wand und klappte die beiden vor
sich her aus dem Hause hinaus die ganze Straße entlang, und als sie vor dem
Pfaffen sein Haus kamen, trat gerade die Magd mit einer Schürze voll Heu
heraus und wollte der Kuh das Morgenfutter bringen. Die Magd, da sie ihren
Herrn in der schlimmen Lage sah, lief schnell herbei und faßte ihn an, um
ihn ins Haus zu holen, daß die Leute seine Schande nicht sehen sollten.
»Halt fest!« rief der Schmied und wie er das gesagt hatte, saß des^ Pfaffen
Magd auch fest und mußte mit. Zu der Zeit tutete gerade der Kuhhirt und
trieb seine Heerde vor sich her und da kam eine alte Kuh und wollte von
dem Heu fressen, das des Pfaffen Magd in der Schürze trug. »Halt fest!«
rief der Schmied, und wie er das gesagt hatte, saß die alte Kuh auch fest
und mußte mit. Das sah ein Bäcker, der eben den Ofen geheizt hatte und
nun dabei war, die Kohlen auszuziehen. Schnell kam er angerannt mit seiner
langen Ofenlaute und schlug die Kuh damit. »Halt fest!« rief der Schmied,
und wie er das gesagt hatte, saß der Bäcker mit seiner mächtig langen Ofen-
laute auch fest und mußte mit.
Der Edelmann war den Morgen schon früh aufgestanden, lag im Fenster
und sah auf den Hof hinaus. Da kam der Schmied mit seinem Himphamp
angezogen, und als der Edelmann das sah, fing er laut zu lachen an und
sprach: »Das hast du gut gemacht, mein lieber Schmied; das ist ein schöner
Himphamp, den du mir da gebracht hast; aber laß sie jetzt nur wieder los,
daß sie nach Hause gehen können.« Da sprach der Schmied: »Laß los!« und
wie er das gesagt hatte, lief ein jeder hin, wo er hergekommen war, der
Pfaff, die Frau, die Magd, die Kuh und der Bäcker mit seiner langen Ofen-
laute. Der Pfaff hat sich darnach aber so geschämt, daß er niemals wieder in
dem Schmied sein Haus gekommen ist.
&*
30. De rabe un de pogge.
Et kam äis en rabe aneflägen un sette sick an en dik un in den dike
satt ne pogge. Do säe de rabe mit siner knörigen stimme täo der poggen :
Brauer kum herüt, brauer kum herüt!« »Ne, ne!« säe de pogge, »du hackest
mi, du hackest mi! »Ferwahr nich, ferwahr nich!« säe de rabe, un köre
säo lange, bet de pogge doch terlest üt'n water herüt kam. Säo bolle awerst
de pogge an t land kam, hacke de rabe täo un kreg mine läiwe pogge bin
hals. Do fong de pogge an, täo schräien un räip: Heb eck et -nich esegt!
7"
Heb eck et nich esegt! »Eck heb et jo nich eswoaren, eck heb et jo nich
eswoaren!« säe de rabe mit siner knörigen stimme un stök de pogge hendal
un mene, wenn häi et nich eswoaren harre, säo brüke häi sin wärt ok nich
täo holen.
31. Der harte Winter*).
Es war einmal ein unvernünftig kalter Winter, da gingen zwei gute
Kameraden mit einander auf das Eis zum Schlittschuhlaufen. Nun waren aber
hin und wieder Löcher in das Eis geschlagen, der Fische wegen; und als
die beiden Schlittschuhläufer nun im vollen Zuge waren, versah's der Eine,
rutschte in ein Loch und traf so heftig mit dem Halse vor die scharfe Eis-
kante, daß der Kopf auf das Eis hinglitschte und der Rumpf ins Wasser fiel.
Der Andere, schnell entschlossen, wollte seinen Kameraden nicht im Stiche
lassen, zog ihn heraus, holte den Kopf und setzte ihn wieder gehörig auf, und
weil es eine solch barbarische Kälte in dem Wrinter war, so fror der Kopf
auch gleich wieder fest. Da freute sich der, dem das geschah, daß die Sache
noch so glücklich abgelaufen war. Seine Kleider waren aber alle ganz naß
geworden; darum so ging er mit seinem Kameraden in ein Wirthshaus, setzte
sich neben den warmen Ofen, seine Kleider zu trocknen und ließ sich von
dem Wirthe einen Bittern geben. > Prost Kamerad!« sprach er und trank dem
andern zu; »auf den Schreck können wir wohl Einen nehmen.«
Nun hatte er sich durch das kalte Bad aber doch einen starken Schnupfen
geholt, daß ihm die Nase lief. Da er sie nun zwischen die Finger klemmte,
sich zu schnauzen, behielt er seinen Kopf in der Hand, denn der war in der
warmen Stube wieder losgethaut. Das war nun freilich für den armen Menschen
recht fatal, und er meinte schon, daß er nun in der Welt nichts rechts mehr
beginnen könnte; aber er wußte doch Rarh zu schaffen, ging hin und ließ sich
anstellen als Dielenträger, und war das eine gar schöne Arbeit tür ihn. weil
ihm dabei niemals der Kopf im Wege saß, wie andern Leuten, die auch
Dielen tragen müssen.
32. Der Soldat und das Feuerzeug.
Es zog ein abgedankter Soldat die Landstraße daher; sein Geld und seine
Wegzehrung waren zu Ende; arbeiten konnte er nicht, stehlen mochte er
nicht und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit Betteln sein Brod
zu suchen. Das gefiel ihm aber auch nicht sonderlich. So kam er einst in
*) Wurde in den fliegenden Blattern abgedruckt. W. B. (Vergl. FL Bl. 1859, Nr. 707,
S. 22.)
einen dichten Wald, und ganz verloren in seine trüben Gedanken, kam er
vom Wege ab und verirrte sich. Da begegnete ihm ein kleines schwarzes'
Männchen, das fragte ihn, was ihm denn fehlte, er wäre ja so traurig?
»Ach Gott,« sprach der Soldat, »wie sollt ich nicht traurig sein! Im Kriege
ging es lustig her, da hatt ich Geld und Wein vollauf, aber jetzt muß ich
Hunger und Durst leiden, meine Kleider sind zerrissen, mein Muth
ist hin « Das Männchen tröstete ihn und sprach: »Geh nur diesen Weg hier,
so kommst du an ein verwünschtes Schloß, das wird von vielen wilden Thieren
bewacht. Vor dem Schlosse liegt ein großer Stein, wenn du dich darauf
setzest, so werden die Thiere fürchterlich an zu brüllen fangen, aber bleib
nur ruhig sitzen bis die Glocke zwölf schlägt, da schlafen die Thiere ein.
Dann geh in das Schloß hinein, da kannst du dir so viel Geld nehmen, daß
du deine Lebtag genug daran hast; mit dem Schlage Eins mußt du aber zurück
sein, sonst geht es dir schlecht.«
Der Soldat bedankte sich und ging auf dem Wege weiter, den das
Männlein ihm gezeigt hatte. Als er nun an das Schloß kam und sich auf
den großen Stein setzte, fingen alle die wilden Thiere, die das Schloß bewachten,
auf einmal fürchterlich zu brüllen an, aber der Soldat kehrte sich an nichts,
blieb ruhig sitzen bis um zwölf, wo die Thiere einschliefen, und ging dann in
das Schloß hinein. Zuerst kam er in ein schönes Zimmer, das war ganz voll
Kupfergeld und lag ein schlafender Riese dabei. Der Soldat füllte seine Taschen
und wollte schon wieder fortgehen, als er noch eine zweite Thür bemerkte.
Er machte sie auf und kam nun in ein zweites Zimmer, das war viel schöner
als das erste, und auf dem Boden lagen große Haufen Silbergeld, lauter blanke
Thaler, und ein Riese lag dabei und schnarchte. Da warf der Soldat schnell
sein Kupfergeld wieder fort, steckte seine Taschen voll Silbermünze, so viel
nur hineinging und dachte: »Nun hast du dein Lebelang Geld genug, nun
sollst nur wieder umkehren.« Er sah aber da noch eine dritte Thür, machte
sie auf und guckte hinein, und gut! daß er es gethan hatte, denn da lag lauter
rothes Gold in großen Haufen und auch ein Riese dabei, aber der schnarchte
und schlief ganz fest, und das Zimmer war so schön, wie der Soldat noch
keins in seinem Leben gesehen hatte. Schnell warf er sein Silbergeld weg
und packte nun so viel Gold ein, wie er nur tragen konnte und wollte wieder
zurückgehen. Da sah er aber noch eine vierte Thür, die machte er auch auf und
kam nun in das vierte und letzte Zimmer, das war schöner als das schönste
Zimmer in des Königs Schlosse. Geld war da nicht, aber auf der Tafel stand
Wein und Braten, der roch so schön, und die Teller, Messer und Gabeln
waren von purem Golde. Da setzte sich der Soldat und pflegte seinen hungrigen
en nach Herzenslust und trank von dem Weine so viel er nur mochte.
Mittlerweile war es aber Zeit geworden, daß er wieder umkehren mußte. Nun
hing an der Wand eine Pfeife und ein Tabaksbeutel und auf dem Tische
7»
stand ein Feuerzeug, das steckte er auch noch alles ein, denn er war ein
großer Freund vom Rauchen, und darnach so beeilte er sich, daß er aus dem
Schlosse noch zu rechter Zeit wieder herauskam. Es war auch die höchste
Zeit gewesen, denn kaum war er wieder bei dem großen Stein angelangt, so
schlug die Glocke Eins, und die wilden Thiere erwachten und brüllten fürchterlich.
Der Soldat ging nun mit seinem vielen Gelde weiter, kam auch glücklich
aus dem Walde und gelangte in die Stadt, wo der König Hof hielt. Er er-
kundigte sich gleich nach dem vornehmsten Gasthofe, ging hinein und verlangte
Herberge und weil er so zerlumpt und schmutzig aussah, brachte ihn der
Wirth in die Bedientenstube. »Das ist ja hier eine elende Wirthschaft«, sprach
der Soldat; »bringt mir Wein her!« Da ging der Wirth hin und holte eine
Flasche von der schlechtesten Sorte und meinte, die wäre für so einen Lump
wohl gut genug; aber der Soldat, der in dem verwünschten Schlosse den
köstlichen Wein getrunken hatte, wußte wohl was gut schmeckte, probte den
Wein, schnitt ein Gesicht und rief: »Bah! der Wein ist ja gar nicht zu ge-
nießen! Bringt bessern her!« Der Wirth bequemte sich und holte eine Flasche
von der Mittelsorte; aber der Soldat, da er ihn geprobt hatte, rief wieder:
»Bah! bringt bessern her! Es koste, was es will; hier ist Geld!« Damit warf
er ein paar Goldstücke auf den Tisch. Als das der Wirth sah, wurde er auf
einmal ganz höflich, ging in den Keller und brachte eine Flasche vom
besten. »So!« sprach der Soldat, »der läßt sich trinken. Nun gebt mir auch
ein besseres Quartier, daß ich aus diesem elenden Loche komme.« Da brachte
ihn der Wirth mit tiefen Bücklingen in das schönste Zimmer, das er im Hause
hatte. »Jetzt, Herr Wirth!« sprach der Soldat, »bringt mir einen Juden her,
daß er mir Kleider und Wagen und Pferde schafft.« Der Jude kam. »Hör
mal Jude,« sprach der Soldat, »du kannst mir wohl schöne Kleider schaffen,
wie sie der König trägt, auch drei Kutschen und zu jeder Kutsche sechs
Pferde; sechs Schimmel, sechs schwarze und sechs Isabellen.« »Das ist recht
schön!« schmunzelte der Jud; »aber hat der Herr auch Geld dazu, mit Verlaub
zu fragen?« »Hier, Jude, hast du Geld,« sprach der Soldat, griff in die Tasche
und warf ein paar Hände voll Goldstücke auf den Tisch. Der Jude strich das
Geld schmunzelnd ein und ging unter tiefen Bücklingen zur Thür hinaus. Er
hatte auch bald alles aufs beste besorgt, wie es der Soldat gewünscht hatte. Der lebte
nun alle Tage in Saus und Braus, und jeden Mittag, wenn er gegessen hatte,
fuhr er in seiner Kutsche durch die Stadt und vor des Königs Schlosse vorbei.
Es hatte der König aber drei Töchter, die sahen von ihrem Fenster aus,
wie der Soldat in seinem prächtigen Kleide und in seiner schönen Kutsche
da jeden Tag vorbei fuhr. Da sprach die älteste: »Das ist gewiß ein reicher
Prinz, den will ich mal zu Gaste bitten.« Sie schickte ihren Diener nach
dem Gasthofe und ließ den Soldaten zu sich einladen. Er kam auch und
brachte eine ganze Tasche voll Goldstücke mit. Nach dem Essen wurde
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Karten gespielt; der Soldat spielte aber so unglücklich, daß er all sein Geld
verlor, was er mitgebracht hatte. Den andern Abend ließ ihn die zweite
Prinzessin einladen; da erging es ihm auch so unglücklich beim Spiele, daß
er wieder sein mitgenommenes Geld verspielte, und das war sein letztes.
Den dritten Abend wurde er zu der jüngsten und schönsten Prinzessin ein-
geladen, und weil er da für sein Leben gern hinging, sein Geld aber zu Ende
war, so verkaufte er Wagen und Pferde und bekam eine hübsche Summe
dafür. Damit ging er zu der Prinzessin. Nach dem Essen wurde wieder
Karten gespielt, und wieder verlor der Soldat alles Geld, das er mitgebracht
hatte. Nun war er so arm, wie er gewesen war, da er seinen Abschied
kriegte und bettelnd durch die Welt zog.
Ganz mißmuthig und zerzweifelt ging er in seinen Gasthof zurück und
legte sich zu Bett. Er konnte kein Auge zuthun und wälzte sich voll Unruhe
von einer Seite auf die andere. Endlich, weil ers im Bette gar nicht aus-
halten konnte, stand er auf und ging im Zimmer auf und ab. Da fiel ihm
mit einem Male die Pfeife und das Feuerzeug ein, das er mit aus dem ver-
wünschten Schlosse gebracht hatte, und wreil ihm seine trüben Gedanken gar keine
Ruhe ließen, so dachte er zu seiner Zerstreuung eine Pfeife zu rauchen, nahm
das Feuerzeug und pinkte, daß die Funken flogen. So wie er aber1 den ersten
Schlag that, stand plötzlich ein allmächtig großer Riese vor ihm, der war einer
von den dreien, die in dem verwünschten Schlosse das Geld bewachten.
»Was befiehlt der Herr?« fragte der Riese. »Bringe mir einen Sack voll
Geld!« sprach der Soldat. Kaum hatte er das Wort gesagt, so war der Riese
auch schon wieder fort, und kam bald zurück und schleppte einen großen
Maltersack voll Geld herein. »So!« sprach der Soldat; »nun hole mir auch
die jüngste Prinzessin her.« Der Riese lief fort und brachte die Prinzessin
mit sammt der Bettstelle. Nachdem nun der Soldat die Prinzessin tüchtig ab-
geküßt hatte, mußte sie der Riese wieder forttragen.
Den andern Morgen sprach die Prinzessin zu ihrer Mutter: >Ach liebe
Mutter, diese Nacht wars mir doch gerade, als hätte mich ein Riese mit der
Bettstelle zu einem schönen Prinzen getragen und. der hätte mich geküßt.«
* Liebes Kind«, sprach die Mutter, »das sind Träume, denke nicht mehr daran.«
In der folgenden Nacht nahm der Soldat wieder sein Feuerzeug und
schlug Feuer. Sogleich erschien der Riese und fragte: »Was befiehlt der
Herr?« >Hole mir die Prinzessin her«, sprach der Soldat. Der Riese lief fort
und brachte sie mit sammt der Bettstelle. Nachdem nun der Soldat die schöne
Prinzessin wieder tüchtig abgeküßt hatte, mußte sie der Riese wieder forttragen.
Den andern Morgen sprach die Prinzessin zu ihrer Mutter: »Ach liebe
Mutter, diese Nacht war mir's doch grade so wieder wie vorige Nacht; ein
Riese trug mich zu dem schönen Prinzen und der hat mich geküßt.« »Liebes
Kind«, sprach die Mutter, »das sind Träume; denke nicht mehr daran.« Es
So
kam der Königin aber doch sonderbar vor, daß das Mädchen zwei Nächte
hinter einander immer denselben Traum gehabt hatte, und weil sie gern gewußt
hätte, ob etwas Wahres daran sei, so nähte sie einen Beutel, füllte ihn mit
Erbsen, schnitt ein kleines Loch hinein, daß die Erbsen allmählich herauslaufen
könnten, und hängte ihn an der Prinzessin ihr Bett. In der Nacht kam der
Riese auch richtig wieder an ; während er aber die Prinzessin forttrug,
fielen, ohne daß er etwas merkte, die Erbsen nach und nach aus dem Beutel
heraus auf den Boden den ganzen Weg entlang, und als nun die Königin
am andern Morgen nachsah, merkte sie wohl, daß ihres Töchterleins Träume
nicht ohne Grund wraren. Die ausgestreuten Erbsen verriethen ihr den Weg,
den der Riese gegangen war, nach dem Gasthause bis vor des Soldaten Zimmer-
thür. Da nahm sie den Wirth heimlich beiseite und befragte ihn, wes Standes
und Herkommens der Gast wäre, der da bei ihm im Hause wohnte. Der
Wirth sprach, er wüßte es selber nicht so recht, aber es müßte wohl ein ab-
gedankter Soldat sein, der plötzlich zu vielem Gelde gekommen sei; als er
angekommen, hätte er eine alte schmutzige Soldatenuniform getragen. Da
lief die Königin schnell hin und holte die Wache, die nahm den Soldaten, ehe
er sich's versah, gefangen und brachte ihn in einen festgemauerten Gefängniß-
thurm. Der König, da er die Sache erfuhr, verurtheilte den Soldaten zum Tode.
Nun hätte sich der Soldat leicht befreien können, wenn er nur sein
Feuerzeug gehabt hätte, das hatte er aber in der Eile in seinem Gasthofe
liegen lassen. Den andern Tag sollte er hingerichtet werden. Da saß er nun
schon des Morgens ganz früh, da eben der Tag anbrach, ganz traurig vor
dem Gefängnißgitter, und wie er so auf die Straße hinaussah, ging da gerade
seines Wirthes Dienstmagd vorbei und hatte Milch geholt. Da rief er das
Mädchen an und versprach ihr viel Geld, wenn sie ihm sein Feuerzeug holen
wollte, das er auf seinem Zimmer vergessen hätte. Das Mädchen lief auch
schnell hin und brachte es ihm. Da schlug der Soldat Feuer und sogleich
stand der Riese vor ihm und fragte: »Was befiehlt der Herr?« »Befreie mich
aus diesem Gefängnisse«, sprach der Soldat. Da lief der Riese fort und holte
seine beiden Kameraden, und nun brachen sie die Mauer entzwei, daß der
Soldat glücklich in Freiheit kam. Als das geschehen war, sprachen die Riesen:
»Wir haben dir nun so viele Dienste geleistet, daß du uns auch wohl den
Gefallen thun kannst, uns zu erlösen. In dem verwünschten Schlosse hängt
in dem ersten Zimmer ein Schwert an der Wand, damit mußt du uns und
den wilden Thieren die Köpfe abschlagen, dann hört die Verwünschung auf.
»Ja,« sagte der Soldat, »so schwer es mir auch wird, an euch meinen Wohl-
thätern so zu handeln, wenn es nicht anders sein kann, will ich es doch
gerne thun. Nur müßt ihr mir aber noch zu guter Letzt die jüngste Prinzessin
holen, denn ohne die kann ich nicht leben.« Da liefen die Riesen fort und
brachten sie ihm. Der Soldat nahm sie nun mit nach dem verwünschten
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Schlosse. Dort setzte er sich wieder auf den großen Stein bis die Glocke
zwölf schlug, ging dann in das Schloß, fand das Schwert und hieb damit den
Riesen und den wilden Thieren, die das Schloß bewachten, die Köpfe ab. Da
ertönte auf einmal die schönste Musik und entstand ein Gewühl fröhlicher
Menschen, die huldigten dem Soldaten als ihrem König. Der Soldat aber hielt
bald darnach Hochzeit mit seiner schönen Prinzessin.
33. Der Bettler aus dem Paradies.
Et was äis ne fräo der störv ör mann, un anse däi en jähr dote was,
fräie de fräoe weer; säi harr et 'r awerst nich ten besten mee drapen. De
mann stund den ganzen dag un schult, un wenn de fräoe äis wat nich rech
emaoket harre, säo sä häi jümmer: »du gösekopp, du gösekopp!« Ör selige
mann harr awerst Martin ehäiten. »Och gott, dachte do de fräoe, wenn doch
min selige Martin noch liäwe, wenn doch min selige Martin noch liäwe!«
Do kam äis täo der fräoen, anse ör mann jüst nich inne was, en ölen
bädeler un bidde um en almosen, un de fräoe frage ohne, »wo häi denn här
wörer« »Eck bin ut Paris«, säe de bädeler. »Och, gott«, säe de fräoe, »wenn
ji ut'n Paradise sind, säo kenne ji dar ok wol minen seligen Martin.« »Jao!«
säe de bädeler, »dar sind awerst viäle Martins; dar is en lütken Martin, en
langen Martin, en dünnen Martin, en dicken Martin.« »De dicke«, säe de
fräoe, »däi is et. Nanu segget mi äis, wo geit et ohne denn dar?« »Och«,
säe de bädeler, »dene geit et ganz bedreuwet, sin tüg is klaterig un geld hat
häi ok nich mehr un mot snurren gaen anse ek ok.« Do wörd de fräoe
ganz bedreuwet, dat et öhren Martin in jönner weit säo power gung, un
frage den bädeler, of häi denn wol bolle weer mit öhren Martin te hope
käime. »Eck denke«, säe de bädeler, »dat eck'en ünner en paar dagen weer
täo säin kriege.« »Will ji denn wol säo gäot wäsen«, säe de fräoe, »un niämen
ohne etwas geld un tüg mee? Eck will jük jo geren dervär betalen, denn
eck will nich, dat ji et ümme süss däoet.« »Gott ja, worümme dat nich«,
säe de bädeler, »jäoe Martin is min beste fründ, un wenn ji wat an ohne
täo bestellen hebbet, säo giäwet man her, eck will et jo geren ümme süss mee
niämen.« Do gung de fräoe vär öhren kuffer un kreg en büel vull geld herut,
un ut'n schappe hale se öhren seligen Martin sin sönndagestüg, dat gaf säi
alles den bädeler hen un gaf'n ok noch geld awerher vär sine gefälligkeit.
»Och«, säe de bädeler, »dat wöre jo nich nödig ewesen; awerst et is man
jüst van wegen der stüer, däi eck vär dat tüg betalen mot, wenn eck dar baben
weer awer de grenze küome.« Anse de bädeler nu weggung, bestelle de
fräoe noch viäle grüsse an öhren läiwen seligen Martin. »Wäset man ohne
sorgen, eck will wol alles richtig bestellen,« säe de bädeler un make, dat häi
wegkam, un freie sick, dat häi säo lichtfarig an geld un tüg ekuomen was.
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Mitdessen säo kämm der fräoen öhr mann weer in, un weil se säo
vergnügt un lächerlik utkek, säo frage de mann, wat denn passirt würe, säi
säige jao säo vergnügt ut? Do verteile säi ohne in aller freide, wo et öhr
egaen harre, dat dar äiner ut'n paradise wäsen wöre, de harre öhr kundschopp
van öhren Martin ebrocht, un do harre säi ohne, weil häi in jönner weit noth
lien moste, en büel vull geld un sin sönndagestüg hen eschicket. »Du göse-
kopp!« schult de mann do; »da hast du di doch weer anföhren laten!« un äin,
twäi, dräi kreg häi sin pärd ut'n stalle un jage grade achter den bädeler her.
De bädeler, do häi vernam, dat dar äine täo päre achter ohne ankam,
wusste glik wol, wat dat täo bedüen harre, tog sick grade ganz splinternäked
ut, smet sin tüg in'n graben un sprung jümmer risch in de höchte. Ans de
kerel nu anjagen kam un dat sach, frage häi den bädeler, wat häi denn dar
täo springen döe? »Och, du läiwe tiet!« säe de bädeler, »wi hebbet dar
baben in'n himmel eben en danz eholen, un do bin eck der luken täo nahe
kuomen un bin herdal efallen; nu kann eck noch jümmer den rechten sprung
nich edräpen, dat eck dar weer henup kuome.« Do frage ohne de mann, >of hier
nich eben äine mit'n bündel tüg värbi egaen wöre?« »Ja wol!« säe de bädeler,
»jüst eben is häi hier värbi elopen, häi keek sick alle ogenblick ganz ängstliken
ümme, of ok wer achter ohne ankam un ans häi dat pärgetrappel höre, läip
häi grade dar in dat buschwark henin.« »Denn weset säo gäot un holt äis
min pärd,« säe de kerel, »denn säo will eck'n wol kriegen,« gaf den bädeler
sin pärd täo holen un läip in dat gebüsch henin. Underdess tog aber de
bädeler flink sin tüg weer an, sette sick up den kerel sin pärd un jage weg,
säo grade ans häi man könne.
Min läiwe kerel sochte nu dat ganze buschwark dör, aber häi sochte un
sochte un könne niks finnen, un ans häi nu weer terügge kam, säo was sin
pärd wege mit sammt den manne, däi et harre holen schöllt. Da sach häi
wol in, dat häi an eföhrt was, un ärgere sick, dat häi nu doch noch eben säo
dumm ewesen was ans sine fräoe, da häi jümmer vär'n gösekopp ut eschullen harre.
Ans häi nu weer na hüs kam, säo frage sine fräoe glik: »No, wo is et?
Hast'n weer ekriägen.« »Ja,« säe de mann, »de arme minsche düre mi, dat
häi säo viäl te drägen harre up den wien weg, darümme säo heb eck'n ok
noch min pärd egiäben, nu kann häi doch ok tewielen rien un brüket nich
jümmer te fäote te lopen.« Dat säe awerst de mann man jüst, ümme dat
ohne sine fräoe niks utlachen schölle, un hat sä sin liäwe nich weer vär'n
gösekopp ut eschullen, wenn sä äis wat verkehrt maoke.
Der Bettler aus dem Paradies.
(Hochdeutsch.)
Eine Witwe hatte wieder geheirathet. Ihr zweiter Kerl aber schalt viel,
und wrenn sie was nicht recht machte, so sagte er immer »Du Gösekopp«
zu ihr. — »Ach,« seufzte sie oft, »wenn doch mein seliger Martin noch lebte.« —
Einst, als ihr Mann nicht zu Haus war, kam ein Bettler. — »Wo seid ihr
denn her?« fragte die Frau. — »Aus Paris«, sagte der Bettler. — »Aus dem Pa-
radies?« rief die Frau; »dann kennt ihr auch wohl meinen seligen Martin.« —
»Tja!« meinte der Bettler; »es giebt da viele Martins; da ist ein kleiner Martin,
ein langer Martin, ein dünner Martin, ein dicker Martin« »Der dicke«,
rief die Frau, »der ist es. Wie geht es ihm denn da?« — »Recht betrübt,« sagte
der Bettler; »er muß schnurren gehn, wie ich. Wenn ihr ihm was schicken
wollt, so will ich es gern mitnehmen, denn in ein paar Tagen, denk ich,
krieg ich ihn wieder zu sehn.« — Da lief die Frau vor das Schapp, holte
ihrem Martin sein bestes Sonntagszeug, band es in ein Bündel, nahm einen
Beutel voll Geld aus der Lade, reichte alles dem Bettler hin und gab ihm
zuletzt auch fürs Mitnehmen noch was extra überher. — »Och«, sagte der
Bettler, »das wTäre ja nicht nötig gewesen; aber es ist nur bloß von wegen
der Steuer an der Grenze.« — Damit verabschiedete sich der Bettler, nachdem
sie ihm noch viele herzliche Grüße an ihren seligen Martin aufgetragen
hatte. — Als ihr Mann nach Haus kam, war seine erste Frage: »Warum
siehst du denn heute so vergnügt aus?« — Da erzählte sie ihm, was ihr eben
passiert war. —»Du Gosekopp!« schrie der Mann. Er setzte sich aufs Pferd
und jagte hinter dem Bettelmann her. Dieser, sowie er das Pferdegetrappel
hörte, wußte Bescheid. Schnell zog er sich splitternackt aus, warf das Zeug
in den Graben und huckte auf einer Stelle immer risch in die Höhe. — »Was
machst du denn da?« fragte der Kerl. — »Och, och!« jammerte der Bettler,
-wir hatten einen Tanz da oben, da kam ich der Luke zu nah, und nun
kann ich noch immer den rechten Sprung nicht treffen, daß ich wieder hin-
aufkomme.« Da erkundigte sich der Kerl bei ihm, ob er nicht Wen gesehen
hätte mit einem Bündel Zeug. — »Jüst eben,« sagte der Bettler, »lief so Einer,
der sich ängstlich umsah, dort in das Buschwerk hinein.« — »Dann will ich
ihn wohl kriegen,« rief der Kerl; »halt mal eben mein Pferd sp lange.« — Der
Kerl sprang ins Gebüsch, der Bettler zog sich schnell an, schwang sich aufs
Pferd und galoppierte davon.
»Na, hast'n wiedergekriegt?« fragte die Frau ihren Mann, als er kleinlaut
zurückkehrte. — »Ja,« sagte er, »aber der arme Mensch that mir leid, weil er
solch einen weiten Weg hat, und da hab ich ihm auch noch mein Pferd
gegeben.
Seitdem sagte er nie mehr Gosekopp zu seiner Frau.
34. Der verwunschene Prinz.
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten nur eine einzige
Tochter. Nun begab es sich aber, daß die Frau krank wurde, und weil
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es von Tage zu Tage schlimmer mit ihr ward und sie endlich fühlte, daß
ihre Sterbestunde gekommen war, rief sie ihr Kind zu sich ans Bett und gab
ihm einen Ring von ihrem Finger und sprach: > Den trage zu meinem An-
denken und heb ihn wohl auf.« Darnach legte sie sich und starb ; und noch
war kein Jahr seitdem vergangen, da nahm sich der Mann eine andere Frau.
Sie war aber gar nicht gut gegen das Kind; das Mädchen durfte nie mit in
die Stube kommen, sondern _ mußte immer auf der Diele beim Heerde sitzen,
und als einmal die Stiefmutter den schönen goldenen Ring an ihrem Finger
sah, fing sie an zu schelten und bedrohte das Mädchen. »Ich sollte dir den
theuren Ring eigentlich wegnehmen«, sagte sie ; > aber das sage ich dir, verlierst
du ihn, so prügele ich dich, daß du schwarz wirst.« Nun mußte das arme
Mädchen alle Tage Wasser schleppen, und als sie auch einmal wieder die
Brunnenstange anfaßte, um den schweren Eimer in die Höhe zu ziehen,
glitt ihr der Ring vom Finger und fiel in den tiefen Brunnen hinein. Da-
rüber fing sie bitterlich zu weinen an. Mit dem, so kam ein Laubfröschlein
im Grase dahergehüpft, fing an zu sprechen und fragte: »Was fehlt dir
denn, du wackres Mädchen, daß du so bitterlich weinen thust? Das sage mir,
so will ich sehen, ob ich dir helfen kann.« »Ach Fröschlein!« sprach das
Mädchen, »du kannst mir doch nicht helfen. Ich habe meiner Mutter ihren
goldenen Ring in den Brunnen fallen lassen, und wenn das meine
Stiefmutter erfährt, so werde ich gewiß Schläge kriegen.« »Sei nur still und
laß dein Weinen sein,« sprach das Fröschlein; »wenn ich diese Nacht bei dir
in deinem Bettlein schlafen soll, so will ich dir den Ring wohl wieder holen.«
»Ach ja liebes Fröschlein,« sprach das Mädchen, »ich will ja gerne alles thun
was du verlangst, wenn ich nur mein goldenes Ringlein wieder kriege!« Sprach das
Fröschlein: ?So setze mich in den Wassereimer und laß mich in den Brunnen
hinab, daß ich dir dein goldenes Ringlein wieder hole.« Da setzte das
Mädchen den Laubfrosch in den Eimer und ließ ihn in den Brunnen hinab,
da tauchte er unter und kam bald wieder angeschwommen mit dem Ringlein
in seinem Maule. Das Mädchen zog ihn wieder herauf, nahm den Ring
steckt' ihn voller Freuden an ihren Finger und ging ins Haus und dachte
nicht mehr an das Laubfröschlein und was es ihm hatte versprechen müssen.
Des Abends aber, da das Mädchen wieder wie immer aut der Hausflur beim
Heerde saß und spann, klopfte mit einmal was an die Seitenthüre und rief:
»Wackres Mädchen, wackres Mädchen ! was du versprochen hast, mußt du auch
halten; setze mich in dein Haus.« Das Mädchen machte die Thüre auf und
erschrack ordentlich , denn davor saß das Laubfröschlein. Erst wollte das
Mädchen die Thüre wieder zuschlagen ; weil es aber an sein Versprechen
dachte, und daß ihm der Frosch wieder zu seinem Ringe verholten hatte,
setzte es ihn in ihr Haus herein. Der Frosch hüpfte nun mit an den Heerd
und sah zu wie das Mädchen spann. Nachdem, da es Zeit war, schlafen zu
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gehn, ging das Mädchen in ihre Kammer, zog die Thür hinter sich zu und
ließ das Fröschlein draußen sitzen. Da klopfte es an die Kammerthür und
rief: »Wackres Mädchen, wackres Mädchen! Was du versprochen hast, mußt
du auch halten! Setz' mich in deine Kammer.« Das Mädchen hätte lieber
das Fröschlein draußen gelassen, aber es dachte daran, was es ihm am Brunnen
versprochen hatte, nahm es und setzte es in seine Kammer. Nun zog das
Mädchen sein Nachtzeug an, löschte das Licht und legte sich zu Bett und
meinte, das Fröschlein würde nun wohl zufrieden sein. Aber nein! es wollte
auch bei dem Mädchen im Bette schlafen und rief: »Wackres Mädchen, wack-
res Mädchen ! Was du versprochen hast, mußt du auch halten ! Setz' mich
in dein Bett.« Da nahm das Mädchen das Fröschlein auch noch zu sich ins
Bett und sprach: »So! Nun sei aber auch hübsch still, sonst muß ich dich
wieder hinaussetzen.« Bald darnach, weil das Fröschlein ganz stille war,
schlief das Mädchen ein. Den andern Morgen aber, als es aufwachte und
sich nach dem Fröschlein umsah, war kein Fröschlein mehr da, sondern lag
da ein wunderhübscher junger Prinz im Bette, der lachte das Mädchen freund-
lich an, küßte es und sprach: »Ich danke dir, daß du mich erlöst hast.
Mein Großvater hatte mich in einen Laubfrosch verwünscht, und nicht eher
konnte ich wieder eine menschliche Gestalt annehmen, bis mich ein Mädchen
freiwillig mit in sein Bett nahm.«
Noch denselben Tag zog nun der Prinz mit dem Mädchen fort in sein
Königreich und nahm sie zu seiner Frau und sie hatte es gut bei ihm bis an
ihr Ende.
35. Das Hemd des Zufriedenen.
Es war einmal ein reicher König, dem machte das Regieren so viele
Sorgen, daß er darum nicht schlafen konnte die ganze Nacht. Das ward ihm
zuletzt so unerträglich, daß er seine Räthe zusammen berief und ihnen sein
Leid klagte. Es war aber darunter ein alter erfahrener Mann," der erhob sich,
da er vernommen, wie es um den König stand, von seinem Stuhle und sprach:
»Es giebt nur ein Mittel, daß wieder Schlaf in des Königs Augen kommt, aber
es wird schwer zu erlangen sein; so nämlich dem Könige das Hemd eines
zufriedenen Menschen geschafft werden könnte und er das beständig auf seinem
Leibe trüge, so halte ich dafür, daß ihm sicherlich geholfen wäre.« Da das
der Konig vernahm, beschloß er, dem Rathe des klugen Mannes zu folgen
und wählte eine Anzahl verständiger Männer, die sollten das Reich durch-
wandern und schauen, ob sie nicht ein Hemd finden könnten, wie es dem
Könige Noth that. Die Männer zogen aus und gingen zuerst in die schönen
volkreichen Städte, weil sie gedachten, daß sie da wohl am ehesten zu ihrem
Zwecke kämen; aber vergebens war ihr Fragen von Haus zu Haus nach
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einem zufriedenen Menschen; dem Einen gebrach dies, dem Andern das; so
mochte sich keiner zufrieden nennen. Da sprachen die Männer untereinander:
»Hier in der Stadt finden wir doch nimmer, wonach wir suchen; darum so
wollen wir jetzunder auf das Land hinausgehen, da wird die Zufriedenheit
wohl noch zu Hause sein,« sprachen's, ließen die Stadt mit ihrem Gewühle
hinter sich und gingen den Weg durch das wallende Korn dem Dorfe zu.
Sie fragten von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte, sie gingen in das nächste
Dorf und weiter von da, sie kehrten bei Armen und bei Reichen ein, aber
keinen fanden sie, der ganz zufrieden war. Da kehrten die Männer traurig
wieder um und begaben sich auf den Heimweg. Wie sie nun so in sorgende
Gedanken vertieft über eine Flur dahinwandelten, trafen sie auf einen Schwein-
hirten, der da gemächlich bei seiner Heerde lag; indem so kam auch des
Hirten Frau, trug auf ihren Armen ein Kind, und brachte ihrem Manne das
Morgenbrod. Der Hirt setzte sich vergnüglich zum Essen, verzehrte was ihm
gebracht war, und nachdem so spielte er mit seinem Kinde. Das sahen die
Männer des Königs mit Erstaunen, traten herzu und fragten den Mann:
wie es käme, daß er so vergnügt wäre und hätte doch nur ein so geringes
Auskommen? »Meine lieben Herren«, sprach der Sauhirt, »das kommt daher,
weil ich mit dem, was ich habe, zufrieden bin.« Da freuten sich die Männer
höchlich, daß sie endlich einen zufriedenen Menschen gefunden hatten, und
erzählten ihm, in welcher Sache sie von dem Könige wären ausgesandt worden, und
baten ihn, daß er ihnen möchte für Geld und gute Worte ein Hemd von
seinem Leibe geben. Der Sauhirt lächelte und sprach: »So gern ich Euch,
meine lieben Herren, in Eurem Anliegen möchte zu Willen sein, so ist es
mir doch nicht möglich; denn Zufriedenheit habe ich wohl, aber kein Hemd
am Leibe.« Als das die Männer vernahmen, erschracken sie und gaben nun
ganz die Hoffnung auf, ein Hemd zu finden, wie es dem Könige Noth that.
Betrübt und mit gesenkten Blicken traten sie wieder vor ihren Herrn und
berichteten ihm, wie all ihr Suchen und Fragen sei vergeblich gewesen; sie
hätten manchen gefunden, der wohl ein Hemd gehabt hätte, aber keine Zu-
friedenheit, und endlich hätten sie Einen angetroffen, der wäre freilich zufrie-
den gewesen, aber leider hätte er kein Hemd gehabt.
So mußte denn der König seine Sorgen ferner tragen und voll Unruhe
oft Nächte lang auf seinem Bette liegen, ohne daß Schlaf in seine Augen
kam, und konnte ihm nicht geholfen werden.
36. Der Herrgott als Pathe.
Es war einmal ein armer, armer Mann, dem wurde ein Knabe geboren.
Da nun die Zeit kam, daß das Kind sollte getauft werden, ging der Vater
aus, einen Pathen zu suchen, der es über die Taufe hielte; weil aber der
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Mann so ganz arm war und keinen Schmaus geben konnte, so wollte ihm
niemand zu Willen sein. Darüber wurde der arme Mann ganz traurig und
kam in große Sorge, wie er es anstellen sollte, daß sein Kind die Taufe er-
hielte. Einst, da er auch in derselben Sache war über Feld gewesen und
wieder ohne etwas ausgerichtet zu haben den Heimweg ging, begegnete ihm
ein alter Mann, der einen grauen Kittel trug; derselbe, als er den Armen so
traurig sah, redete er ihn an und fragte, was ihm denn fehlte, daß er so in
Sorgen seines Weges ginge? >Ach Gott«, sprach der Arme, »mir ist ein
Sohn geboren und die Zeit ist da, daß er muß getauft werden, aber niemand
will des Kindes Pathe sein; da bin ich nun in großer Verlegenheit.« »Sei
nur wieder guten Muthes«, sprach der graue Mann, »so es dir recht ist, will
ich dein Kind wohl aus der Taufe heben.« Das nahm der arme Mann mit
Freuden an. Zur bestimmten Stunde stellte sich auch der Pathe ein, und als
die Taufe nun zu Ende war, nahm er von dem Armen Abschied und sprach:
»Nun trage Sorge, daß der Knabe gut erzogen wird; wenn er vierzehn Jahre
alt ist, so will ich wiederkommen und bringen ihm sein Pathengeschenk.«
Damit ging er fort. Es war aber unser Herrgott selber gewesen, der dem
armen Vater aus seiner Verlegenheit geholfen hatte.
Der Knabe wuchs nun heran und wurde so klug und lernbegierig, daß
sich ein jeder darüber verwunderte.
Er wurde vierzehn Jahre alt, und sein Vater hatte schon gar nicht mehr
an den grauen Mann gedacht, denn der, meinte er, würde doch wohl niemals
wiederkommen und zu der Zeit schon längst gestorben sein. An dem Tage
aber, da gerade die vierzehn Jahre herum waren, kam der Mann, der des
Knaben Pathe war, in seinem grauen Kittel auf einem wunderschönen Schimmel
vor des armen Mannes Haus geritten, stieg ab und trat in das Haus hinein.
»Die vierzehn Jahre sind nun herum«, sprach er zu dem armen Manne, »und
ich bin gekommen, mein Wort zu lösen und deinem Sohn das Pathengeschenk
zu bringen, das soll mein schöner Schimmel sein; wenn der Junge den wohl
achtet und pflegt und ihn um Rath fragt, wenn er etwas vorzunehmen gedenkt
und immer thut, was das kluge Thier ihm sagt, so wird er niemals in Ver-
legenheit geraten.« Damit ging er fort und ließ den Schimmel zurück.
Da sprach der Junge zu seinem Vater: »Nun ich den schönen Schimmel
habe, will ich auch nicht mehr hier zu Hause bleiben, sondern will wegreiten
in die weite Welt hinein und will sehen, daß ich mein Glück mache.« Er
nahm Abschied von Vater und Mutter, setzte sich zu Pferde und ritt fort.
Nicht lange war er geritten, so sah er dicht am Wege eine Feder liegen, die
glänzte wie lauter Gold und Silber. »Ei, ei! die schöne Feder will ich mir
nehmen! Was meinst du Schimmel?« sprach der Junge und stieg ab sie
aufzuheben. Laß doch die Feder,« sagte der Schimmel, »das sind ja deine
Sprach der Junge : »Lieber Schimmel, die Feder hätt' ich doch
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gar zu gern ; da kann ich schön mit schreiben und dann ist sie gewiß auch
viel an Gelde werth; nicht wahr, ich nehm sie nur mit!" AVenn du meinst,
so thu's!« sagte der Schimmel, »aber das sage ich dir vorher, du thätest besser,
wenn du sie liegen ließest.« Aber der Junge kehrte sich nicht an die Warnung
seines Schimmels, nahm die Feder mit und ritt weiter. — Zu Nacht kam er an
den Hof des Königs, da gab er sich für einen Schreiber aus, und der König,
der gerade darum benöthigt war, nahm ihn in seinen Dienst. Nun schnitt er
sich die schöne Feder und schrieb damit. Sie war aber so glänzend und gab
so hellen Schein, daß er gar kein Licht anzuzünden brauchte, wenn er des
Abends beim Schreiben saß. Das sah einer von der Dienerschaft, ging stracks
zum Könige und erzählte es ihm, und der König, den es Wunder nahm, ließ
den Schreiber sogleich vor sich kommen, und der mußte ihm nun die Feder
zeigen. Nicht sobald aber hatte der König die wunderbare Feder gesehen,
als ihn auch ein heftiges Verlangen erfaßte nach dem Vogel, der die Feder
getragen hatte. »Die Feder ist erstaunlich schön und Goldes werth , sprach
der König, »aber schöner noch und unbezahlbar muß der Vogel sein, der die
Feder getragen hat.« »Ja!« sagte der Junge; »wenn man nur wüßte, wo er
zu finden ist.« »Du mühest dich vergeblich mich zu täuschen«, entgegnete
der König; »wo die Feder gewesen, wird auch der Vogel sein; darum so
gebiete ich dir bei Leib und Leben, daß du mir den Vogel zur Stelle schaffst.«
Der Junge erschrack und machte Einwendungen, das half ihm aber alles nichts,
denn der König verharrte fest auf seinem Sinn. Da ging er unmuthvoll zu
seinem Schimmel in den Stall und klagte ihm sein Leid und sprach: Ach
lieber Schimmel, wie will das mit mir noch werden! Nun der König die
schöne Feder gesehen hat, nun will er auch den Vogel haben, der sie trug;
den soll ich ihm schaffen bei Todesstrafe und weiß doch nicht, wo er zu
rinden ist. Was soll ich nun beginnen, das sage mir.« »Da haben wirs
entgegnete der Schimmel; »hättest du damals, wie ich dir rieth, die Feder
liegen lassen, so wärest du jetzt nicht in Verlegenheit. Es läßt sich aber
wohl noch Rath schaffen. Eine gute Strecke von hier weiß ich ein ver-
wünschtes Schloß, darin hängt in einem goldenen Käfige der Vogel an der
Wand; darum so wollen wir uns aufmachen und sehen, ob wir ihn nicht
erlangen können.« Da der Junge das vernahm, schwang er sich alsbald in
den Sattel und jagte davon, den Vogel aufzusuchen. Ehe er aber zu dem
verwünschten Schlosse gelangen konnte, mußte er erst einen großen Strom
passiren, darüber eine Brücke geschlagen war. Da er eben hinüber reiten
wollte, sah er unten einen Fisch, der war mit einer Kette an das Uter fest-
geschlossen und zappelte und mühte sich vergebens, loszukommen. »Wo!
Schimmel!« sprach der Junge, als er den armen Fisch so zappeln sah, stieg
ab und setzte ihn in Freiheit. »Das will ich dir gedenken,« rief der Fisch;
»wenn du meiner einmal bedürfen solltest, so rufe nur: König der Fische!
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dann will ich dir, soviel in meinen Kräften steht, behülflich sein.« Als der
Fisch das gesprochen hatte, senkte er sich munter in die Tiefe des Wassers
hinab. Der Junge aber ritt über die Brücke hinüber nach dem Schlosse hinzu,
band seinen Schimmel vor die Thür und ging hinein. Er fand auch richtig
das Zimmer, wo der Vogel in dem goldenen Käfig an der Wand hing, nahm
ihn herab und wollte eben wieder umkehren, als er da auch eine Junfer
sitzen sah, die hielt in der Hand ein Bund Schlüssel und lag in festem
Schlafe, wie wenn sie todt gewesen wäre. Sie war aber so wunderschön, daß
der Junge in seinem Leben nichts schöneres gesehen hatte. Eilig lief er nun
zu seinem Schimmel zurück und sprach: »Ach liebster Schimmel, den
Vogel habe ich nun, aber da im Schlosse sitzt auch eine Junfer, die ist so
wunderschön, daß ich sie für mein Leben gerne mitnehmen möchte; was
meinst du? Thu ichs wohl ?« »Ich sage dir,« entgegnete der Schimmel, »laß
du die Junfer, wo sie ist; du hast immer Dinge im Kopfe, die dich nichts
angehen.« »Ach lieber, bester Herzensschimmel,« sprach der Junge, »du glaubst
gar nicht, wie schön sie ist; ich muß und muß sie haben, es mag nun kommen,
wie es will.« »No ja!« entgegnete der Schimmel; »wenn du es denn durch-
aus willst, so thu, was du nicht lassen kannst; aber das sage ich dir vorher,
du wirst dadurch in große Ungelegenheiten kommen.« Aber der Junge kehrte
sich nicht an die Warnung seines Schimmels, trug die Junfer, die noch
immer in festem Schlafe lag, auf seinen Armen aus dem Schlosse, nahm sie
vor sich aufs Pferd, band den Käfig, worin der wunderbare Vogel saß, an
den Sattel und ritt in Eile dem Strome zu. Kaum war er aber in der Mitte
der Brücke angekommen, so entstand hinter ihm in der Gegend des Schlosses
ein schrecklich Gekrach und Gepolter, wie wenn die Erde bärste, denn das
Schloß war nun erlöst, die Junfer schrack zusammen und erwachte aus ihrem
Zauberschlafe, ließ aber in demselben Augenblicke das Bund Schlüssel,
das sie bis dahin in der Hand hielt, unversehens über den Brücken-
rand in den Strom fallen. Der Junge ritt nun, ohne sich an etwas zu
kehren, an des Königs Hof zurück und brachte ihm den schönen Vogel
in dem goldenen Käfig. Da aber der König die wunderschöne Junfer sah,
entbrannte er in so heftiger Liebe zu ihr, daß er von Stund an darauf bedacht
war, wie er den Jungen möchte aus dem Wege schaffen. Weil er ihm nun
sonst nichts anhaben konnte, so machte er allerlei falsche Vorwände und be-
fahl ihm zuletzt bei Todesstrafe den Hof zu meiden, den Schimmel, den Vogel
und die Junfer aber zurückzulassen. Der Junge erschrak und machte Ein-
wendungen, das hall ihm aber alles nichts, denn der König verharrte fest bei
seinem Worte. Da ging er unmuthvoll zu seinem Schimmel in den Stall und
klagte ihm sein Leid und sprach: »Ach lieber Schimmel, wie will das mit
mir noch werden ! Nun der König die schöne Junfer gesehen hat, nun
will er mich hier nicht länger leiden; ich soll den Hof verlassen und nichts
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mit mir nehmen, das hat er mir geboten bei Todesstrafe. Was fange ich
nun an? Das sage mir!« »Da haben wirsl entgegnete der Schimmel; »hättest
du damals, wie ich dir rieth, die Junfer gelassen, wo sie war, so wärest du
jetzt nicht in Verlegenheit. Nun heißt es, Schimmel, schall' Rathl« »Ach,
lieber Schimmel!« sprach der Junge, »ich will auch von jetzt an immer folg-
sam sein, wenn du mir nur diesmal noch aus der Noth hilfst.« Sprach der
Schimmel: »So gehe nur, wie der König befohlen, von hier fort, dann will
ich mich krank stellen, und der Vogel und die Junfer werden auch wohl
traurig werden ; du aber verkleide dich als alter Arzt und komm zurück und
biete dem König deine Dienste an. Da unter der Schwelle liegt eine Ruthe
vergraben, damit streiche mir, wenn du wiederkommst, über den Rücken,
dem Vogel über die Federn und der Junfer hebe damit den Schleier auf,
so wird wohl alles wieder gut werden. Dann reite mich auf dem Hofe spa-
zieren, den Vogel laß vor die Thür in die frische Luft hängen, und wenn
dann die Junfer vor die Thüre kommt, so sieh zu, daß du den rechten
Augenblick wahrnimmst, zieh die Junfer zu dir aufs Pferd, nimm schnell den
Vogel von der Wand und jage fort, so schnell du kannst«.
Der Junge that, wie ihn der Schimmel geheißen hatte, nahm die Ruthe
unter der Schwelle hervor und ging fort. Nicht lange war er weg, so lag
der Schimmel im Stalle und war krank, der Vogel blusterte die Federn und
ließ den Kopf hängen, die Junfer aber saß und weinte. Da kam der Junge,
nachdem er sich in einen alten Arzt verkleidet hatte, unerkannt wieder an
des Königs Hof und bot seine Dienste an. »Ich habe da«, sprach der König,
»einen Schimmel, einen Vogel und eine Junfer, die sind alle drei nicht recht
munter, wenn du mir die kuriren könntest, so wollte ich dir viel Geld geben.«
Der Junge sagte, er wollte einmal seine Kunst versuchen, ließ sich zu der
Junfer bringen, die den Schleier über das Gesicht gezogen hatte und weinte,
hob ihr mit seiner Ruthe den Schleier auf, und da erkannte sie ihn und ließ
ihr Weinen sein. > Damit es aber gänzlich besser mit ihr wird,« sprach der
Junge, »muß sie jeden Tag auf dem Hofe die frische Luft genießen; sonst
möchte sie einen Rückfall bekommen.« Jetzt ging es zu dem Vogel. Sobald
ihm der Junge mit seiner Ruthe über die Federn strich, hob er den Kopf,
putzte sich und sprang munter in seinem Käfig umher. »Er muß aber vor
die Thür in die frische Luft gehängt werden,« sprach der Junge, »sonst
möchte er einen Rückfall bekommen.« Nachdem der Vogel kurirt war, gings
an den Schimmel. Sobald ihm der Junge nur mit der Ruthe über den Rücken
strich, war er so munter wie vorher. »Er muß aber täglich Bewegung in
frischer Luft haben,« sprach der Junge, »sonst möchte er einen Rückfall be-
kommen.« Nun ritt der Junge täglich mit dem Schimmel auf dem Hofe
herum, der Vogel ward vor die Thür gehängt und die Junfer spazierte zu
ihrer Erholung in der frischen Luft herum.
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Einstmals, da der Junge wieder den Schimmel ritt und die Junfer auf
dem Hofe spazierte, nahm er den günstigen Augenblick wahr, wo ihn keiner
beachtete, hob die Junfer vor sich aufs Pferd, riß den Käfig mit dem Vogel
von der Wand und jagte davon, so schnell er nur immer konnte. Der König,
dem das gemeldet ward, hieß sogleich seine Diener zu Pferde steigen, daß sie
den Jungen verfolgen sollten; aber der Schimmel lief wie der Wind über
Hagen und Zäune, so daß die, welche ihn verfolgten, bald wieder umkehrten,
weil sie wohl einsahen, wie vergeblich es war, den Flüchtigen noch weiter
nachzusetzen.
Der Schimmel rannte nun in vollem Galopp immer weiter und weiter
über den Strom und die Brücke bis vor das Schloß, welches war verwünscht
gewesen; da stand er still, als wenn er nun zu Hause w7äre; ars sie aber
hineingingen, wraren alle Zimmer fest verschlossen und war zu keinem der
Schlüssel zu finden. Nun wohnten da um das Schloß herum Leute, die fragte
der Junge, ob sie nicht die Schlüssel zu dem schönen Schlosse wüßten.
»Nein!« sagten die Leute, »die sind verloren gegangen; wer sie aber findet,
der ist Herr des Schlosses und König über das ganze Land.« Da ging der
Junge betrübt zu seinem Schimmel und sprach: »Lieber Schimmel, wir müssen
wohl weiter reisen, denn was hilft uns nun das schöne Schloß,' da wTir doch
nicht wissen, wo dazu die Schlüssel sind.« »Nur nicht verzagt«, entgegnete
der Schimmel; »es läßt sich wohl noch Rath schaffen; als du damals mit der
Junfer über die Brücke rittst, ließ sie die Schlüssel in den Strom fallen;
vielleicht kann dir der König der Fische sie wieder suchen.« Da erinnerte
sich der Junge daran, was der Fisch ihm versprochen hatte, als er ihm die
Freiheit wiedergab, lief schnell an den Strom und rief: »König der Fische,
König der Fische!« Kaum hatte er das gesagt, so kam der Fisch ans Ufer
geschwommen und fragte: »Was steht zu Diensten?« Sprach der Junge : »Es
ist schon eine gute Zeit her, da hat eine Junfer ein Bund Schlüssel hier von
von der Brücke ins Wasser fallen lassen ; wenn du mir das wieder schaffen
könntest, so geschähe mir ein großer Gefallen.« »Was in meinen Kräften
steht, will ich thun!« entgegnete der König der Fische; und alsbald rief er sein
Volk zusammen und machte bekannt, so und so, zu der und der Zeit, an
der und der Stelle wäre ein Bund Schlüssel von der Brücke ins Wasser ge-
fallen und verloren gegangen, und wer das wieder fände, der sollte eine gute
Belohnung haben. Sieh da! da entstand ein Gewühl und Gewimmel unter
den Fischen; der eine schwamm hierhin, der andere schwamm dahin, denn
jeder wollte gern die Belohnung empfangen ; es dauerte auch nicht lange,
so kam einer von den Fischen eilig wieder angeschwommen und meldete dem
Konige : Das Bund Schlüssel wäre da, aber es läge ein großer, allmächtiger
Wallfisch darauf, der wolle nicht von der Stelle rücken.« »Da wollen wir
bald zukommen I« sprach der König; »dazu haben wir den Sägefisch mit seiner
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langen Säge. Rufe mir doch mal gleich Hiner den Sägefisch her! Der Sägefisch
wurde gerufen und kam und sprach : »Was giebt's? Sprach der Konig zu ihm:
»Hör mal! So und so! Es liegt ein Wallfisch auf einem Bunde Schlüssel und
will nicht von der Stelle; du kannst ihm wohl mit deiner langen Säge ein
wenig in den Bauch schneiden, dann wollen wir doch mal sehen, ob der
Flegel nicht rücken kann." Der Sägefisch schwamm fort und hin und sägte
dem Walltisch in den dicken Bauch. Aul schrie der Walllisch; ich sage
dir, du läßt das? Aber das half ihm nichts, er mußte doch zuletzt ein wenig
autlichten ; da zogen die Fische das Bund Schlüssel hervor und brachten es
ihrem Könige; der Konig gab es dem Jungen, der Junge bedankte sich und
lief damit nach dem Schlosse und öffnete all die prächtigen Zimmer, und war
nun Herr des Schlosses und König über das ganze Land und heirathete die
schöne Junfer; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch bis
heute und auf diesen Tag.
37. Aschenpüeling (Aschenputtel).
Et was äis en deren, da moste jümmer buten up der däl in der aschen
liggen un kreg nicks täo äten anse aschenmäos un aschenpannkäoken ; weil nu
öhre kleder darvan jümmer ganz vull aschen wören, säo nöme sä öhre stäif-
mutter nich anders ans : Aschenpüeling (aschenpfühlchen). Der fräoen öhre beiden
rechten döchter güngen awerst in gladden kledern, putzen sick den ganzen
dag un döen nicks anse dat sä mit öhrer süster schüllen, jüst anse de mutter,
un wenn et wör wat täo danzen gaf, säo gung et nich anders, säi mosten
ok hen; ünderdess moste Aschenpüeling innehöen un wöre doch ok geren
meegaen.
Nu hat et sick äis täo edrägen, dat de könig hochtit häilt un en gröte
festlichkeit anstelle, dartäo word ok de stäifmutter enödiget. Ans säi sick
mit öhren beiden döchtern dat hochtitstüg antog un Aschenpüeling dabi helpen
moste, »Mutter, säe do Aschenpüeling; »wäset säo gäot un latet mi doch ok
mehe na der hochtit gaen, wenn't ok man up äine stünne is. »Süh äis ! säe
de stäifmutter un köre ganz spitz; »du Aschenpüeling wut naer hochtit! Hier
gäit eck di en himpen saat, un en himpen asche tä hope, wenn du däi weer
ut enander esocht hast, denn konnst du ok mehe up de hochtit gaen.« Do
göt öhr dat wif en himpen saat un en himpen asche te hope un gung mit
öhren beiden döchtern weg up de hochtit.
Aschenpüeling fong awerst bitterlich an täo grinen, un dat harte blödde
öhr, dat säi nich ok meh gaen dröfte, un sä dachte an öhre verstorbene mutter,
bi der harr säi't jümmer säo gäot ehatt. »Ach, gott«, säe säi, sintdeme min
mutter dote is, hebbe ek doch näine frohe stünne mehr. Säi word säo be-
dreuwet un dat harte word öhr säo swär, dat säi in'n huse nich bliben könne
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un des abends henut gung up den kerkhof an dat graf öhrer verstorbenen
mutter; dar sette säi sick dal un green öhre bittersten tränen. Do gaf de läiwe
gott der mutter de gnade dat säi spräken un sick bewegen könne. Säi fong
in Öhren sarke an täo kloppen un säe: »Min läiwe kind ! wat grinst du doch
säo viäl un last mi näine ruhe hier in minen grawe!« »Och, mutter, mutter«,
säe do Aschenpüeling; »min harte is säo swar un mine ogen sind roth van
grinen; nu du dote bist, nu hebbe ek doch näine freide un frohe stünne mehr
up düsser weit; mi wör dat beste dat ek ok störwe un läige bi di in der
kolen eren«; un do klage säi öhr, dat säi't säo siecht harre, dat säi nich satt
täo äten kriäge, un öhre stäifmutter un stäifsüstern wören jümmer säo flätsch
gegen säi«. »Was man sille, min läiwe kind, un hör up täo grinen«, säe do de
mutter un recke öhr en lütken stock ut'n grawe; »hier nimm düssen lütken
stock un ga hen achter use hüs, dar steit en Alhörenböm, wenn du dar mit
den stocke ansieist un wünschest di wat, säo kummt ut den böme alles herut,
wat du man hebben wut. Nu lat awerst ok din grinen un benimm mi de ruhe
nich in minen grawe « Ans säi dat esegt harre, wörd säi stille un släip weer
in öhren sarke ans värher. Aschenpüeling awerst wische sick nu de tränen af,
nam den lütken stock, un weil säi den ganzen dag nicks ekriägen harre ans
aschenmäos un aschenpannkäoken un hungrig was, säo gung säi1 achter öhr
hüs un släog an den Alhörenböm un wünsche sick wat täo äten. Do kam
ut den bome herut suer un kartuffeln mit speck darawer gebraet, dat möchte
Aschenpüeling van allen spisen an't läiweste äten. Ans säi sick nu orntliken satt
egiäten harre do säe säi: »Nu will eck ok na'r hochtit up dat königliche sloss!«
släog mit öhren stocke an den Alhörenböm un wünsche sick en glatt kled un
en paar näie schäoe. Kum dat säi dat wörd esegt harre, säo kam ut den böme
herut en wunderhübsch witt kled mit roen stippen un en paar schäoe, da wören
ganz van golde. Do wosch sick de deern, kämme öhre haare un tog dat gladde
kleed un de goldenen schäo an; säo gung säi hen na'r hochtit up dat könig-
liche sloss, un ans säi in den saal tratt, verwundern sick alle lue awer de
wunderschöne dame; doch niemand wusste wer säi was, ok nich öhre stäif-
mutter un öhre beiden stäifsüstern.
Nu was dar up der hochtit ok en jungen riken prinz, ans däi de schöne
dame sach, kreg häi 'se glik täon danze her, un den ganzen abend danze häi
mit süss näiner ans man jüst mit öhr, un drücke öhr de hand un läit säi nich
ut'n ogen, wo säi gung un stund. In der morgentit, do de lue bolle na hüs
güngen, make säi sick awerst van ohne los un läip weg; häi geswinde achter
öhr an un wolle säi na hus begleiten, könne säi awerst doch nich weerekriegen;
man bi den graden lopen harre säi äinen van öhren goldenen schäon verlaren,
den fund de prinz, un ans häi damee bi de lucht kam, sach häi dat de schäo
säo lütk un zierlich was, ans häi in sinen liäben noch näinen esäen harre. »De
schöne dame mot mine weren, anders wcre eck nich froh!« dachte häi un gung
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na'n bedde; man häi könne näin oge täo däon, denn jümmer un jümmer
moste häi an de schöne dame denken.
De deern was awerst van den slosse geswinde weer na hüs un ünder
den Alhörenböm elopen, dar tog säi sick erst ör ole tüg weer an un läe sick
darna bi den fürheerd in da aschen; dat hübsche witte klüd mit den roen stippen
un de äine goldene schäo verswünnen awerst weer in den böm henin. Mit-
dessen säo kam ök de stäifmutter mit öhren beiden döchtern na hüs. »Wöerst
du nu fliedig ewäsen, du Aschenpüeling, säo harrest du ok mee up de hochtit
gaen könnt«, säe de stäifmutter; »da harrst du äis säen schöllt, wat dar vär'ne
hübsche dame was, da könne säo glad danzen un harr en slötewitt kled an
mit roen stippen un schäoe, da wören ganz van golde.« Dat säe awerst de
stäifmutter man jüst, ümme der deern dat harte recht swar täo maken. Man
Aschenpüeling sweg still; säi wusste jo wol, wer de schöne dame ewäsen was.
Den andern dag läit de prinz bekannt maken : häi harre gistern abend
en lütken goldenen schäo efunnen , welker deern da schäo passe, da schölle
sine gemalinne weren.« Häi gung mit sinen schäo hüs bi hüs, man dar was
näine, der de schäo passen döe. An't leste kam häi ok in dat hüs der stäif-
mutter. Do moste de ölste dochter den schäo an't erste anproberen; da hacken
was awerst täo lang. Do gung de mutter mit öhr henüt in de kamer, nam
dat bil un haue van den hacken en stück af; nu passe de schäo, de prinz nam
de deern vär sick up sin pärd un rct dermee nä sinen slosse hentäo. Säi mosten
awerst dör en grot holt, dar satt up'n bome en rabe, de räip:
»schäo vull bläot, schäo vull bläot!
et is de rechte nich, et is de rechte nich!«
Do sach de prinz, dat der deern dat bläot üt'n schäon läip, dreie sin pärd
herum un brochte säi weer na örer mutter un säe: >Dat is de rechte nich!
hebbe ji süss näine dochter?« Nu moste de twäite dochter den schäo anpassen;
der was awerst de grote teen täo lang. Do gung de mutter mit ör henüt,
nam dat bil un haue den teen af; nu passe de schäo; de prinz nam de deern
vär sick up sin pärd un ret darmee na sinen slosse hentäo. In den holte
satt awerst weer de rabe de räip :
»schäo vull bläot. schäo vull bläot!
et is de rechte nich, et is de rechte nich!
Do sach de prinz, dat der deern dat bläot ut'n schäon läip, dreie sin pärd
herum un brochte säi weer na örer mutter un säe: »Dat is ok de rechte nich!
hebbe ji süss näine dochter mehr?« »Ja!« säe de stäifmutter, »wi hebbet dar
noch säo'n Aschenpüeling, däi is awerst säo smutzig, dat säi sick vär lüen nich
kann säen laten.« »Latet säi doch äis herinkuomen «, säe de prinz. Do moste
Aschenpüeling in de dönzen kuomen un passen ok den goldenen schäo an un
süh dar! häi satt wie angegaten. Do kek de prinz der deern nipe in de ögen
un sach nu wol, dat dat sine schöne dame van gistern abend was. Vuller
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freiden nam häi se nu vär sick up sin pärd un reet dermee na sinen slosse
hentäo, un ans säi bi den raben värbi käimen, do släog däi mit den fittken
un nickköppe un räip:
»dat is de rechte, dat is de rechte!«
»Ja, min vuogel ! dat is de rechte un schallt ok bliben nu un alle tit!« säe
de prinz un reet mit sinen läiwen Aschenpüeling up sin sloss un häilt hoch-
tit mit ör, de dure acht dage lang.
38. Friedrich Goldhaar.
Vor dieser Zeit ist mal ein armer Mann gewesen, der hatte einen einzigen
Sohn mit Namen Friedrich; und es begab sich, als er grade sechzehn Jahre
alt war, daß an dem nämlichen Tage ein Wagen mit vier Hengsten bespannt
vor des Mannes Thüre hielt, da stieg ein vornehmer Herr heraus, trat ein
und fragte den armen Mann, ob er ihm nicht einen Knecht wüßte, der Friedrich
hieße und grade sechzehn Jahre alt wäre. »Da kommt Ihr eben in das rechte
Haus,« sagte der Mann, »mein Sohn Friedrich hat heute seinen sechzehnten
Geburtstag.« Sprach der Fremde: »So will ich ihn, wenn es Euch recht ist,
in meine Dienste nehmen und will Euch im voraus den Lohn befahlen, aber
nur unter der Bedingung kann er mein Knecht sein, daß er sieben volle
Jahre aushält und in den sieben Jahren niemals zu Hause geht.« Damit war
der Mann zufrieden; der Fremde warf einen schweren Beutel mit Geld auf
den Tisch, nahm seinen Knecht Friedrich mit in seinen Wagen und fort
gings wie der Wind, daß den vier Hengsten die Mähnen sausten. Eine Stunde
mochten sie wohl gefahren sein, da ließ der Herr den Wagen halten und
sprach: »Friedrich, sieh mal hinaus!« »Ja Herr!« »Friedrich, was siehst du?«
»Ach Herr«, sprach Friedrich, »ich sehe ein schönes Schloß, das liegt nicht
weit von hier.« Sprach der Herr: »Hier hast du meine Uhr, Friedrich, die ist
grade zehn ; nun geh, derweil ich auf dich warte, nach dem Schlosse, da
wirst du gut bewirthet werden, aber Punkt elf, nicht früher und nicht später,
gehst du wieder fort, und was man dir dann giebt, das bringe mit.« »Gut,
Herr!« sprach Friedrich und ging in das Schloß; da waren viele Diener, die
trugen gutes Essen auf und luden den Friedrich zum Sitzen ein. Der ließ sich
auch nicht lange nöthigen, aß und trank nach Herzenslust und nachdem, da
es ihm bald Zeit dünkte, sah er nach der Uhr, und weil es nahe vor elfe
war, so brach er auf zum Weitergehen. Da wurde ihm ein Hammelbraten
gereicht, den nahm er mit, wie ihm sein Herr befohlen hatte. Als er nun
wieder an den Wagen kam, fragte der Herr: »Nun, Friedrich, was bringst du
»O Herr, die haben mir einen Hammelbraten gegeben!« »Schön!
Friedrich,« sprach der Herr, >lege ihn nur hinten in den Kutschkasten, wir
werden ihn heute wohl noch nöthig haben.« Friedrich that, wie ihm geheißen
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war. Dann stieg er wieder zu seinem Herrn in den Wagen, und fort gings
wie der Wind, daß den vier Hengsten die Mähnen sausten.
So mochten sie wohl eine Stunde gefahren sein, da ließ der Herr den
Wagen halten und sprach: »Friedrich! Sieh mal hinaus!« »Ja Herr!«
»Was siehst du, Friedrich? »O Herr, ich sehe nicht weit von hier ein
Schloß, das ist noch viel schöner als das erste war.« Sprach der Herr: »Hier
hast du meine Uhr, Friedrich, die ist gerade zwölf; nun geh, derweil ich
auf dich warte, in das Schloß, da wirst du noch besser bewirthet werden als
das erste Mal; aber Punkt eins, nicht früher und nicht später, gehst du wieder
fort, und was man dir dann giebt, das bringe mit!« »Gut, Herr!« sprach
Friedrich und ging in das Schloß; da waren noch viel mehr Diener als in
dem ersten Schloß; die trugen Speisen und Weine auf von allen Sorten und
luden den Friedrich zum Sitzen ein. Er ließ sich auch nicht lange nöthigen,
aß und trank nach Herzenslust und als die Uhr nahe vor eins war, rüstete
er sich zum Weitergehen. Da wurde ihm ein Gänsebraten gereicht, den
nahm er mit, wie ihm sein Herr befohlen hatte. Als er nun wieder zurück
an den Wagen kam, so fragte der Herr: »Nun, Friedrich, was bringst du
mit?« »O Herr, sie haben mir diesmal einen Gänsebraten gegeben!« »Schön!
Friedrich; lege ihn nur hinten in den Kutschkasten, wir werden ihn wohl
heute noch gebrauchen können.« Friedrich that, wie ihm geheißen war; dann
stieg er wieder zu seinem Herrn in den Wagen, und fort gings wie der
Wind, daß den vier Hengsten die Mähnen sausten.
Eine Stunde wohl mochten sie so gefahren sein, da ließ der Herr den
Wagen zum dritten Male halten und sprach: » Friedrich 1 Sieh mal hinaus!«
»Ja Herr!« »Friedrich, was siehst du nun?« »O, Herr! Nun sehe ich
nicht weit von hier ein Schloß, das ist so schön, wie ich in meinem ganzen
Leben noch keins gesehen habe.« Sprach der Herr: »Hier, Friedrich, hast
du meine Uhr, die ist grade Zwei; nun geh, derweil ich auf dich warte, in
das Schloß, da wird man dich bewirthen, wie noch nie; aber Punkt drei Uhr,
nicht früher und nicht später, gehst du wieder fort und was man dir dann
giebt, das bringe mit.« »Gut, Herr!« sprach Friedrich und ging in das Schloß;
da war ein Leben und Gewühl von Dienern, nicht anders wie an eines Königs
Hofe, die trugen die köstlichsten Speisen und Weine auf und luden den
Friedrich zum Sitzen ein. Er ließ sich auch nicht lange nöthigen, aß und
trank nach Herzenslust und als die Uhr nahe vor drei war, rüstete er sich
zum Weitergehen. Da wurde ihm ein Schweinsbraten gereicht, den nahm
er mit, wie ihm sein Herr befohlen hatte. Als er nun wieder zurück an den
Wagen kam, so fragte der Herr: »Nun, Friedrich, was bringst du diesmal
mit?« »O, Herr; sie haben mir einen Schweinsbraten gegeben.« »Schön,
Friedrich; lege ihn nur hinten in den Kutschkasten; wir werden ihn wohl
heute noch gebrauchen können.« Friedrich that, wie ihm geheißen war; dann
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stieg er wieder zu seinem Herrn in den Wagen und fort gings wie der
Wind, daß den vier Hengsten die Mähnen sausten.
Wohl eine Stunde mochten sie so gefahren sein, da ließ der Herr zum
vierten Male halten. »Friedrich!« sprach er wieder; »sieh mal hinaus!« »Ja
Herr!« »Friedrich», was siehst du denn nun?« »O Herr, ich sehe nicht
weit von hier ein Schloß, das ist so erbärmlich schlecht, wie ich in meinem
ganzen Leben noch keins gesehen habe.« »Das ist aber gerade das Schloß,
mein lieber Friedrich, wo du die sieben Jahre dienen mußt. Jetzt nimm die
drei Braten, die wirst du gut gebrauchen können; denn um auf das Schloß
zu kommen, mußt du durch drei Pforten ; vor der ersten liegt ein Löwe, vor
der zweiten ein Bär, vor der dritten ein Wildschwein ; dem Löwen gibst du
den Hammelbraten, dem Bären den Gänsebraten und dem Wildschwein den
Schweinsbraten, so werden sie dich frei passiren lassen; in dem Schlosse
aber wirst du Einen finden, der wird dir deine Arbeit geben. Leb wohl,
Friedrich und halt dich gut!« Friedrich stieg aus, wie ihm sein Herr
befohlen und fort rollte der Wagen wie der Wind, daß den vier Hengsten
die Mähnen sausten.
Als Friedrich nun auf das Schloß wollte, so lag vor der ersten Pforte
ein Löwe, dem gab er den Hammelbraten; vor der zweiten Pforte lag ein
Bär, dem gab er den Gänsebraten, vor der dritten Pforte aber lag ein Wild-
schwein, dem warf er den Schweinsbraten hin; da ließen ihn die Thiere frei
in das Schloß hinein. Kaum war er eingetreten, so kam ihm gleich ein
graues Männchen entgegen. »Sieh! Friedrich! Bist du da?« sprach das
Männchen; »auf dich habe ich schon lange gewartet. Nun merk auf! Hier
hast du ein kleines Stöckchen, damit kannst du dir das nöthige Essen schaffen.
In meinem Stalle steht sodann ein Schimmel und ein Esel; dem Schimmel
giebst du Aas zu fressen, dem Esel Heu; thust du aber anders und giebst
dem Schimmel Heu und dem Esel das Aas, so mußt du sterben. Ferner
siehst du da im Hofe zwei Brunnen; aus dem einen, der offen ist, kannst du
trinken und auch dem Vieh daraus zu saufen geben, der andere ist mit einer
Fallthüre verschlossen, da darfst du aber niemals hineinsehen; thust du's doch,
so mußt du sterben. Noch eins! Merke dir diese Zimmerthür; läßt du dir
jemals einfallen, sie auf zu machen, so mußt du sterben. Nun weißt du
was du zu thun und wie du dich in deinen sieben Dienstjahren zu verhalten
hast. Adieu!« Damit ging das Männchen fort.
Friedrich trat nun seinen Dienst an, fütterte zur rechten Zeit den Schimmel
mit Aas und den Esel mit Heu und tränkte sie aus dem offenen Brunnen,
wie das Männlein ihm geboten hatte. Mit Hülfe seines Stöckleins wünschte
er sich Essen herbei, so viel er mochte; hüthete sich auch wohl in den ver-
verdeckten Brunnen zu sehen oder das verbotene Zimmer aufzumachen. So
vergingen drei Jahre. Nun hatte er aber, da er so plötzlich von Haus fort-
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gekommen war, nicht daran gedacht, Kamm und Scheere mitzunehmen, darum
wuchs ihm sein Haar zuletzt so lang, daß es in verwilderten Locken tief über
seinen Nacken hinabwallte.
Drei Jahre lang hatte er pünktlich gethan, was ihm befohlen war, da
faßte ihn ein heftiges Verlangen, einmal zuzusehen, was wohl in dem ver-
botenen Zimmer sein möchte. Kaum aber hatte er die Thüre aufgemacht,
so schlug ihm daraus mit Qualm und Dampf die heiße, lichte Lohe entgegen,
und in demselben Augenblicke erschien auch das graue Männchen, das sich
sonst in den drei Jahren gar nicht wieder hatte sehen lassen. »Friedrich,
du hast geguckt!« sprach es drohend; »diesmal soll es noch so hingehen; thust
du es aber noch ein einziges Mal wieder, so mußt du ohne Gnade sterben!«
Damit verschwand es. »Ich werde mich wohl hüthen,« dachte Friedrich; »in
einem Zimmer voll Feuer und Flammen habe ich nichts zu suchen.«
So ging wieder ein Jahr dahin; er that pünktlich, was ihm befohlen
war, fütterte den Schimmel mit Aas und den Esel mit Heu und tränkte sie
aus dem offenen Brunnen. Aber einstmals, da er wieder Wasser schöpfte,
trieb ihn doch die Neugierde so sehr, daß er hinging und den verdeckten
Brunnen aufmachte und sich hinüberbeugte, zu schauen, was wohl darinnen
wäre. Mit dem so fielen seine langen Locken in das Wasser hinab, und als
er sie zurückzog, waren sie, so weit das Wasser gereicht, ganz golden ge-
worden. Da schöpfte er mit den Händen noch mehr von dem Wasser und
wusch sein ganzes Haar damit, das glänzte nun mit sammt den Händen wie
eitel Gold. In dem nämlichen Augenblicke erschien aber auch schon das
graue Männchen wieder. »Friedrich!« sprach es drohend; du hast geguckt!
Thust du das noch ein einziges Mal, so mußt du sterben ohne Gnade und
Barmherzigkeit.« Damit verschwand es. Friedrich aber, dem die Sache noch
jedesmal so glücklich abgelaufen war, nahm sich vor, nun auch dem Schimmel
nicht mehr Aas, sondern Heu und dem Esel nicht mehr Heu, sondern Aas
zu geben. Gedacht, gethan. Sobald aber der Schimmel das Heu zu fressen
kriegte, fing er mit einem Male zu sprechen an. »Friedrich,« sprach der
Schimmel, »es wird uns beiden schlimm ergehen, wenn wir nicht suchen zeitig
von hier weg zu kommen; heut Mittag um zwölf halte dich zur Flucht
bereit, aber vergiß nicht, meinen Kamm, meine Bürste und meinen Staub-
lappen mitzunehmen, sie können uns vielleicht von größtem Nutzen sein.«
Friedrich, dem es auf dem alten einsamen Schlosse auch gar nicht mehr recht
gefallen wollte, that wie der Schimmel ihm geheißen hatte; er umwickelte
sich aber Kopf und Hände mit Tüchern, daß von dem Golde nichts mehr
zu sehen war, dann sattelte er den Schimmel und Punkt zwölf Uhr schwang
er sich auf und jagte ins Weite, so schnell der Schimmel nur laufen konnte.
Nicht lange waren sie geritten, da rief der Schimmel: ^Friedrich, sieh
dich mal um, ob auch wer kommt!« »O weh!« sprach Friedrich, »ich sehe
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das graue Männchen, das ist schon ganz dicht hinter uns!« »So wirf schnell den
Kamm zurück!« Friedrich that es und alsbald wurde daraus ein langer tiefer
Graben, den mußte das Männchen erst umgehen, eh es weiter konnte. Aber
es dauerte nicht lange, da rief der Schimmel wieder: »Friedrich, sieh dich
mal um, ob auch wer kommt!« »O weh«, sprach Friedrich; »ich sehe das
graue Männchen, das ist schon wieder ganz nahe hinter uns.« »So wirf
schnell die Bürste zurück!« Friedrich that es; und sogleich entstand daraus
ein dichter, ganz mit Dorngebüsch durchwachsener Wald, da mußte das
Männchen erst mit Mühe hindurch, ehe es weiter konnte. Aber es dauerte
nicht lange, als der Schimmel zum dritten Male rief: »Friedrich, sieh dich
mal um, ob auch wer kommt!« »O weh«, sprach Friedrich, »ich sehe das
graue* Männchen, das ist schon wieder ganz nahe hinter uns.« »So wirf
schnell den Staublappen zurück!« Kaum war es geschehen, so entstand
daraus ein großes, großes Wasser, das war so tief und gingen so hohe
Wellen darauf, daß das Männlein nicht hinüber konnte und verdrießlich
wieder nach Hause lief.
Friedrich ritt nun gemächlich weiter; und als er gegen Abend über einen
Hügel kam, sah er auf einmal vor sich in der Ebene ausgebreitet eine prächtige
Stadt, deren Thürme glänzten weithin von den Strahlen der rothen Abend-
sonne. Es war das aber die Stadt, wo der König Hof hielt. Nun stand
nicht weit vom Wege ab ein großer hohler Eichbaum, als den der Schimmel
sah, sprach er: »Ich will hier in dem hohlen Baume bleiben; du aber geh
hin an den königlichen Hof und vermiethe dich als Küchenjunge; alle vier-
zehn Tage mußt du aber kommen und mir ein Pfund Brod bringen.« So
blieb der Schimmel in der hohlen Eiche ; Friedrich aber ging an den könig-
lichen Hof und fragte den König, ob er nicht einen Küchenjungen gebrauchen
könnte. »Du kommst mir recht,« sprach der König; »einen Küchenjungen habe
ich gerade nöthig. Aber was heißt denn das? Du hast ja deinen Kopf
und deine Hände verbunden.« »Mit Verlaub, Herr König! Ich habe einen
bösen Grind.« Sprach der König: »So kann ich dich nur unter der Bedingung
in meine Dienste nehmen, daß du des Nachts bei dem Vieh im Stalle liegst.«
Friedrich war damit zufrieden und wurde nun des Königs Küchenjunge; das
Gesinde aber nannte ihn nicht anders als den Grindhans, darum, daß er
Kopf und Hände stets verbunden trug.
Nach vierzehn Tagen ging er zu der hohlen Eiche und brachte dem
Schimmel ein Pfund Brod. Da fragte der Schimmel: »Nun, Friedrich, wie ge-
fällt dir dein Dienst?« »Ach, schlecht,« entgegnete er; »sie schelten mich immer
Grindhans, und dann muß ich auch bei dem Vieh im Stalle schlafen.« Sprach
der Schimmel: »So geh hin zu dem Gärtner, der dicht neben des Königs
Schlosse wohnt, bei dem verdinge dich als Gärtnerbursch. Hier nimm diese
drei Büchsen voll Samen, wenn du den ausstreust, so werden daraus die
schönsten Blumen wachsen. Du darfst aber auch nicht vergessen, mir alle
vierzehn Tage ein Pfund Brod zu bringen. < Friedrich ging nun hin zu dem
Gärtner und fragte, ob er nicht einen Burschen gebrauchen könnte. »Du kommst
mir gerade recht,« sprach der Gärtner; »einen Burschen, wie du bist, habe ich
schon lange gesucht; aber warum hast du dir denn Kopf und Hände verbunden?«
»Mit Verlaub, Herr Gärtner; ich habe den Grind.« Sprach der Gärtner: »So
kann ich dich nicht anders behalten, als wenn du im Gartenhause schlafen
willst.« Friedrich war damit zufrieden; er streute den Samen ins Land, den
ihm der Schimmel gegeben hatte, und bald wuchsen die schönsten Blumen
hervor.
Eines Morgens, da er ganz allein im Garten arbeitete, fiel ihm ein: »Du
hast nun so lange Zeit dein Haar nicht los gehabt, daß es wohl an der Zeit ist,
es einmal zu kämmen.« Darum so machte er das Tuch los, setzte sich an einen
sonnigen Ort und strählte sich das Haar. Das war eine Pracht zu sehen,
wie ihm da die langen goldenen Locken über die Schultern wallten und wie
sie funkelten und blitzten wie lauter Gold in der Morgensonne. Nun lagen
aber die Zimmer der königlichen Prinzessin nach dem Garten hin; in die
strahlte der Sonnenwiderschein von Friedrichs Goldhaar und spielte an den
Wänden, und als die Prinzessin das sah, öffnete sie das Fenster, zu schauen,
woher der ungewohnte Glanz wohl kommen möchte; da sah sie, daß des
Gärtners Bursche mit goldenen Händen seine goldenen Locken strählte, die
schimmerten in so lichtem Scheine, daß die Prinzessin ihre Augen mit
den Händen deckte. Der Bursche gefiel ihr aber so wohl, daß sie sogleich
ihre Dienerin zu dem Gärtner schickte, er möchte ihr doch von den schönen
Blumen aus seinem Garten einen Strauß schicken, aber der Bursche solle ihn
herbringen. Als das Friedrich vernahm, pflückte er einen schönen Strauß,
ging damit aufs Schloß und brachte ihn der Prinzessin ; seinen Kopf, wie
auch seine Hände hatte er aber wieder mit Tüchern umwickelt, daß von dem
Golde nichts zu sehen war. »Grober Schlingel!« rief da die Prinzessin; »warum
nimmst du die Mütze nicht ab? Weißt du nicht, vor wem du stehst?« Ihr
seid die königliche Prinzessin!« entgegnete Friedrich ; »aber meine Mütze kann
ich nicht abnehmen, weil ich den Grind habe. < »Junge, du lügst!« rief die
Prinzessin, sprang auf ihn zu und wollte ihm das Tuch vom Kopfe ziehen,
er aber entwischte ihr und lief weg in den Garten an seine Arbeit. Den andern
Morgen schickte die Prinzessin wieder zu dem Gärtner, er möchte ihr von
den schönen Blumen noch einen Strauß schicken, aber der Bursche müßte
ihn herbringen. Als Friedrich das vernahm , pflückte er einen noch viel
schöneren Strauß als das erste Mal, ging damit aufs Schloß und brachte ihn
der Prinzessin ; sobald er aber in der Stube war, verschloß die Prinzessin die
Thüre. »Grober Schlingel!« rief sie wieder; »warum nimmst du deine Mütze
nicht ab? Weißt du nicht, vor wem du stehst und daß sich das nicht schickt?«
»Ihr seid die königliche Prinzessin,« entgegnete Friedrich; »aber verzeiht!
meine Mütze kann ich nicht abnehmen, weil ich den Grind habe.« »Junge!
Schelm! du lügst!« rief die Prinzessin, sprang auf ihn zu und rang so lange
mit ihm, bis sie ihm endlich das Tuch vom Kopfe zog; da wallten ihm mit
einem Male seine langen goldenen Locken über den Nacken herab. »Das
wüßt ich wohl, du Goldjunge!« rief die Prinzessin voller Freuden; »dich
will ich nun auch zu meinem Gemahle haben, es mag gehen wie es will!«
Und da faßte sie ihn bei den Locken und küßte ihn und konnte sich
gar nicht satt sehen an all dem Glänze, der von dem goldenen Haare
strahlte.
Es währte aber nicht lange, so ward dem Könige hinterbracht, daß sich
seine Tochter zu dem Gärtnerburschen, dem Grindhans, hielte und daß sie
dächte, ihn zu ihrem Gemahl zu nehmen. Darüber gerieth der König in so
heftigen Zorn, daß er der Prinzessin Befehl gab, das Schloß zu verlassen.
Da ging sie hin zu ihrem lieben Gärtnerburschen, mit dem wohnte sie nun
zusammen in dem kleinen Gartenhause.
Es begab sich aber zu derselben Zeit, daß ein mächtiger Feind mit
einem großen Kriegsheere in des Königs Land fiel; da rüstete sich der König,
eine Schlacht zu schlagen. Den Tag vorher aber, ehe der König auszog, kam
Friedrich zu dem Schimmel in der hohlen Eiche und brachte ihm sein Brod.
Da fragte der Schimmel: »Nun, Friedrich, wie gefällt es dir bei dem Gärtner?«
v Recht gut!« entgegnete er. Sprach der Schimmel: »Morgen früh komme
bei Zeiten wieder, so will ich dir einen guten Rath geben.« Als nun Friedrich
am andern Morgen zu dem Schimmel kam, gab ihm der ein Schwert und
sprach : »Es wird nicht lange währen, so kommt der König mit seinem Heere
an dem Strome heraufgezogen ; dann setze du dich ans Ufer und schlage mit
dem Schwerte ins Wasser und sprich dazu: »Einen erhauen, Einen erstochen!«
und wenn das Heer vorüber ist, so komm zurück.« Friedrich that, wie ihm
der Schimmel gesagt hatte. Da nun das Heer heranzog und ihn sitzen sah,
sprachen die Soldaten untereinander: »Seht! da sitzt Grindhans, des Königs
Schwiegersohn!« und spotteten über ihn. Sobald sie aber vorüber waren,
ging Friedrich schnell wieder zu dem Schimmel zurück, der gab ihm zu dem
Schwerte auch noch eine prächtige Rüstung. »Friedrich,« sprach der Schimmel
da, -es wird nun die Zeit sein, wo die Heere gegen einander stoßen, darum
rüste dich und reite auf den Kampfplatz, wenn du dann drei Kreuzhiebe mit
deinem Schwerte thust, so werden gleich dreimal hunderttausend Feinde er-
schlagen liegen, und der König wird heute den Sieg erlangen; verweile dich
aber nicht, sondern reite, sobald es geschehen, hier zu der Eiche zurück, lege
deine Rüstung ab und setze dich an den Strom und thu wie vorhin.« Da
machte Friedrich sein Goldhaar los, rüstete sich, schwang sich auf den Schimmel
und ritt in vollem Galopp dem Heere nach, daß seine goldenen Locken im
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Winde wehten ; und als er auf das Feld kam, wo die Heere an einander waren,
that er drei Kreuzhiebe mit seinem Schwerte, da lagen gleich dreimal hundert-
tausend Feinde erschlagen, die andern flohen. So war an diesem Tage die
Schlacht für den König gewonnen. Da rief der König: "Nun bringt mir den
Reuter mit dem Goldhaar her, daß ich sehe, wer er ist und ihn belohnen
kann, denn er allein hat uns den Sieg erstritten!« Er war aber nirgends
mehr zu finden; denn Friedrich, nachdem die Schlacht entschieden, war sogleich
wieder davongeritten. Er brachte den Schimmel wieder in die hohle Eiche,
legte die blanke Rüstung ab und umwand seinen Kopf mit dem Tuche; darnach
ging er an den Strom und haute mit dem Schwerte ins Wasser und sprach
dabei in einem fort: »Einen erhauen, Einen erstochen; Einen erhauen, Einen
erstochen !«
Da nun das Heer, des Sieges froh, mit voller Musik stromab den Heimweg
zog und die Soldaten den Friedrich an dem Strome sitzen sahen, sprachen sie
untereinander: »Seht ! da sitzt Grindhans, des Königs Schwiegersohn!« Als
sie aber vorüber waren, brachte Friedrich dem Schimmel das Schwert zurück.
Da sprach der Schimmel: »Morgen früh komm wieder und thu, wie du heute
gethan hast, denn es wird noch eine zweite Schlacht zu schlagen sein, weil
des Königs Feinde sich wieder gesammelt haben.« Es kam auch, wie der
Schimmel gesagt hatte.
Den andern Morgen zog der König mit seinem Heere den Strom hinauf,
und die Soldaten hatten über Friedrich ihren Spott und sprachen unter einander:
»Seht! da sitzt der Grindhans, des Königs Schwiegersohn!« Er aber wartete,
bis sie vorüber waren; dann rüstete er sich, schwang sich in den Sattel und
jagte ihnen nach in vollem Galopp, daß seine goldenen Locken im Winde
wallten. Es war auch die höchste Zeit, daß er auf dem Schlachtfelde ankam,
denn schon war des Königs Heer im Weichen. Da schwang er rasch sein
Schwert und that diesmal fünf Kreuzhiebe, da lagen fünfmal hunderttausend
Feinde erschlagen und waren alle todt bis auf den letzten Mann.
Es hatte aber der König diesmal den Befehl gegeben, wenn der Reuter
mit dem Goldhaar wiederkäme, daß man ihn um jeden Preis anhalten, oder,
wenn er entflöhe, auf ihn schießen sollte, so groß war des Königs Verlangen,
zu wissen, wer er war und woher er käme. Da nun Friedrich, als der Sieg
entschieden, rasch davon jagte, und die Soldaten sahen, daß sie ihn nicht
fangen konnten, gaben sie Feuer ; er entkam aber glücklich ; nur eine Kugel
schrammte ihm das Bein.
Nachdem er nun in der hohlen Eiche seinen Waffenschmuck wieder
abgelegt und sein Haar mit dem Tuche umwunden hatte, setzte er sich an
das Wasser; und als das Heer nun unter voller Musik den Strom hinab
marschierte, sprachen die Soldaten spottend: »Seht! da sitzt Grindhans, des
Königs Schwiegersohn!« Er aber kehrte sich nicht daran, sondern brachte,
103
da sie vorüber waren, dem Schimmel das Schwert zurück. Da sprach der
Schimmel: > Jetzt, Friedrich, ist deine Prüfungszeit zu Ende; darum so binde
deine Locken los, rüste dich und ziehe an den Hof des Königs. Erst aber
thu mir den Gefallen und schlag mir den Kopf ab, daß ich nun auch erlöst
werde.« Weil nun der Schimmel so sehr darum bat, so faßte Friedrich das
Schwert und hieb ihm den Kopf ab. Sobald aber das Blut floß, verwandelte
sich der Schimmel in eine schöne Dame, und die war niemand anders, als
die Schwester des Königs, welche in den Schimmel war verwünscht gewesen.
Da ging Friedrich mit ihr an den königlichen Hof und gab sich zu erkennen
und erzählte dem Könige, wie das alles so gekommen war. Da ward auch
die Prinzessin aus dem Gartenhause geholt, und der König vermählte sie nun
mit Friedrich und stellte eine große Hochzeit an; und als sie zur' Kirche
gingen, erstaunte alles Volk und freute sich über Friedrichs goldene Locken
und Hände, die blitzten und funkelten wie lauter Gold im Sonnenlichte.
39. Der Schweinejunge und die Prinzessin.
Da war einmal ein Schweinejunge, der kaufte sich, die Zeit zu kürzen,
eine Pfeife und drei kleine bunte Ferklein dazu, und brachte es durch Zeit
und Fleiß zuwege, daß die Thierlein nach dem Ton der Pfeife gar zierlich auf
zwei Beinen tanzen lernten; Galopp und Walzer, kurzum alle Tänze, wie
sie des Landes Brauch waren. Wenn er dann seine Heerde hinaustrieb in den
Wald und sich da lagerte, so zog er sein Pfeifchen hervor und spielte eine
lustige Weise, und wie er pfiff, fingen die drei Ferklein gleich zu tanzen an
und sprangen munter um ihn herum; das war ihm eine liebe Zeitverkürzung
in der Einsamkeit des Waldes.
Nun traf es sich, daß er einmal hinaustrieb bis vor der königlichen Prin-
zessin ihr Sommerschloß. Da legte er sich unter einen Eichbaum in die
warme Sonne und ließ wieder seine Schweinchen nach der Pfeife tanzen.
Das sah von ihrem Fenster aus die Prinzessin und kam ihr so lieb und drollig
vor, daß sie sogleich ihre Magd zu dem Jungen hinunter schickte und ihn
fragen ließ, ob er nicht von den Ferklein eins verkaufen wollte. »Einen
schönen Gruß von der Prinzessin«, sagte die Magd zu dem Jungen, »und ob
von deinen schönen bunten Ferklein nicht eins zu kaufen wäre?« »Zu kaufen
nicht«, sprach der Junge, »aber abzuverdienen. Sage nur deiner Prinzessin,
wenn ich eine Nacht bei ihrer Kammerjunfer im Bette schlafen sollte, so
würde ich gern von meinen Ferklein eins hergeben:« Mit dem Bescheid ging
die Magd zu der Prinzessin; die trug aber so großes Verlangen nach dem
niedlichen Ferklein, daß sie dem Jungen seinen Willen ließ. Darnach als sie
das Ferklein hatte, kaufte sie sich eine Pfeife und wollte das Ferklein aucli
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tanzen lassen, aber es tanzte nicht; sie spielte die schönsten Tänze, die sie nur
wußte, sie liebkoste das Thier, sie streichelte es, aber das Ferklein tanzte nicht.
»Ach Gott«, rief die Prinzessin da, das Thierchen will gewiß nicht tanzen,
weil es keinen Gespielen bei sich hat; ich muß sehen, daß ich noch eins dazu
kriege.« Sie war aber ganz traurig, daß ihr Ferkelchen gar nicht tanzen
wollte.
Den andern Tag hüthete der Junge wieder sein Vieh in der Nähe des
Schlosses. Da schickte die Prinzessin zum zweiten Male zu ihm, ob nicht
von den beiden Ferklein noch eins zu kaufen stände. »Zu kaufen nicht , ließ
der Junge wiedersagen, »aber abzuverdienen. Wenn ich noch eine Nacht bei
der Prinzessin ihrer Kammerjunfer im Bette schlafen soll, so will ich auch
das andere Ferkelchen hergeben; anders thu ich es nicht.« Die Prinzessin, die
doch gar zu gern das Ferkelchen gehabt hätte, ließ dem Jungen seinen Willen.
Darnach, als sie das Ferklein hatte, brachte sie es zu dem andern, nahm ihre
Pfeife hervor und blies viel schöne Stücklein, aber die Ferklein tanzten nicht;
nun sah sie wohl, daß die Pfeife die Schuld hatte; darum so wartete sie mit
Ungeduld, daß der Junge wiederkäme, ob sie nicht von ihm das dritte Ferkel-
chen sammt der Pfeife erlangen könnte.
Der Junge kam den andern Tag auch richtig wieder an, legte sich unter
den Eichbaum in den warmen Sonnenschein und ließ sein einziges Ferkelchen
nach der Pfeife tanzen, Galopp und Walzer, kurz alle Tänze, wie sie des
Landes Brauch waren. Da schickte die Prinzessin zu ihm hin und ließ fragen.
ob nicht auch das dritte Ferklein sammt der Pfeife zu verkaufen wäre. »Zu
kaufen nicht«, ließ der Junge wieder sagen, »aber abzuverdienen. Wenn ich
diese Nacht bei der Prinzessin selber im Bette schlafen soll, so will ich darum
gern mein Ferkelchen sammt der Pfeife geben.« Als das die Prinzessin ver-
nahm, war es ihr doch ein wenig zu arg; weil sie aber doch gar zu gerne
das Ferkelchen und die Pfeife gehabt hätte, so ließ sie dem Jungen sagen, ob
es ihm nicht einerlei wäre, wenn er noch eine Nacht bei der Kammerjunfer
im Bette schliefe. »Ne!« antwortete der Junge, hier ist nichts zu handeln.
Wenn die Prinzessin nicht will, was ich gesagt habe, so ist es auch gut, so
behalte ich mein Ferkelchen und meine Pfeife.« Da sah die Prinzessin wohl
ein, daß kein anderer Rath war, sie mußte dem Jungen seinen Willen lassen.
Nun hatte sie aber auch alle die drei kleinen bunten Ferklein beisammen, die
tanzten gar drollig nach dem Tone der Pfeife, Galopp und Walzer, kurz alle
Tänze, wie sie im Lande Brauch waren, und das war für die Prinzessin so
ergötzlich, daß sie gar nicht müde ward, den Thierchen aufzuspielen. Dem
Jungen aber, nun er seine Ferkelchen und seine Pfeife nicht mehr hatte, ge-
fiel es in der Gegend gar nicht mehr; darum so begab er sich aut die Wander-
schaft und ging ein gut Stück Weges in die weite Welt hinein.
Es begab sich aber zu derselben Zeit, daß der König in allen Ländern
105
bekannt machen ließ, wer das Muttermal errathen könnte, das die Prinzessin
an ihrem Leibe hätte, der sollte sie zur Gemahlin haben, er sei arm oder
reich, hoch oder niedrig; wer aber käme und könnte es nicht errathen, der
müßte den Kopf und dazu das Leben lassen. Da nun diese Kunde dem
Schweinejungen zu Ohren kam, machte er sich alsbald auf den Heimweg,
denn er gedachte das Räthsel zu lösen. Unterwegs gesellte sich ein Pfaff zu
ihm, der fragte ihn wohin? und woher? und in was für Geschäften er wäre
ausgegangen? »Ich will hin an den königlichen Hof, « entgegnete der Junge,
ob ich nicht das Muttermal der Prinzessin errathen kann.« Sprach der Pfaff:
»Weißt du denn schon was davon, mein Sohn? Du möchtest sonst leichtlich
darum den Kopf und dazu dein junges Leben verlieren.« »So recht weiß
ich es noch nicht,« sagte der Junge, »aber soviel ist gewiß, die Prinzessin
hat in der einen Seite drei Haare sitzen.« Als das der Pfaff vernahm, gedachte
er, da er nun das Zeichen wußte, auch sein Heil zu versuchen und dem Jungen
womöglich zuvorzukommen. »Ich bin in derselben Sache ausgegangen, wie
du mein Sohn«, sprach er zu dem Jungen, »darum wollen wir den Weg zu-
sammen gehen, so es dir recht ist.« Der Junge war es zufrieden, und sie
gingen mit einander weiter, bis sie an den königlichen Hof kamen. Da ließen
sie sich sogleich bei dem Könige anmelden, und als der vernahm, um welcher
Sache willen sie gekommen waren, ließ er den Scharfrichter holen, der mußte
sich mit dem blanken Schwerte bereit halten. »So!« sprach der König, »jetzt
kann die Sache ihren Anfang nehmen. Zuerst kommt der Pfaff an die Reihe,
wie billig ist, und dann der Schweinejunge. Also sagt an, Herr Pfaff! Welches
ist. das Zeichen, das meine Tochter an ihrem Leibe hat?« Der listige Pfaff,
der sich schon freute, daß er zuerst an die Reihe kam, sprach schnell: »Drei
Haare in der einen Seite!« »Ganz recht!« sprach der König; »aber, lieber Herr,
in welcher Seite? und dann, wie lang sein sie? und wie dick sein sie? und
wie sehn sie aus?« Da stand nun der Pfaff und ließ sein Maul hängen und
wußte nicht, was er sagen sollte. »Höre mal Pfaff!« fuhr ihn der König an;
> von Rechts wegen müßtest du jetzt einen Kopf kürzer gemacht werden; weil
du aber doch etwas errathen hast, so soll dir für diesmal noch das Leben ge-
schenkt sein!« Damit wandte er sich an den Schweinejungen und sprach:
Nun, mein Junge, jetzt rathe du! Welches ist das Zeichen, das meine Tochter
an ihrem Leibe hat?« »Drei Haare in der einen Seite.« »Ganz recht, mein Sohn!
Aber in welcher Seite?« »In der linken Seite.« »Richtig! Aber nun: wie
lang sein sie? und wie dick sein sie? und wie sehen sie aus?« »Mit Verlaub
Herr König, sie sind so lang und so dick wie Strickstöcke und sind, so wie
mich dünkt, ganz golden.« »Richtig, mein Sohn,« rief da der König; »du
hast es errathen und sollst nun auch die Prinzessin haben, und das von Rechts
So mußte der Pfaff beschämt seines Weges gehn; der Schweine-
junge aber hielt Hochzeit mit der schönen Prinzessin.
106
4o. Der Mordgraf.
Vor tausend Jahren oder länger ist mal ein König gewesen, der hatte
eine wunderschöne Tochter. Da trug es sich zu, daß zur selben Zeit ein
Mann an ihres Vater Hof kam, der nannte sich Graf von Schwarzburg und
bewarb sich um ihre Hand, und weil er schön von Ansehn war, so wurde
ihm die Prinzessin von Herzen zugethan und versprach ihm die Ehe. »Aber,
mein Schatz, wo bist du denn her und wo liegt dein Schloß?« fragte ihn
einstmals die Prinzessin. »Mein Schloßt, entgegnete er, »liegt hinter dem Walde
in der Haide, da wohne ich ganz allein; wenn du mich da besuchen willst,
so komm den Mittwoch, dann will ich sicher zu Hause sein.« Die Prinzessin
sagte es zu; ging aber nicht Mittwoch, sondern Freitag; »denn, dachte sie, es
wird meinem Bräutigam wohl jederzeit recht sein, wenn ich komme, ihn zu
besuchen.« So ließ sie denn am Freitag vier schwarze Pferde vor ihre Kutsche
spannen und nahm nur eine einzige Junfer zu ihrer Begleitung mit. Als sie
nun an den Rand des großen Waldes kamen, sahen sie ganz einsam in der
weiten Haide des Grafen Schloß. Da stieg die Prinzessin, die ihren Bräuti-
gam zu überraschen gedachte, mit ihrer Junfer aus und befahl dem Kutscher
zu warten bis sie wiederkämen. Als sie nun vor das Schloß kamen, lag in
einer Hütte vor dem Thor ein großer, großer Hand, der schlug mit lauter
Stimme drei Mal an: »Hau! Hau! Hau!« und an dem Giebel des Schlosses
hing ein Käfig mit einem großen Vogel, der rief drei Mal: Zurück! Zurück!
Zurück!« Dann war wieder alles ganz still. Es ließ sich auch kein Mensch
blicken und war so öde und unheimlich da; das Schloß stand so allein auf
der weiten Haide; der große Hund, der sonderbare Vogel; die Prinzessin
wurde ganz beklommen, so schaurig kam ihr alles vor; doch ging sie weiter
und in das Schloß hinein. Da stand auf der Diele ein Klotz, darüber war
ein weißes Laken gelegt, und als sie das aufdeckte, so lag ein großes blankes
Beil darunter, und der Klotz war über und über voll Blut; die Prinzessin
wurde ganz beklommen, so schaurig kam ihr das alles vor; doch ging sie
weiter und in den Keller hinein. Da standen viele große Fässer, die waren
voll von eingesalztem Menschenfleische , in dem einen die Finger, in dem
andern die Arme, in dem dritten die Füße, in dem vierten die Beine, in dem
fünften die Rümpfe, aber die Köpfe fehlten. »O weh!« sprach die Prinzessin,
»wir sind in einem Mörderhause.« Weil aber alles still blieb, so gingen sie
auch noch die Treppe hinauf; in dem ersten Zimmer standen zwei gemachte
Betten, in dem zweiten drei, in dem dritten vier, und in dem vierten Zimmer
da hingen an den Wänden herum lauter Mädchenköpfe, das konnte man
wohl erkennen an den langen Haaren. »O weh!« sprach die Prinzessin;
»mein Liebster ist ein Mörder und Mädchenräuber.« Indem daß sie das sagte,
sah sie durch das Fenster, wie ein Mann über die Haide dahergeritten kam,
107
der hatte vor sich auf dem Pferde ein Mädchen sitzen. »Da kommt er schon!«
rief die Prinzessin und wurde blaß wie der Tod; »da kommt er schon, das
ist sein Pferd; wenn er uns hier findet, so ist uns der Tod gewiß!« Und
schnell sprangen die beiden Mädchen die Treppe hinab und wollten aus dem
Hause hinaus, aber in demselben Augenblicke ritt auch der Mörder schon auf
den Hof; da blieb den beiden nichts anderes übiig als sich in den dunkeln
Entenstall zu verstecken, der an der Diele unter der Treppe lag und mit
einer Gitterthüre verschlossen war. Kaum waren sie drin, so kam der Giaf
mit einem wunderschönen Mädchen in das Haus. Er holte ihr aus dem
Keller ein Glas Wein und gab ihr davon zu trinken und sprach: »Nun,
mein Kind, wie schmeckt dir dieser Wein?« »Sehr süß!« sagte das Mädchen.
»Ja!« sprach der Graf, »sehr süß! aber süßer ist das Leben!« Dann brachte
er ihr ein ander Glas und ließ sie wieder trinken und fragte: »Nun, mein
Kind, wie schmeckt dir denn dieser Wein?« »Sehr bitter!« sagte das Mädchen.
»Ja, sehr bitter!« sprach der Graf; »aber bitterer ist der Tod; du mußt jetzt
sterben!« Da mußte sie sich ganz nackt ausziehen; und ob sie gleich laut
weinte und jammerte und vor dem Bösewicht auf ihre Knie fiel und um ihr
Leben flehte, so half es ihr doch alles nichts; er schleppte sie an den Klotz,
er hob das weiße Laken, er hackte ihr mit dem blanken Beile alle ihre schönen
Finger ab. Auf dem einen Finger steckte aber ein schöner Goldring, und
es traf sich, daß der Finger von dem Hiebe bei Seite sprang und sprang
durch die Gitterthüre in den Entenstall und der Prinzessin grade in den
Schooß. Da fing der Mörder nach dem Finger zu suchen an, des Ringes
wegen, und kam mehrmals dicht vor den Entenstall. Den beiden Mädchen,
die darin versteckt saßen, stockte das Blut; sie hielten den Athem an; hätten
sie den geringsten Laut von sich gegeben, so wären sie verloren gewesen.
Zum Glück gab der Mörder sein Suchen auf und ging wieder zu dem un-
glücklichen Mädchen zurück, das weinte und jammerte laut und bat um sein
Leben ; aber es half ihr alles nichts ; der Bösewicht hackte ihr Arme und
Beine ab und zuletzt den Kopf und trug die Stücke in den Keller und salzte
sie ein. Darauf setzte er sich wieder auf sein Pferd, das vor der Thüre an-
gebunden stand, und ritt fort.
Als nun die Prinzessin und ihre Jungfer vernahmen, daß der Graf fort
war, kamen sie aus ihrem Versteck hervor und sahen ihm nach; da war er
schon wieder weit hinten auf der Haide. Den Finger mit dem Goldringe
wickelte die Prinzessin in ihr Taschentuch, und nun liefen sie eilig aus dem
Hause; der große Hund schlug dreimal an: »Hau! Hau! Hau!« der Vogel
schrie; sie liefen über die Haide in den Wald, sie stürzten sich in den
Wagen, sie befahlen dem Kutscher auf die Pferde zu schlagen; so jagten
ld einem fort bis auf den königlichen Hof; da brachen die Pferde todt
zusammen.
108
Den andern Tag kam der Bräutigam der Prinzessin wieder zum Besuch
auf das königliche Schloß; sie ließ sich aber nichts merken, sondern that
ganz freundlich und stellte ein großes Gastmahl an. Da sie nun bei Tische
saßen, brachte die Prinzessin einen Vorschlag, es sollte ein jeder nach der
Reihe eine Geschichte erzählen, sie sei kurz oder lang. Da sprach der Graf,
der ihr an der Tafel gegenüber saß: wer den Vorschlag gethan, der müßte
auch, wie billig, den Anfang machen. »Mir recht !< entgegnete die Prin-
zessin; »so will ich einen Traum erzählen, der handelt von dir, mein Schatz!
Mir hat heut Nacht geträumt, ich wollte dich besuchen und käme durch einen
dunklen Wald auf eine weite, weite Haide ; da stand dein Schloß; und vor
dem Schloß da lag ein großer Hund, der bellte: »Hau! Hau! Hau!« und
an dem Giebel hing in einem Bauer ein wunderlicher Vogel, der rief: »Zu-
rück! Zurück! Zurück!« Es war aber alles nur ein Traum. Ich ging weiter
in das Haus; da warst du, mein Schatz, nicht daheim, denn ich war den
Freitag zu dir gekommen und nicht den Mittwoch, da stand auf der Flur
ein Klotz, der war mit einem weißen Laken zugedeckt, und als ich das Laken
aufhob, fand ich ein großes blankes Beil, und der Klotz war über und über
von Blut roth.« »Halte ein wenig ein, mein Schatz«, sprach der Graf und
war ganz blaß geworden; »ich will mal hinaus; es wird mir hier so heiß «
»Ach nein!« sprach die Prinzessin; »gleich bin ich zu Ende. Es war alles
nur ein Traum, aber es kam mir vor, ich ginge in den Keller, da standen
viele große Fässer, die waren alle voll von eingesalztem Menschenfleische,
und als ich die Treppe hinauf in deine Zimmer kam, da standen in dem
ersten zwei gemachte Betten, in dem zweiten drei, in dem dritten vier, und
in dem vierten Zimmer hingen an den Wänden herum viele Mädchenköpfe,
das sah ich an den langen Haaren. Ist das nicht schrecklich? Es war aber
alles nur ein Traum. Und als ich aus dem Fenster sah, da kamst du, mein
Schatz, über die Haide daher geritten.« »Halte ein wenig ein, mein Schatz,
ich muß mal hinaus; es wird mir hier so heiß.« »Ach nein, mein Schatz!
Bleib noch ein wenig hier; gleich ist mein Traum zu Ende. Wo blieb ich
doch! Ja so! Und als ich aus dem Fenster sah, da kamst du über die
Haide dahergeritten und brachtest auf dem Pferde eine schöne Dame mit.
Ich aber, denke dir nur, mein Schatz, ward bange vor dir und lief in Eile
die Treppe hinab, da versteckte ich mich in den dunklen Entenstall. Es war
aber alles nur ein Traum. Da kamst du mit der schönen Dame in das
Haus und gabst ihr rothen Wein zu trinken.« »Halte ein wenig ein, mein
Schatz; ich muß mal hinaus; es wird mir hier so heiß.« »Ach nein, mein
Schatz; bleib noch ein wenig hier; gleich ist mein Traum zu Ende. Wro
blieb ich doch? Ja so! Du kamst mit der schönen Dame in das Haus und
gabst ihr rothen Wein zu trinken, du schlepptest sie an den Klotz, du
hörtest nicht auf ihr Weinen und Wehgeschrei, du hacktest ihr mit dem
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blanken Beile die zarten Finger ab. Da sprang der eine Finger, worauf ein
schöner Goldring stak, abseit und fiel mir mitten in den Schooß. Du
suchtest ihn, mein Schatz, du konntest ihn nicht finden — hier ist der Finger
mit dem Ring!« Bei den Worten warf die Prinzessin den Finger mit dem
Goldring auf den Tisch. Da wurde der Mörder blaß wie der Tod, er sprang
auf, zückte sein Messer und wollte die Prinzessin erstechen ; aber die Gäste
faßten ihn und banden ihn und übergaben ihn der Wache, und eine Zeit
darnach ward der Bösewicht gerichtet, wie er es verdient hatte.
41. Hans Hinrich Hildebrand und der Pfaffe.
Es war einmal ein Bauer mit Namen Hans Hinrich Hildebrand, der hatte
eine junge hübsche Frau; sie hielt es aber leider mit dem Pfaffen, und weil
sie darum ihren Mann gerne aus dem Wege gehabt hätte, so beredete sie ihn,
er wäre krank und müsse nach dem heiligen Brunn, ob es dann nicht
besser mit ihm würde. Der treuherzige Hans Hinrich machte sich auch alsbald
auf den Weg. Da begegnete ihm der Stutenkerl (Bäcker) mit seiner Stuten-
kiepe. »Nun, Hans Hinrich,« fragte ihn der Stutenkerl, »wo willst du denn
hinzu?« »Ach Gott«, sagte der Bauer, »meine Frau hat gesagt, ich Wäre krank;
nun will ich nach dem heiligen Brunn, ob es da nicht besser mit mir wird «
»Sei kein Tropf, Hans Hinrich«, sprach der Stutenkerl; »deine Frau will dich
nur aus dem Wege haben; was gilts? Heut Abend wird der Pfaff bei ihr sein.«
Als der Bauer das vernahm, kehrte er wieder mit um, und die beiden beredeten
sich und machten einen Anschlag, daß der Bauer sich sollte in des Bäckers
Semmelkorb setzen, so sollte ihn der Bäcker des Abends zu der Frau ins Haus
bringen.
Die Frau hatte auch richtig den Pfaffen eingeladen und hatte ihm ein
gutes Mahl angerichtet, und als sie sich eben zum Essen setzen wollten, da
klopfte der Stutenkerl an die Thür und bot seine Semmeln an. Das war der
Frau eben recht, daß sie nun zu dem Mahle auch frische Semmeln haben
konnte, und in ihrer Freude lud sie den Stutenkerl ein, in die Stube zu
kommen und mitzuessen. »Ja, recht gern!« sagte der Stutenkerl; »aber meine
Kiepe muß ich mit hineinnehmen, es möchte mir sonst hier draußen, der weil
ich esse, der Hund oder die Katze über die Semmeln kommen.« So nahm
er denn die Kiepe, mit dem Bauern darin, der sich mäuschenstill verhielt, mit
in die Stube und hängte sie an einen Haken an die Wand; dann setzten sich
die drei, der Pfaff, die Frau, der Stutenkerl, zu Tisch und aßen und tranken.
- Der Pfaff, da er seinen Bauch wohl gepflegt hatte, ward über die Maßen
munter. Er brachte in Vorschlag, es sollte ein jeder von ihnen ein lustig
Reimlein singen, so gut oder so schlecht, wie's ihm gerade in den Sinn
käme.
Der Pfaff begann und sang:
Weil wir nun gegessen und getrunken haben
Wollen wir einmal recht lustig sein;
Dideldideldum, dideldideldum
Dideldideldideldum.
Dann sang die Frau:
»Mein Mann ist nach dem heiligen Brunnen,
Wird auch wohl sobald nicht wiederkummen;
Dideldideldum, dideldideldum
Dideldideldideldum.«
Jetzt kam die Reihe an den Stutenkerl, der sang:
»Hans Hinrich Hildebrand
Hängt in der Stutenkiepe an der Wand;
Dideldideldum, dideldideldum
Dideldideldideldum.«
In demselben Augenblicke hob der Bauer den Deckel vom Korbe und
sang:
Eck kann nich länger stille swigen,
Eck mot üt miner stutenkiepe stigen;
Dideldideldum, dideldideldum
Dideldideldideldum. «
Bei den Worten steigt der Bauer hervor, nimmt seinen dicken Dornen-
stecken zur Hand und singt dabei:
»Eck mot dem verdammten papen up'et liw,
Dat häi mi blift van minen wif;
Dideldideldum, dideldideldum
Dideldideldideldum«
und prügelte den erschrockenen Pfaffen zum Hause hinaus.
in
II. SAGEN.
Wenn man auch nicht alles glauben kann, was die Leute erzählen, so
hat es doch, das kann ich Euch versichern, ölinges (in alter Zeit) welche ge-
geben, die Künste verstanden. Jetzt ist das freilich nicht mehr so häufig, und
die, welche so was können, kommen nicht mehr so leicht damit durch; das
ist auch nur gut.
I.
Eine Bauerfrau spinnt immer in kurzer Zeit so viel, daß es der Magd
auffällt. Sie bemerkt, daß die Frau die Flachsrolle niemals ganz abhaspelt.
Als die Frau einmal ausgegangen ist, nimmt die Magd alles Garn von der
Rolle ; da sitzt eine schwarze Fliege darauf. Das Mädchen wirft das Thier in
die Mistpfütze vor dem Hause. Die Frau kommt zurück und wird wüthend,
als sie die Rolle leer findet. Sie geht an die Pfütze. und ruft:
»Use maged unverweeten (unbewußt)
hat di ut'n huse smeeten.
kumm, lerche, kumm!«
da kriecht das Thier auf die Rolle zurück und die Magd sieht, daß ihre Frau
eine Hexe ist.
Ein Schuster arbeitet bei einer Frau im Hause, die nicht für echt ge-
halten wird. Die Frau thut heimlich ein Pulver*) ins Butterfaß; da kommt so
viel Butter, daß sie oben aus dem Fasse steigt. Als der Schuster das sieht,
will er das Mittel wissen, und die Frau verspricht es ihm, wenn er an einem
•) Nach einer anderen Erzählung läßt die Frau aus einem Glase Tropfen ins Butterfaß
fallen ; so viel Tropfen, so viel Pfund Butter werden es. — Noch eine andere Erzählung sagt,
daß die Frau sich mit dem Butterfaß unter den Schornstein stellt; da hierdurch bringt ihr der
feurige Drache Butter in Menge.
bestimmten Tage wieder kommt. Er nimmt aber schon heimlich von dem Pulver
etwas mit nach Hause und thut es seiner Frau ohne ihr Wissen ins Butterfaß. Die
Frau, die es merkt, schilt den Mann wegen seiner Hexerei, so daß er in sich
geht. Doch begibt er sich auf den bestimmten Tag zu der Hexe; die hat
den Teufel (Herodes) in ihrer Kammer. Der legt dem Schuster ein Buch
vor, da hinein soll er mit rother Tinte schreiben :
»Eck seh . . . in'n pott
un denk an gott;«
der aber schreibt: »Das Blut Jesu Christi macht mich von allen Sünden rein.
Da fährt der Teufel mit Gestank ab und hinaus und hat ein ganzes Fensterfach
mitgenommen.
3-
Ein Schmied hat einen Gesellen, der legt sich eines Mittags zum Schlafen
auf den Stall. Da kommt die Meisterin herauf, und der Teufel bringt ihr
durch die Bodenluke das Mittagessen : Bratbeeren und Klumpe und Fleisch.
Der Teufel sagt, es wären zwei Augen zu viel, aber die Frau beruhigt ihn.
Wie es zum Essen gehen soll, stellt der Geselle sich krank und klagt über
Leibweh. Dem Meister sagt er, daß seine Frau es mit dem Teufel zu thun
habe, und sie beschließen, die Probe mit ihr zu machen. In der nächsten
Mainacht muß die Frau ihnen beim Schmieden leuchten nnd den Krüsel halten.
Um zwölf läßt sie die Hand sinken und wird ganz steif und starr. Der
Schmied giebt ihr eine Ohrfeige, daß sie umfällt; da ist's ein alter Weiden-
strunk. Am andern Morgen liegt die Frau im Bett und ist ganz krank. Da
wissen sie, daß es eine Hexe ist und übergeben sie dem Gericht.
4-
Wenn in alten Zeiten die Leute einen gewissen Karren xMorgens früh
vor einem Hause stehen sahen, so wußten sie, daß in dem Hause eine Hexe
war. Auf dem Karren wurde sie zur Weser gefahren und da hineingeworfen ;
ging sie unter, so war sie frei; schwamm sie aber oben, so wurde sie ver-
brannt. — Zwei Schwestern sahen eines Morgens, als sie aufstanden, den
Karren vor ihrer Hausthür stehen ; ihre Mutter war eine Hexe, und sie ver-
fluchten die Mutter. Die aber sagte: »Meine Mutter war schlecht, daß sie
mich das Hexen lehrte ; Ihr aber habt eine gute Mutter, die schon vom Teufel
Schläge genug gekriegt hat, daß sie's Euch nicht lehren wollte.«
5-
Ein Junge hat eine Braut, die sammt ihrer Mutter eine Hexe ist. In
der Mainacht versteckt er sich unter's Bett und sieht, wie die Weiber aufstehen
und aus einem Topf ihre Stöcke mit einer Salbe bestreichen, indem sie dabei
8* ti3
sprechen: »Aber hagen un tüne.« Dann ziehen sie zum Fenster hinaus. —
Der Bursche will sehen, wo sie bleiben, machts auch so wie sie, versieht sich
aber und sagt: Dör hagen un tüne.« So muß er durch alle Hecken hin-
durch und kommt ganz zerrissen bei der Hexenversammlung an. — Seine
Geliebte sagt ihm, daß er nichts mitnehmen dürfe als was man ihm gäbe.
Es geht lustig her, sie tanzen und trinken Wein und der Bursche bekommt
ein Weinglas mit goldenem Fuß, das steckt er ein.*) Als alles vorbei ist,
erhält jedes ein Thier zum Nachhausereiten. Der Junge kriegt ein jähriges
Kalb, und es wird ihm gesagt, was auch geschieht, er darf unterwegs bei Leibe
nicht sprechen. Sie kommen an einen großen Fluß; das Kalb springt in einem
Satze hinüber. Da sagt der Junge erstaunt und verwundert: »Das. war ein
Sprung für ein jährig Kalb!« Im selben Augenblick fällt er zur Erde und
bleibt ganz betäubt liegen; das Weinglas in seiner Tasche ist zum Pferdefuß
geworden. Er muß zwei Jahre wrandern, ehe er wieder in seine Heimath kommt.
6.
Friederike Büsching hat diese Geschichte selbst erlebt und mir erzählt:
Als sie noch ein Kind war, ging sie eines Abends zu Leuten, um (,1a Zichorien
zerschneiden zu helfen. Es war eine ganze Gesellschaft versammelt. Ein alter
Kerl, der mit im Hause wohnte, kam auch herein und sagte, er wolle ihr
auch was schenken, weil sie am fleißigsten wäre. So gab er ihr zwei Senf-
birnen, und sie aß davon. Ein Junge, der bei ihr saß, stieß sie mit dem
Ellenbogen an und sagte, sie sollte nicht davon essen, das würde ihr nicht
gut bekommen ; und als sie ihm eine Birne abgab, biß er erst dreimal was
davon und spuckte jedesmal das Stück weg. Dann aß er die Birne. Als sie
nach Hause kam, wurde sie krank, daß sie sich nicht zu helfen wußte; als sie
es dem Pastor erzählte, sagte der, das wäre dummes Zeug. Da wurde nach
Verden zu einem Manne geschickt, der so was kannte und gleich sah, wo's
fehlte. Er schickte ihr etwas zum Einnehmen, und sie "mußte schrecklich
würgen und brachte mit vieler Mühe eine Kielpogge (Eidechse) heraus; die
saß da vor ihr auf dem Bette und sah sie so recht grall an, als wenn sie
sagen wollte: »Wie gefalle ich dir?« dann huckte sie vom Bette hinunter und
war unter der Bettsponde verschwunden. Danach mußte sie noch eine ganze
Menge Kielpoggen von sich geben, worauf es besser mit ihr wurde. Dem
Jungen hatte die Birne nicht geschadet, weil er drei Stücke davon abgebissen
und ausgespieen hatte.
*) Nach einer anderen Erzählung setzt der Junge sich auf einen Baum und sieht zu, was
geschieht. Da wird die Braut geschlachtet und verzehrt. Der Junge nimmt sich heimlich eine
Rippe weg. Als die Hexen mit Essen fertig sind, sammeln sie die Knochen wieder zusammen.
Da fehlt eine Rippe, die können sie nicht finden; sie sagen: »Wenn auch eine Rippe fehlt,
darum können wir das M.uichen nicht todt lassen« und machen es so wieder lebendig.
114
Es gilt auch sonst: Wenn einem ein verdächtiger Trunk angeboten wird,
so muß man, ehe man trinkt, drei Tropfen auf die Erde gießen ; dann bleibt
der Zauber ohne Wirkung.
7-
Bei Lahde (an der Weser) geht ein grüner Jäger um, mit einem drei-
eckigen Hut und hat auf jedem Timpen ein Licht. Ein Schuster, der sich
vor nichts fürchtet, kommt in einer dunklen Nacht über Feld und stößt auf
einen Pflug, hinter dem etwas liegt. »Wän hat de düwel denn dar?« sagt
der Schuster; da steht der grüne Jäger vor ihm und geht immer dicht neben
dem Schuster her. Wenn er ihm gar zu nahe an den Ellenbogen kommt,
so sagt der Schuster barsch: »No!« Dann geht der Grüne weg, drückt sich
aber gleich wieder heran. »No!« sagt der Schuster wieder, und zuletzt hängt
ihm an jedem Haar ein Schweißtropfen. Als endlich der Tag graut, ist der
Spuk verschwunden. Der Schuster aber ist ganz irre gegangen und zuletzt
in den Tannen bei Windheim vor Müdigkeit niedergesunken. Da haben ihn
am Morgen die Leute gefunden. Er hat nicht wieder gelacht und war nach
wenigen Tagen todt. (Diese Geschichte ist vor etwa 16 Jahren pa^irt. Den
Sonntag darauf hat der Pastor davon auf der Kanzel gepredigt und gesagt, die
Menschen hätten in diesem Leben mit allerlei bösen Geistern zu kämpfen.)
8.
Eine Frau wollte noch spät am Abend nach ihrem Dorfe zurück, und,
weil es dunkel war, so folgte sie einem Flämmchen nach, welches sie für ein
Laternenlicht hielt. Aber bald sah sie zu ihrem Schrecken, daß sie in einen
Sumpf gerieth und dicht bei dem verrufenen Tannengebüsch war, wo sich
vor Jahren Einer erschossen hatte. Das Flämmchen war verschwunden, und
plötzlich fielen in den Tannen drei Schüsse, und dicht vor ihr fuhr mit lautem
Gelächter ein Feuerklumpen in die Höhe, so groß wie ein eiserner Kochtopf.
Mit großer Mühe erreichte die Frau das Dorf, als es schon heller Tag war.
9-
In Lahde starb ein Mann, der konnte im Grabe keine Ruhe finden.
Des Nachts kam er wieder und leuchtete mit dem Krüsel in der Stube an der
Brandmauer herum und ging dann still wieder weg. Weil nun die Leute im
Hause gar nicht wußten, was ihm auf dem Herzen lag, sich auch fürchteten,
ijin zur Rede zu stellen, so gingen sie zum Pastor und baten ihn, in der
Stube eine Nacht zu wachen und den Geist anzusprechen. Spät am Abend
kam der Pastor an, setzte sich dem Ofen gegenüber an einen Tisch, legte
seine Bücher vor sich hin und zündete drei Lichter an. Die Leute gingen
zu Bett. Da nun die Uhr an der Wand zwölfe schlug, trat der Geist herein,
117
lautlos, mit dem Krüsel in der Hand. Der Pastor konnte vor Schrecken kein
Wort herausbringen. Als der Geist nach seiner Gewohnheit mit trauriger
Miene an der Brandmauer herumgeleuchtet hatte, trat er an den Tisch, löschte
erst ein Licht, dann das andere; als er aber das dritte auch löschen wollte,
faßte sich der Pastor und redete ihn an: »Alle guten Geister loben Gott den
Herrn. < »Ich auch«, sprach der Geist; »aber ich finde keine Ruhe, weil ich
in die Mauer bei Lebzeiten mein Geld verborgen habe. Gebt drei Theile
meinen Kindern und ein Theil den Armen, dann brauche ich nicht mehr an
dieser Stelle zu wandeln.« Der Pastor versprach es. »So gieb mir die Hand
darauf!« sagte der Geist. Der Pastor reichte ihm seinen Stock, der wurde
ganz schwarz, wie ihn der Todte berührte. Darauf ist der Geist lautlos wieder
gegangen. Am andern Morgen erzählte der Pastor, was ihm begegnet war;
man brach die Mauer auf, fand das Geld und erfüllte den Wunsch des Todten,
der sich von der Zeit an nicht wieder sehen ließ. Der Pastor ist aber bald
darnach gestorben.
IO.
In Ilwese ging ein feuriger Mann um. Weil man nun den kürzlich
verstorbenen N. allgemein im Verdacht hatte, daß er in Grenzs,treitigkeiten
einen falschen Eid geschworen habe und darum nach seinem Tode als feuriger
Mann umgehen müsse, so wollte sich sein Nachbar davon überzeugen. An
einem dunkeln Abend sah er ihn wieder durch den Kamp ziehen, ging eilig
hinaus, folgte ihm und holte ihn zuletzt ein, so daß er eine ganze Weile
dicht neben ihm herging. Da sah er denn, daß es wirklich jener Mann war.
Er trug eine kurze Hose und gelbe Gamaschen, und aus dem Hosenqueder,
rings um die Hüfte, da schlugen die hellen Flammen heraus. Als jener Mann
sich nun genug überzeugt hatte, wollte er wieder nach seinem Hause um-
kehren. Da hing sich plötzlich der feurige Kerl auf seinen Nacken. Den
mußte er mit großer Mühe bis vor seine Hausthüre schleppen, wo er zusammen-
brach. Er kriegte eine zehrende Krankheit und starb bald' nachher.
I I.
Bei Wieden sahl an der Steinstiege vor der Horst beim Pinkenbruche
da sagte immer, wenn es ander Wetter werden will, besonders bei Miester-
wetter, wer: »Guden Abend! Guden Abend!« und führte die Leute, die da
vorbeikamen, in die Irre. Der Borsteler Meier, der eines Tages bei dem alten
Wöltken in Wiedensahl schmieden ließ, wollte noch spät Abends zurück nach
Hause. Er hatte tüchtig einen getrunken, und der Schmied sagte ihm, er
sollte lieber in der Nacht da bleiben und nicht mehr weggehen; er müßte
doch über die Stiege, wo der Gutenabend säße. »Eck bin no nich bange!
Eck will no wol na hus kuomen, eck verlate mi up minen Krückstock:, sagte
118
der aber und ging weg. Als er an die Stiege kam, wurde es mit einem Male
so dunkel und regnicht, daß er gar nichts mehr sehen konnte; da rief es auch
schon: »Guden Abend! Guden Abend!« und er konnte die Stiege nicht finden,
er kam zur Seite an den Hagen, an die Hucht, die da stand, zu grabbeln,
dann wieder vor die Stiege. Da rief es wieder: Guden Abend! Guden Abend!
»Dank lieft!« gab er zur Antwort, eck wünsche di un mi de ewige Seligkeit!
»Up dat woord hew eck nu all hundert jähr 'elurt!" rief der Gutenabend.
Dann ward es still, und der Borsteler Meier fand die Stiege und kam glück-
lich nach Hause. Er erzählte nachher, dabei wäre ihm aber mal schnell sein
Rausch von der Nase gegangen, das könnte er einem versichern. — Darnach
hat sich der Gutenabend nie wieder vernehmen lassen.
12.
In Schlüsselburg lebten zwei Brüder. Als der eine starb, mußte der
andere ihm, da er auf dem Sterbebette lag, versprechen, seine zurückgelassene
Braut zu heirathen. Der Überlebende aber erfüllte dies Versprechen nicht.
Da kam der Todte in jeder Nacht wieder und zeigte sich auf dem Hausboden
und rief: »Fritz soll Gerke hebben!« Fritz ging zum Pastor; der rieth ihm,
den Geist anzureden, wenn er wieder erschiene. Er that es in der nächsten
Nacht; da antwortete der Geist: »Es wird keine Ehe auf Erden gemacht,
sie wird zuvor im Himmel erdacht.« Dann sollte Fritz ihm noch einmal ver-
sprechen, daß er die Gerke nehmen wollte, und sollte ihm die Hand darauf
geben. Da reichte er dem Geist einen Besenstiel, der wurde ganz schwarz.
13-
In Rewelingen Haus in Schlüsselburg stehen einmal in den Zwölften
(Weihnachten bis Heiligen drei Könige) die beiden gegenüber liegenden Seiten-
thüren offen; dazwischen liegt der Feuerheerd. Da geht es plötzlich: »Kift, katf!
Kiff, kaff!« Hackelberg zieht mit dem wilden Heer hindurch und läßt einen
Hund zurück, der bleibt das ganze Jahr da und frißt nichts als Usel*). Der
Hund liegt immer am Heerde, dicht am Feuer, und das Jahr drauf wird er
von Hackelberg wieder mitgenommen. (Ähnliches wird von drei verschiedenen
Häusern in Wiederwahl erzählt; sie sind gleich darnach abgebrannt. — Deshalb
ist es noch heute in manchen Häusern Gebrauch, in den Zwölften die Seiten-
thüren fest zu schließen, sobald es Abend wird.)
In Wiedensahl will eine Frau an einem Sommermorgen den Grasmähern
*) Asche. Usel nannte man besonders die verkohlte Leinwand in den Zunderbüchsen
und den alten Küchenfeuerzeugen für Stahl und Stein. W . B.
119
das Frühstück hinbringen. Sie kommt zu den Wiesen; da sieht sie hinter
einem Hagen einen schlafenden Jäger liegen und seine Hunde schlafen auch;
sie haben ihre Köpfe alle nach dem Jäger hingekehrt, als ob sie an ihm sögen.
Die Frau läuft hin und sagt es den Mähern. Als die kommen, geht es: »Jiff,
jatf! Jitf, jaff!« da zieht er hin. — Es war Hackelberg gewesen, der zog da
weg »über Hagen und Bäume«.
i5-
Der alte Apotheker B. in Wiedensahl kam nach seinem Tode wieder
und trieb es in seinem Hause gar arg; das wurde den Leuten endlich zu
schlimm, und sie gingen nach Stolzenau und holten die Paters. Die beteten
den unruhigen Geist in einen Kessel hinein ; der wurde auf einen Wagen
gebracht und die Paters setzten sich dabei. Der Knecht aber, der den Wagen
fuhr, sah sich um, da wurde der Geist wieder frei. Er warf dem Pater vor,
daß er selber Sünde gethan und sich eine Frau gewünscht hätte; der sagte,
die Sünde hätte er schon vollständig wieder abgebetet. Nach vielem Beten
wurde der Geist wieder in den Kessel und auf den Wagen gebracht. Die
Pferde mußten furchtbar schwitzen und mit aller Kraft ziehen, je näher sie
dem Darlater Holze*) kamen, wo sie den Geist hinbringen wollten. 'Da ließen
sie ihn, und jedes Jahr mußte dem Geiste dafür ein Bund Stroh geliefert
werden, daß er nicht wieder käme. Der Knecht, der den Wagen gefahren
hatte, wurde bald nachher krank und mußte von den Nachkommen des Apo-
thekers B. bis an sein Lebensende ernährt werden. —
Einst waren Leute im Darlater Holze beschäftigt. Sie setzten sich zum
Frühstück unter einen Baum. Der eine rief: »Apotheker B. kumm un ett mehe,
wenn du wutt?« Da kommt ein gewaltiges Rauschen ohne jeden Wind; der
Baum wurde mit der Wurzel ausgehoben und hätte die Leute alle erschlagen,
wenn sie nicht eilig gelaufen wären.
16.
In Stadthagen ist in einem Hause ein unausstehlicher Spuk durch einen
unruhigen Geist. Der wird zum Steinhuder Meere weggefahren, wobei sich
niemand umsehen darf. Dem Geiste wird eine Fülle (Wasserkelle) ohne Boden
mitgegeben ; er darf nicht eher wieder kommen als bis er damit das Meer
ausgeschöpft hat. Als die Leute, die ihn hingebracht haben, sich auf dem
Rückwege umsehen, ist das Schilf am Ufer ganz im Feuer.
In Heimsen (an der Weser) kommt ein verstorbener Bauer des Nachts
•) Darlater Holz: Wald jenseits der 11s, eines kleinen Haches bei Wiedensahl. W. B.
l2o
wieder und pflügt seinen Acker. Ein Verwandter sieht ihn dabei, will ihm
ausweichen, kann's aber nicht mehr. Der Verstorbene bittet, daß er ihn er-
löse; das kann er, wenn er in der folgenden Nacht*) mit seinen Pferden ihm
pflügen hilft. Der Pastor, dem er das erzählt, warnt ihn vor dem Geist; er
aber geht doch hin, und am andern Morgen finden sie den Mann und die
Pferde todt an dem Acker liegen. Der Geist jedoch ist erlöst.
18.
Eine Frau kommt jede Nacht wieder und reitet die Pferde und plagt
sie gewaltig. Dem Pater, der gerufen wird, wirft sie vor, daß er selbst Sünde
gethan hätte; er hätte eine Roggenähre mit der Beinspange an seiner Hose
abgerissen. Der Pater antwortet: die hätte er bezahlt; er hätte einen Sechser
an die Stelle gelegt. — Nun wird der Geist auf einen Wagen gebetet und
es wird ihm mitgegeben : ein alter Kessel mit einem Loch, ein Eimer ohne
Boden zum Schöpfen und ein hölzernes Beil. Die Frau darf nicht eher wieder
kommen, als bis sie mit dem Eimer den Kessel voll Wasser gefüllt und mit
der hölzernen Barte das Holz beim Ellernbruche (bei Wiedensahl) abgehauen hat.
Später kommt einmal ein Mann da vorbei; er findet den Kessel und
nimmt ihn mit. Der Geist würde ihn schon da gefaßt und umgebracht haben,
wenn er nicht ein Gewisses bei sich getragen hätte, was er bei sich trug.
Zu Hause wurde er aber doch so lange böse geplagt, bis er den Kessel wieder
an Ort und Stelle brachte, wo er ihn gefunden hatte. Der Mann vermaß sich
nachher, er wollte nie wieder einen alten Kessel mitnehmen, wo er ihn fände.
19.
Eine Magd giebt den Armen im Dorfe Milch. Die Frau schilt darüber.
Als sie gestorben ist, wird die Sau im Stalle nackt und mager, kann zuletzt
nicht mehr aufstehen und steckt die Nase immer in den Mist. Sie passen
auf, wie das zugeht, und Nachts kommt die Frau und reitet die Sau. Sie
kann erlöst werden, wenn die Armen ihr ein »Gott lohn's!« schenken; das
soll die Magd ihr verschaffen und ihr die Hand darauf geben. Die Magd
thut es, wickelt aber vorsichtig ihre Schürze um die Hand; die Schürze ver-
brennt zu Usel, als die Todte sie anfaßt.
20.
Es war mal ein altes Weib, das ging oft in die Kirche und sang auch
im Hause immer fromme Lieder. Die Magd bemerkte aber, daß sie immer
so viel Butter und auch allerlei Essen kriegte, ohne daß das Mädchen wußte,
wo das alles herkam. Sie ging darum an's Gericht und zeigte es an. Als
•) Nach einer anderen Erzählung: am Festtagmorgen vor Sonnenaufgang.
nun die Gerichtsleute in das Haus kamen, saß die Alte im Kuhstalle und sang
ein geistliches Lied aus dem Kirchengesangbuche. Der Richter aber schrie
hinein: »Heraus mit dir, du alte Donnerhexe!« Da kam das Weib heraus
und that so übel und erbärmlich und unschuldig und beweglich, als wenn
sie ein neugeborenes Kindlein wäre. »Mine leiben sauten heeren«, sagte sie,
»wo müeget sä doch säo wat van mi denken; o lue un kinners, eck äne
hexe ! Dat kann mi doch käner na seggen, dat eck in minen leben änen
minschen wat täo lede daen hebbe. Un nu geit et mi säo? Bin eck nich
jeden sönndag in de kerke gaen? Gott ja, lue? eck segge man! hebbe
eck nich 'esungen un 'ebäet! un nu meent ji, dat eck äne hexe bin?«
Aber da half kein Jammern. »Ins Wasser«, hieß es, »ins Wasser!« und wurde
das alte Weib alsbald an die Weser gebracht und da hinein geworfen. Ob
die Alte nun wohl mit dem größten Vertrauen auf dem Wege gesagt hatte,
ihre Unschuld werde sich schon durch Gottes Hülfe zeigen, ja schön ! Sie
schwamm nur oben auf und war also doch eine Hexe, wurde an den Pfahl
gebunden und zu Tode gebrannt.
21.
Die Weiber, welche hexen können, müssen es ihren Kindern lehren,
wenn sie noch unmündig sind. — Ein kleines Mädchen aus Bulmahns Hause
in Wiedensahl spielte mit andern Kindern auf dem Rasen mit Bratbirnen.
Da sagte es: »Soll ich mal Mäuse machen?« »Ja, ja!« riefen die Kinder.
Und da schlug das Mädchen mit einem Stocke auf die Birnen, daß Mäuse
daraus wurden ; die liefen munter herum, hatten aber alle keine Schwänze.
— ' Man sollte nicht glauben, daß ein Kind schon solche schlechten Künste
verstände! — Da nun durch die Kinder diese Sache bald ruchbar wurde, so
nannte man das Mädchen immer die Müsemakersche, und sie behielt den
Namen auch noch, als sie in späteren Jahren sich nachNiedernwöhren (Nachbar-
dorf von Wiedensahl) verheirathete. Übrigens hat man nichts Schlechtes von
ihr gehört. Sie ist erst kürzlich verstorben.
22.
Hexen können sich in Gänse, Hasen und andere Thiere verwandeln. Eine
Mutter und ihre Tochter arbeiteten eines Tages draußen auf dem Felde. Da
trat ein Jäger mit seinen Hunden aus dem Walde, und die Tochter sagte zur
Mutter: »Mutter, hebbe ji jäon räimen nich bi juck? snallt 'n äis ümme, dat
ji 'n hase weret. Die Mutter thats ; da kamen die Hunde hinter sie, und
die Tochter rief ihr zu: »Mutter, löpet, löpet! dat juck de swarte nich kriegt!«
und meinte den schwarzen Hund. Der Hase lief aber so rasch, daß die Hunde
zuletzt ganz müde wurden und zurückblieben. Da sah die Tochter, daß ihre
Mutter doch wirklich Künste verstand.
122
23-
In Wiedensahl hat sich früher ein alter Soldat aufgehalten, der war im
Kriege zum Krüppel geschossen und hatte ein hölzernes Bein und weil er
davon hinkte, so nannten ihn die Leute » Hinkebein -. Er betrank sich viel,
war aber sehr beliebt, denn er konnte den ganzen Abend Märchen und andere
Geschichten erzählen. Wenn er nun erzählen wollte, so schlug er mit seiner
Krücke auf den Stuhl und rief: Nu höret, kinner, eck will juck wat verteilen.«
— So erzählte er auch : Es ist nun schon über hundert Jahre her, da hat auf
Pastors Hofe bei Nacht immer eine Kutsche mit vier Pferden gefahren ; darin
saß der verstorbene Pastor. Die Kühe fingen an zu brüllen, die Thüren
schlugen und den Mägden wie dem Knechte wurden die Bettdecken weg-
gezogen. Das ist nicht zum Aushalten gewesen. In einer Nacht ist der
Knecht aufgestanden und in die Stube gegangen, da hat der Pastor leibhaftig
hinter dem Ofen gesessen, mit der weißen Zipfelmütze auf dem Kopfe. Als
der Knecht ihn anredete und fragte, warum er immer wieder käme, hat er
geantwortet, das wären seine Sachen nicht. — Zuletzt, weil der Spuk hat
gar nicht aufhören wollen, hat man zum Pater geschickt, der hat ihn endlich
weggebetet. Das ist nun aber schon über hundert Jahre her.
24.
In einer Mühle im Dorfe kamen allezeit die Mühlenburschen um ; sie
wurden am achten Morgen mit abgebissener [Gurgel im Bette gefunden,
so daß zuletzt keiner mehr da bleiben wollte. Endlich kam ein beherzter
Müllerknecht, der blieb trotz ernster Warnung da.
Der Müller hatte mit seiner Frau keine Kinder, und sie wollte den
Knecht verführen ; der aber weigerte sich beständig. Des Nachts machte er
ein Feuer an, legte ein Beil neben sich und siehe da! um zwölf Uhr ging
es trapp! trapp! vor der Thür; eine dicke schwarze Katze stand davor. Der
Knecht sagte: »Kumm, Katte, un warme di!« Da rief die dicke noch eine
Menge anderer Katzen, sprechend:
»Kättchen, wärme dich !
Spricht Herme zu mich;«
und unversehens fielen sie über den Knecht her, der aber schlug mit dem
Beil dazwischen und verwundete mehrere, die dicke am Kopfe und an den
Beinen. Die Katzen liefen alle heulend weg. Am anderen Morgen war die
Müllerin krank, sie hinkte und hatte den Kopf mit einem Tuche verbunden.
Da sah der Bursch, daß seine Meisterin eine Hexe war und ihn als die dicke
schwarze Katze mit den anderen Hexen aus der Nachbarschaft so böse ge-
plagt hatte. Er sagte es dem Müller, der wollte es nicht glauben.
In der zweiten Nacht kochte der Knecht sich Brei. Die dicke Katze
123
kam wieder und der Bursche sagte zu ihr: »Kumm, Katte, un warme di!«
Die Katze sagte:
»Kättchen, wärme dich!
Spricht Herme zu mich!«
und rief damit die anderen, deren nun eine noch viel größere Zahl wurde
als die Nacht vorher. Der Bursche lud sie zum Breiessen ein, bespritzte sie aber
sofort mit dem heißen Brei, und der dicken goß er den ganzen Topf voll über den
Kopf. Am anderen Morgen lag die Müllerin im Bette, hatte ein Tuch um
den Kopf und konnte nicht aufstehen. Da sagte der Bursche zu dem Müller:
»Wenn Ihr nun noch nicht glauben wollt, daß Eure Frau eine Hexe ist, so
geht hin und seht zu, ob sie einen verbrannten Kopf hat!« Der Müllerging
hin. »Ei, Frau, bist du schon wieder krank? Was fehlt dir denn?« »Ach,
ich habe so schreckliches Kopfweh, daß es nicht zum Aushalten ist.« »So?
Laß mich mal fühlen, ob du auch Hitze hast?« »O nein, o nein! Wenn 'r
nur eben angetickt wird, so giebt es mir gleich einen Stich durch und durch.«
»Ach, Frau, dann will ich gleich den Doktor holen lassen.« »O ne, O ne!
Der kann mir doch nicht helfen; laß mich doch endlich in Ruhe!« — Das
that der Mann aber nicht, sondern er riß ihr mit Gewalt das Kopftuch ab; da sah
er, daß der ganze Kopf voll Brandblasen war. Da zerrte sie der Mann aus
dem Bette, knuffte sie in die Seite und trat sie mit Füßen. Dann ließ er
das Gericht kommen.
Als nun die Aussage des Müllerburschen zu Papier gebracht war, nahm man
die Hexe in das scharfe Verhör, worin sie dann bekannte, daß ihre Großmutter
ihr das Hexen beigebracht hätte, da sie noch ein unmündiges Kind gewesen.
Nach zwei Tagen wurde um einen Pfahl her ein Feuer angemacht, darin man
die Hexe vor aller Leute Augen so lange braten ließ, bis sie todt war.
25-
Zwischen Petershagen und Windheim (an der Weser) hat sich vor dieser
Zeit eine sonderbare Geschichte zugetragen : Es lag an einem schönen Sommer-
abend ein Schäfer mit seiner Heerde, der Weser nahe, auf einem grünen
Anger. Da nun die Sterne und der Mond heraufgegangen waren, saß der
Schäfer noch spät auf und hörte zu, wie der Strom mit leisem Klange
durch die Weiden ging. Ob nun wohl zu jener Stunde die Luft ganz ruhig war,
so trieb doch etwas in der Richtung, wie der Lauf des Wassers war, gleich
einer Feder in Windeseile daher, ließ den bleichen Nebeldunst der Luft bald
hinter sich und erschien als ein schöngeziertes Fräulein, das stand und fuhr
in einer Muldenscherbe, kam bald an das Ufer, stieg aus und ging dem Dorfe
zu, bis es nicht mehr zu sehen war. Da nahte sich der Schäfer der Stelle,
wo das Fräulein ans Land gegangen war, fand und nahm die Muldenscherbe
und barg sie in den Uferweiden.
124
Als nun nach einer Weile das Fräulein wieder kam und sein Schifflein
nicht fand, hob es eine große Klage an und rief:
»Radderadderatt, min mollenschaart!*)
Eck mot noch vandäge in engelland brüt stän,
Un bin noch hier!«
und rang die Hände und lief und suchte das Ufer entlang. Da bewegte den
Schäfer dies Klagen und Jammern, daß er ihm die Muldenscherbe wieder
gab. Das Fräulein trat hinein, dankte dem Schäfer und sagte: »Morgen um diese
Zeit komme wieder zu dieser Stelle, so wirst du zwei Stücke weißen Leinens
finden, die nimm zum Lohn!« Nach dieser Rede fing das Spähnlein wieder an
zu gleiten immer den Strom hinab, in großer Eile, daß es bald verschwand.
Als der Schäfer am andern Abend zu der Stelle kam, hatte das Fräulein
sein Wort gehalten ; es lagen zwei Stück Leinen an der Stelle, die waren
weiß gebleicht und über die Maßen fein gesponnen und gewebt.
Andere erzählen, der Schäfer sei erst nach einem Jahr wieder zu der
Stelle gegangen; da hing das Leinen allerdings in den Weiden, war aber
schon ganz verrottet und nicht mehr zu gebrauchen.
Die Jungfrau fuhr nach England. Woher sie kam? das weiß man nicht
zu sagen. Was sie im Dorfe gewollt? ist nicht bekannt; doch wird von
einigen gesagt: es sei eine Mahr gewesen.
26.
Einen jungen Burschen drückte und quälte jede Nacht die Mahr. Da-
rum bat er einen guten Freund, bei ihm zu schlafen. In der Nacht kam die
Mahr richtig wieder ; da verstopfte der andere Bursche das Loch an der Thür,
wohin durch der Klinkenriemen gezogen war. Da wurde die Mahr den beiden
sichtbar und erschien als ein hübsches Mädchen. Der Bursche, den sie so
geplagt hatte, wollte sie im Zorne erst schlagen und mißhandeln; doch ob
ihrer Schönheit vergaß er seinen Groll und nahm sie zu seiner Frau und
lebte mit ihr ein Jahr lang zusammen. Da bekam sie ein Kind. Als sie
dann wieder ein Kind bekommen sollte, sagte der Bursch zu ihr: »Was
meinst du, solltest du wohl so, wie du jetzt bist, wieder durch das Loch
hindurch können, wo du damals zu mir herein kamst?« Als er das kaum
gesagt hatte, verschwand die Mahr durch das Riemenloch der Thür und kam
niemals wieder.
*) Sonst fand ich das Wort seh aar t nur noch in Wiäserschaart, Weserscharte
= Porta Westphalica. — Daß man den Unholdinnen nur neckische Transportmittel gelassen
hat, scheint natürlich zu sein. Die Holden von ehedem, mit allem was drum und dran war,
sind eben unter dem Drucke des neuen Glaubens verkümmert und schäbig geworden. Einst
hatten sie stolze Rosse, oder Adler- und Schwanenhemden zu ihrer Verfügung, jetzt müssen sie
sich begnügen mit Schweinen, Kälbern, Besen, Ofengabeln, zerbrochenen Sieben und Mulden. W.B.
125
2 7.:::)
In einem Hause wohnten Zwerge unter dem Gossenstein in der Küche.
Das Dienstmädchen goß immer das schmutzige Wasser hindurch und ver-
brannte die ausgekämmten Haare. Eines Tages wurde sie zur Zwergenkind-
taufe geladen, und der Pastor, den sie um Rath fragte, sagte ihr, sie dürfte
wohl hingehen, sollte aber nichts essen, was die Zwerge nicht selber an-
rührten und ihr geben würden. Als sie zu Tische saßen, sah das Mädchen
auf einmal einen schweren Stein an einem seidenen Faden über ihrem Kopfe
hangen. Da sprach der Zwerg zu ihr: »Wie dieser Stein, so hängt dein
Leben an einem seidenen Faden, hättest du etwas gegessen, ohne daß ich
es angerührt, so wär's dein Tod gewesen. Auch mußt du mir versprechen.
kein schmutziges Spülwasser mehr durch den Gossenstein zu schütten oder
die Haare zu sengen, sonst wird dir's schlimm ergehen.« Das hat das
Mädchen versprochen, und als es fortgegangen, haben ihm die Zwerge Ho-
belspäne mitgegeben, die sind nachher zu Gold geworden.
28.
Unter einem Pferdestall hatten schon seit langen Jahren Zwerge ihre
Wohnung, und alles war gut gegangen, und es wäre auch wohl so geblieben,
wenn nicht der Bauer den alten Runen (Wallach) gekauft und auch in den Stall
gestellt hätte. Schon den nächsten Morgen kam der Vater Zwerg und beklagte
sich, daß der alte Rune gerade über der Schlafkammer der Kinder stünde;
denen liefe jetzt die Jauche immer ins Bett hinein, ob sich denn das nicht
ändern ließe? Aber der Bauer, so oft er auch gebeten wurde, hatte allerlei
Ausreden. Der alte Rune blieb stehen, wo er stand. Auf das hin sind die
Zwerge eines Nachts verschwunden und mit ihnen das Glück und der Wohl-
stand des Hauses.
29.
Es findet sich in manchen Häusern ein Snakenkönig; davon erzählt man
wie er mit dem Kinde gespielt und dies in seinem Kinderkauderwelsch mit
ihm gesprochen habe. -- Läßt man ihn in Ruhe, so legt er jedes Jahr seine
Krone ab, die hat großen Geldeswerth. — Sind die Snaken in Noth, so
geben sie einen Pfiff von sich, dann kommen die andern zur Hülfe herbei —
Hat man das Glück, einen Snakenkönig mit der Krone anzutreffen, so muß
man ein weißes Tuch auf den Rasen breiten, dann legt er seine Krone da-
aul. Sie ist von reinstem Golde und hat die Eigenschaft, daß, wenn man
* Vergl. Volksmärchen Nr. 13.
I 2'
am Morgen vor Sonnenaufgänge ein Stück davon abschneidet, dies Stück bis
zum Abend wieder gewachsen ist.*)
Ein Reitersmann, welcher allein durch den Wald ritt, sah einen Sna-
kenkönig mit der Krone; er stieg von seinem Pferde, nahm seinen Säbel
und hieb der Schlange die Krone vom Kopfe. Dann schwang er sich damit
aufs Pferd. Der Snakenkönig that aber alsbald einen hellen Pfiff, worauf
die Snaken aus der ganzen Umgegend herbeikamen und den Reiter verfolgten.
Obgleich der seinem Pferde die Sporen in die Flanken drückte, so waren
sie doch bald dicht hinter ihm, daß sie ihn gewiß erreicht hätten, hätte er
nicht seinen Mantel hinter sich geworfen ; den zerstachen die Snaken durch
und durch. Dann folgten sie wieder dem Reitersmanne und hätten ihn
gewiß erreicht, hätte er nicht in seiner Noth endlich die goldene Krone hinter sich
geworfen und so sein Leben gerettet.
Eine ähnliche Erzählung lautet so:
Es kam ein Reiter allein über eine weite Haide; da sah er in der Ferne
etwas am Boden, das blitzte wie Gold. Er ritt dem Scheine zu, da wars ein
Snakenkönig mit der Goldkrone, der sonnte sich. Der Reitersmann stieg ab
und breitete seinen Mantel auf den Sand. Alsbald legte der Snakenkönig
seine Krone darauf, kam und ging und trieb allerlei Tand und Männeken.
Da raffte der Reiter schnell den Mantel mit der Krone zusammen, schwang
sich in den Sattel und jagte fort, was das Pferd laufen konnte. Sogleich
that der Snakenkönig einen hellen Pfiff; da versammelten sich die anderen
Snaken und setzten dem Reiter nach. Bald waren sie dem Pferde auf den
Fersen und um den Reiter war es geschehen , wenn er nicht seinen Mantel
hinter sich geworfen hätte. Dabei verweilten sich die Snaken ; doch nicht
lange, so waren sie dem Reitersmanne schon wieder ganz nahe. Nun wäre
er gewiß verloren gewesen, denn sein Pferd war matt zum Stürzen, wenn
er nicht an einen Bach gekommen und mit letzter Kraft hinüber gesetzt
wäre. Nun mußten die Snaken zurück bleiben, denn man weiß wohl, daß
kein giftig Thier über solches Wasser kann.
Hat denn der Reiter die Krone verkauft? Nicht doch! Er schnitt ein
Stück davon, doch immer nur so viel, daß es weniger als die Hälfte war.
Den größeren Theil behielt er, den kleineren verkaufte er; so war der kleinere
immer wieder gewachsen. —
Zu einer Magd, die täglich in den Wald ging, die Kühe zu melken,
kam immer ein Snakenkönig, dem gab sie aus dem Eimer Milch zu trinken.
Da legte die Snake endlich dem Mädchen die Krone in dem Schooß, daß
es reich war sein Leben lang.
*) Vergl. Odins Ring Draupnir; auch wie sich Odin in eine Schlange verwandelt,
um den Meth zu erlangen, der aus Kwasirs Blute von den Zwergen Fiolar und Gelar bereitet
W. B.
o I27
30-
Friederike Büsching hat mir erzählt, daß mal ein Wucherer gewesen
sei, der habe, als er krank geworden, sein Geld unter dem Kopfkissen ver-
wahrt. Als nun seine Sterbestunde gekommen, befiel ihn eine fürchterliche
Angst, so daß er dem viel Geld bot, der es wagen würde, die erste Nacht
nach seinem Tode bei seinem Grabe zu wachen. Aber keiner wollte es thun,
bis endlich ein ganz armer Mann kam, der versprach es. Als nun der Wucherer
gestorben und begraben war, setzte sich der arme Mann an das Grab in einen
Kreis, den er da gezogen hatte. Mit dem Schlage zwölf kam der Teufel,
der hatte einen grünen Rock an. Er grub das Grab auf, nahm den Todten
aus dem Sarge und zog ihm das Fell vom Kopfe; als er das gethan und
nun die Leiche wieder einscharrte, zog der arme Mann das Kopffell leise in
seinen Kreis. Als nun der Teufel die Haut nehmen wollte und sah, daß sie
der Mann in den Kreis gezogen hatte, flog er in feuriger Gestalt durch die
Luft davon. — Es wird nun erzählt, daß der Teufel die Kopfhaut aufpusten
und eine Blase davon machen wollte, dann muß der Geist zwischen Himmel
und Erde spuken gehen. So aber wurde sie dem Todten wieder in den
Sarg gelegt, daß er Ruhe hatte. — i
Von einem andern Wucherer und einer armen Frau wird eine ähnliche
Geschichte erzählt: der Mann wird in der Kirche unter dem Altar begraben ;
die Frau setzt sich in einen Kreis; um zwölf tritt eine Schaar schwarzer
Männer herein, die ziehen ihn aus, um ihm das Fell abzuziehen; da rafft die
Frau einen Strumpf in den Kreis. Dadurch verlieren die Geister ihre Macht
über den Todten. Die Frau aber ist schwer erkrankt.
3i-
In Steinhude soll einmal eine reiche, reiche Frau gewesen sein; als die
zum Sterben kam, fragte sie den Pastor: ob er wohl glaubte, daß sie ihr
Geld in jene Welt mitnehmen könnte und da auch reich und vornehm wäre?
Da hat der Pastor gesagt: »Das wäre nicht möglich; sie sollte lieber an ihrer
Seelen Seligkeit denken!« Darüber ist die Frau in großen Zorn gekommen,
weil das Gold ihr Alles war, und sie hat geschrieen: »Scher dich aus meinem
Hause, du Pfaff! Du lügst! Du lügst!« Sie hat dann ihren Dienern streng
befohlen, ihr, wenn sie sterben sollte, das Gold mit in den Sarg zu geben.
Das haben sie denn auch gethan und es ihr im Sarge unter den Kopf gelegt.
Als nun am Morgen die Träger auf die Hausflur traten, den Sarg zu schliessen,
saß da zu Häupten der todten Frau ein schwarzes Hündlein, das schöpfte aus
einem Tiegel das geschmolzene Gold und goß es ihr mit einem Löffel in
den Mund. Da haben die Leute rasch den Sargdeckel zugeklappt und die
Leiche fortgetragen. Das Hündlein wird aber wohl der Teufel gewesen sein.
128
32.
Ein Schäfer ging an einen Brunnen, da zu trinken. Da kam aus der
Tiefe eine Stimme, die rief vernehmlich: »Erlöse! Erlöse!« Weil er nun
die Springwurzel besaß, so schloß er den Boden auf, und als er hinunter
kam, fand er ein schwarzes Mädchen, das sagte zu ihm, wenn er dreimal
wieder käme, so wäre es erlöst. Das erste Mal war sie schon weiß bis auf
die Brust, das zweite Mal bis zu den Füßen; da vergaß der Schäfer die
Springwurzel und das Mädchen that einen schrecklichen Schrei und rief:
»Nun muß ich wieder hundert Jahre warten.«
33-
Zu einem Soldaten, der bei Nacht auf dem Posten stand, kam eine Schlange
und bat ihn, Nachts gerade auf den zwölften Glockenschlag drei Freitage hinter
einander in die Kirche zu kommen; dadurch könnte er sie erlösen. Zweimal
kam der Soldat auch zur rechten Zeit; den ersten Freitag begegnete ihm ein
ganz schwarzes Ding, den andern Freitag war es schon beinahe weiß. Das
dritte Mal kam der Soldat aber erst, als es schon zwölf geschlagen hatte. Da that
das Ding einen lauten Schrei, und als der Soldat eilig aus der Kirche sprang,
schnappte ihm die Thüre den Hacken ab, daß er lange darum zu liegen hatte.
34-
Es ist einmal ein wunderschönes Mädchen gewesen, eines Königs Tochter,
mit Namen Florentine; das war aber so schrecklich stolz, daß es Gottes Erdboden
nicht betreten wollte, darum mußte es immer getragen oder in der Kutsche gefahren
werden. Alle Freier, die sich um die Hand der schönen Florentine bewarben,
wurden von ihr schnöde abgewiesen, denn keiner war ihr gut genug. —
Endlich kam mal Einer an ihres Vaters Hof, der zeigte ihr das Bildniß eines
Mannes von großer Schönheit und fragte sie, ob sie denn den wohl nehmen
wollte. »Ja!« hat da die schöne Florentine gesagt, »den will ich haben; aber
er muß mich auch abholen in einer goldenen Kutsche mit vier weißen
Hengsten; wenn er das nicht thut, so mag er bleiben wo er ist.« Das hat
ihr der Bote versprechen müssen. Am dritten Abend hielt auch richtig die
Kutsche vor ihrem Hause; sie war bespannt mit vier weißen Hengsten und
ganz von Golde, das leuchtete weit hin durch die Straßen der Stadt. Die
schöne Florentine ließ sich von ihren Kammerzofen in den Wagen tragen,
daß sie ja Gottes Erdboden nicht berührte und fuhr mit ihrem Bräutigam
davon, und alle Leute liefen hinterher, um den prächtigen Wagen zu sehen.
Als sie aber vor dem Thore auf einem Berge angekommen waren, fingen
Wagen und Pferde auf einmal an zu glühen wie Feuer, hoben sich in die Luft
und verschwanden. Da ließ sich eine Stimme vernehmen, die rief:
9* 129
»Ach du schöne, ach du schöne Florentine!
Du bist ewig und ewig verloren!«
Da sahen die Leute wohl klar, daß es der Teufel gewesen war, der die
schöne Florentine geholt hatte.
35-
Eine Frau, die von Münchehagen nach der Horst ging, fand im Bruche
einen kupfernen Kessel. Nachdem sie sich nach allen Seiten umgesehen hatte,
nahm sie den Kessel mit. Am andern Morgen kriegte sie ihn aufs Feuer und
heizte tüchtig 'unter, um für die Schweine was zu kochen. Sie ging eben
mal hinaus, und als sie wieder kam, saß da der alte verstorbene Feldscher
auf dem Kessel, mit weißer Zipfelmütze, im Schlafrock und rauchte .ganz ge-
müthlich seine lange thönerne Pfeife. Die Frau aber hat einen schönen
Schrecken gekriegt, und nur mit großer Noth haben die Leute den Kerl
wieder aus dem Hause und in seinem Kessel wieder in das Bruch bringen
und bannen können. —
Der alte Feldscher soll aus jWiedensahl gewesen sein; er spukte noch
lange nach seinem Tode und wurde auf einem Wagen in das Bruch gefahren,
nachdem man ihn in den Kessel gebannt hatte. Da, wo der Wagen durch eine
Hecke fuhr, wächst auch heute noch nichts Grünes.
36.*)
Ein Bauer sieht eines Tages eine dicke Ütsche. Da spricht er: »No!
wenn du ein Kind kriegst, so will ich Gevatter stehen.« Nach einiger Zeit
kommt ein Zwerg und ladet ihn zur Kindtaufe ein. Der Bauer geht hin, und
als er wieder nach Hause will, geben ihm die Zwerge eine Tasche voll Hobel-
späne, die werden nachher zu lauter Silber.
Der Bauer hat versprechen müssen, wieder zu kommen, wenn das Kind
ein Jahr alt ist. Das Jahr darauf geht er hin und nimmt als Geschenk einen
Himten Weizen mit. Der kleine Junge ist ganz kregel und "kann schon laufen.
Die Zwerge nehmen den Bauer freundlich auf, und als er wieder weggeht,
geben sie ihm die Taschen voll Pferdemist; das kleine Pathchen steigt ihm
in die Taschen und trampelt den Mist ordentlich fest, daß recht viel hinein
geht. Als der Bauer zu Hause ankommt, sind aus den Pferdekötteln lauter
goldene Dukaten geworden.
37-
Eine Wöchnerin ist auf Äpfel lüstern. Der Mann schleicht sich bei
Nacht in den Garten des Pastors und steigt auf einen Apfelbaum. Der Pastor
*) Vergl. Volksmärchen Nr. 13.
130
kommt mit einer Schaufel aus dem Hause und gräbt unter dem Baume ein
Loch, um seine Schätze da zu bergen. Dann ruft er: sHerodianna! Hero-
dianna! Herodianna!« Der Teufel erscheint bei diesem Ruf, und der Pastor
will ihm den Erdschatz in Verwahrung geben. Da sagt der Teufel, es wären
zwei Augen zu viel da, aber der Pastor beruhigt ihn. Da spricht der Teufel,
so wollte er machen, daß der Schatz nur dann gehoben werden könnte, wenn
eine reine Jungfrau auf einem glinsterschwarzen Ziegenbock darüber ritte. Damitist
der Pastor zufrieden und geht fort, nachdem er sein Geld in die Erde gegraben hat.
Der Bauer, welcher alles mit angehört hat, geht zu Haus und kauft sich
den ersten schwarzen Bock, der im Dorfe jung wird, zieht ihn auf, setzt sein
kleines Mädchen darauf und läßt es über die Stelle unter dem Apfelbaum
reiten. Die Erde thut sich auf, der Schatz hebt sich, und so ist der Bauer
ein reicher Mann «eworden.
.^v
38.*)
In alter Zeit ist mal eine Frau gewesen, die war eine Hexe und hatte
eine andere Frau ums Leben gebracht, darum sollte sie zu Tode gebrannt
werden. Da sagten die Richter, wenn sie ihnen ein Räthsel aufgeben könnte,
das sie nicht herausbrächten, so sollte ihr das Leben geschenkt sein. Da be-
sann sich das Weib, als es schon auf dem Henkerswagen saß und gab ihnen
zu rathen auf, was das wäre :
»Up'n bome satt eck,
Ungebören fläisch att eck,
Hartläiw (Herzlieb) lüchte mi,
Un doch gräode mi.«
Das brächten sie nicht heraus, sagten die Richter, was denn das wäre.
Da sagte das Weib : die Frau, die sie umgebracht, hätte ein ungeborenes
Kind getragen, das hätte sie herausgeschnitten, geschlachtet und gegessen ;
ihr eigenes Kind, Herzlieb, hätte sie auch geschlachtet, das Fett heraus-
gebraten und auf die Lampe gegossen; diese Lampe hätte ihr leuchten müssen,
als sie auf einem Baume saß und das Fleisch des ungeborenen Kindes aß.
Da mußten die Richter das Weib frei geben und durften es nicht ver-
brennen, ob es schon eine Hexe war.
39-
Es heirathete mal ein König seine eigene Tochter, und als sie schwanger
ward, fürchtete er sich, daß es ruchbar werden möchte und er seines Reiches
entsetzt würde. Da brachte er seine Tochter um, schnitt das Kind aus ihrem
Leibe und ließ es von einer Amme groß säugen.
s) Vergl. Volksmärchen Nr. 19.
131
Der Knabe war 12 Jahre alt, da wollte der König eine Reise thun. Er
gab seinem Sohne die Schlüssel zu allen Zimmern; aber einen Schlüssel zeigte
er ihm, in das Gemach, wo der zu paßte, da sollte er nicht hineingehen.
Als der Vater fort war, ging der Knabe in alle Zimmer; und endlich nahm
er, obgleich es ihm streng verboten war, den letzten Schlüssel, der paßte in
die Kellerthür, und als er da hineinging, so lag da eine Frau im Sarge; das
war aber die ermordete Königstochter. Da gab ihr Gott, daß sie sich auf-
richten und sprechen konnte: »Der König ist dein Vater und mein Vater«,
sprach sie da, »und ich bin deine Mutter.« Dann hieß sie ihm, daß er sich
Haut nähme von ihrem Leibe zu Handschuhen, und daß er hinginge in den
Stall und schnitte einer trächtigen Mähre das Füllen aus dem Leibe; wenn
das groß wäre, so sollte er sich darauf setzen und die Handschuhe anziehen
von ihrem Leibe und ausreiten zu einer Königstochter, die sie ihm nennen
würde. Die hätte gelobt, den zu heirathen, der ihr ein Räthsel aufgäbe, das
sie nicht rathen könnte. Dann sollte er zu ihr sprechen:
»Ungeboren bin ich,
Ungeboren reit ich,
Und trage meine Mutter an der Hand.«
Das würde sie nicht herausbringen können, was das wäre.
Der Königssohn that, wie ihm seine Mutter geboten hatte. Er zog das
ungeborene Füllen groß und ritt zu der Königstochter; die konnte das Räthsel
nicht errathen und mußte ihn zum Manne nehmen.
40.
In einem Hause war mal ein Rabe, der konnte sprechen. Da ging eines
Tages die Herrschaft aus, und die Magd, welche sich derweilen etwas zu gute
thun wollte, schlug Eier in die Pfanne und backte sich einen schönen Pfann-
kuchen. Mit dem so kam die Herrschaft schon zurück, und die Magd, welche
den Pfannkuchen nicht wollte sehen lassen, warf ihn verstohlen in den Trank-
eimer. Das sah der Rabe, und nun ging er immer im Hause herum und
sprach: »Use maged panke drank! Use maged panke drank!« Da wurden
die Leute aufmerksam, sahen in den Trank und fanden den Pfannkuchen;
da mußte die Magd bekennen, daß sie den Pfannkuchen heimlich gebacken hätte.
Wegen des, so kriegte die Magd einen großen Haß auf den Raben ;
faßte ihn, da ihre Frau nicht zu Hause war und vernähte ihm den Bürzel
mit einem starken Flicken, daß er daran des Todes sterben sollte. Als nun
die Frau zu Hause kam, so schrie der Rabe in einem fort: »Use maged
panke drank! prün äs täo! prün äs täo!« Da merkte die Frau, daß dem
armen Thiere der Bürzel vernäht war, trennte den Flicken säuberlich ab und
jagte die treulose Magd aus ihrem Dienste.
132
4L
Ein Mann reitet eines Tages über Feld. Da ruft eine Stimme aus der
Erde: »O weh!« — Der Mann reitet erst ruhig weiter; da ruft es wieder:
»O weh!« — »Na, was ist denn o weh ? fragt da der Mann. Da sagt ihm
die Stimme, er sollte in die Erde hereinkommen, da standen drei Pullen, denen
sollte er die Pfropfen abziehen; wenn er das thäte, so sollte den andern
Morgen hinter seinem Ofen ein kupferner Kessel mit Geld stehen. Der Mann
dachte, das könnte er wohl thun ; er ging hinein in die Erde, fand da die
drei Flaschen und zog ihnen die Pfropfe ab. — Als er am andern Morgen
hinter seinem Ofen zusah, so stand da richtig ein großer kupferner Kessel
voll Geld.
42.
Bei einem Wirth lag ein Reuter in Quartier, der hielt sich heimlich zu
des Wirthes Tochter. Bald darauf mußte er fort in den Krieg. Da nun die
Zeit herum war, kriegte das Mädchen einen kleinen Jungen, der war todt;
und weil sie dachte, daß ihr Liebster wohl nie wieder kommen würde, so schämte
sie sich vor den Leuten und scharrte das Kind heimlich bei.
Ein Jahr war der Reuter weg gewesen, da war der Krieg zu Ende, und
der Reuter kam wieder zu demselben Wirthe, um zu sehen, wie seine Liebste
sich befände. Er hätte nun gern erfahren, wie die Sache verlaufen wäre und
auch gern wieder mit dem Mädchen angebunden ; aber es wollte sich gar
keine Gelegenheit finden, daß er mit ihr unter vier Augen sprechen konnte,
darum fing er wie im Scherz mit dem Mädchen ein Gespräch in Reimen an,
das die andern nicht verstehen konnten.
»Ans et te jähr um düsse tid was,
Do smet eck en appel in't gräune gras.
Mich soll wundern, mich soll wundern,
Ob der apfel ist erfunden ?
Ja woll ! säe säi.
Allewo läit häi?
Anse häi, säe säi.
Wol auf der erden?
Nein! unter der erden.
Noch 'n mal? säe häi.
Ne, ne! säe säi.«
So kam der Reuter in so weit zu seinem Zwecke, daß er erfuhr, wie
das Ding verlaufen war; aber sonst war nichts zu machen; das Mädchen
war scheu geworden und wollte sich nicht zum zweiten Maie begöseken
lassen.
i33
43-
Zur Zeit, da die preußischen Reuter in Wiedensahl sich aufhielten, lag
ein Offizier in einem Hause in Quartier, der hatte allerlei Bücher. Eines
Tages ging er zu einem Offizier zum Kartenspielen aus. Da kriegte der Sohn
vom Hause sich eins von den Büchern und fing an zu lesen. Da kamen Ge-
spenster herein und stellten sich in einer Reihe auf. Der Junge war ganz
in das Buch vertieft und merkte nichts. Wie er weiter las, kamen immer
mehr, bis die Stube von den gräsigen Gestalten ganz voll gepfropft war. Da
sah es der Junge und sprang noch mit genauer Noth aus dem Fenster und sagte
es dem Bedienten des Offiziers; der lief schnell zu seinem Herrn und erzählte
es ihm. Da kam der Offizier gleich angelaufen ; er las in dem Buche rück-
wärts, da verschwanden die Geister. Dem Jungen aber sagte er, das sollte
er nicht wieder probieren, sonst könnte es ihm schlecht ergehen.
44-
Einem Bauern gingen immer die Schweine todt, den Tag vorher, wenn
er sie schlachten wollte. Er ging zum Schinder, den um Rath ' zu fragen,
und der sagte ihm : er sollte die todten Schweine im Garten an die Hecke
legen und aufpassen, wer dann käme. Der Bauer that, wie ihm gesagt war.
Da kam die Nachbarin und holte das Schwein weg. — Am andern Tage
ging der Bauer zu ihr hin und wollte von ihr das Hexen lernen, um zu
sehen, ob sie eine Hexe wäre. Die Alte sagte, das könnte sie nicht, und er
sollte sich doch ums Himmelswillen mit so was ja nicht abgeben. Doch zuletzt,
da er schon fortgehen wollte, rief sie ihn wieder zurück, und er mußte mit
ihr in die Kammer kommen und sollte sagen: »Eck denk an 'n pott un seh . . .
in gott.« Der Bauer aber sagte: »Eck seh ... in 'n pott un denk an gott.«
Danach sprach er: »Ja, warte, du alte Hexe, jetzt geh ich .zum Gericht und
verklage dich.« Das that er, und die Hexe wurde weg geholt. — Als sie
zur Probe schwimmen sollte und ins Wasser geworfen wurde, rief sie den
Teufel, der hatte ihr versprochen, ihr eine Eisenstange zu bringen, damit sie
unterginge. Aber da kam ein Rabe geflogen und brachte ihr eine Nähnadel.
Die sollte ihr wohl was helfen ! und richtig schwamm sie oben. — Der
Bauer war auch festgesetzt, bis sich zeigte, ob seine Anklage nicht falsch
gewesen war. Der Henker hatte ihm versprochen, mit dem Hute zu winken,
wenn die Sache für ihn günstig abgelaufen wäre. Als nun die Hexe oben
schwamm und wieder zurück gebracht wurde, winkte der Henker mit dem
Hute; das sah der Bauer durch das Gefängnißgitter, und er rief der Hexe zu:
»Nun, Anneke, wie gefiel dir das Bad?« Für das Spottwort mußte er noch
sechs Wochen sitzen ; die Hexe aber wurde verbrannt.
134
DER MANN OHNE KOPF.
45-
Einem jungen Manne wurde gesagt, seine Mutter wäre eine Hexe. Er
wollte aufpassen, ob es wahr wäre, und in der Mainacht mußte ihm die Mutter
beider Grützemühle leuchten. Da wurde sie auf einmal zu einem Weidenbaum. —
Der Sohn legte sich auf den Stall und paßte auf, wann seine Mutter wieder
käme. Da kamen eine Menge Hexen, auf Kälbern und Gösseln angeritten,
mit Musik ins Haus, und tanzten. Der Teufel, ihr Oberster, sagte: »Es sind
zwei Augen zu viel da ; soll ich sie auspusten ?« Die Frau sagte : »Nein —
weil sie meinte, es wäre nur das kleine Kind.
Ehe sie weggingen, mußte jede geloben, etwas Böses zu thun. Die Frau
sagte: »Wenn ihres Sohnes Frau auf der Diele beim Buttern das Kind wiegte,
so wollte sie als alte Sau die Wiege umstoßen, daß das Kind den Arm bräche.«
Den andern Tag sagte der Mann zu seiner Frau, sie sollte buttern, obwohl
sie erst den Tag vorher gebuttert hatte. Die Alte ging auf der Diele hin,
und gleich darauf kam eine alte Sau und warf die Wiege um, daß das Kind
heraus Hei und den einen Arm brach. Der Sohn nahm einen dicken Knüppel
und schlug der Sau zwischen die Ohren, daß Blut floß; und weil er ihr Blut
gelöst hatte, so stand mit einem Mal die Alte da. Da sah der Sohn wohl,
daß seine Mutter eine Hexe war; er zeigte sie an, und sie wurde verbrannt.
46.
Einem Kranken sollte das Abendmahl gebracht werden. Der Pastor
sagte dem Küster, er sollte nur voraufgehen; er, der Pastor, würde gleich
nachkommen. Als der Küster nun auf dem Wege war, begegnete ihm der
Pastor schon, als käme er von dem Kranken zurück. Der Küster sah es ganz
genau: es war sein Schimmel und sein Mantel, und lautlos ritt der Pastor
an ihm vorüber. Dem Küster ging ein Schauder über den Rücken, doch er
ging weiter zu dem Kranken. Da kam der Pastor auch bald hin, und sie
gaben dem Kranken das heilige Abendmahl. Als sie dann weggingen, erzählte
der Küster dem Pastor: an der und der Stelle wäre er ihm vorhin schon
begegnet. Als sie an der Stelle waren, kam ihnen wieder der Reiter entgegen,
dem Pastor sein Ebenbild. Da rief ihn der Pastor an: »Teufel! Was thust
du in meiner Gestalt?« Sprach der Teufel: »So lange du den Mantel da trägst,
der auf den heiligen Christabend genäht ist, so lange habe ich auch Gewalt, in
deiner Gestalt zu gehen.« — Da ritt der Pastor schnell nach Hause, machte ein
Feuer an und verbrannte den Mantel; und von der Zeit an nahm der Pastor
den Schneider immer ins Haus, dann wußte er, daß sein Zeug nicht an einem
heiligen Tage gearbeitet wurde.
137
47-
Das Höwif geht im Bückeburger Walde um. Es läßt sich mit dem Ruf:
Ho]! Ho! immer hören, wenn anderes Wetter eintritt. Es soll ein Mädchen
sein, das ihre beiden Zwillingskinder umgebracht hat und zur Strafe jetzt
zwei kleine Wölfe säugen muß. Einer, der zur Abendzeit durch den Wald
gegangen ist, hat sie da so gesehen.
48.
Allerlei alter Glaube:
Gegen blaue Milch hilft es, wenn man eine Mistgabel glühend macht
und sie in die frischgemolkene Milch hineinsteckt.
Wenn man einen Schatz graben will, muß man Pflöcke in die Erde
stecken und sie mit Fäden von ungekochtem und ungebleichtem Garn umziehen.
Wenn die Schweine behext sind, werden sie dreimal rückwärts durch
ein Stück ungekochtes Garn gezogen.
Wenn einer bestohlen ist, so muß er des Nachts zwischen zwölf und
eins im bloßen Hemde vor die Kirchthüre gehen und es durch das Schlüssel-
loch dem Todtenreiche klagen, dann wird ihm der Dieb genannt.
Wenn man viel Butter haben will, so muß man einen Stiel von Kreuz-
dornholz in das Butterfaß nehmen. — Auch ist Kreuzdornholz gegen Hexen gut.
öw&'
Wenn ein Mädchen ihren künftigen Geliebten sehen will, so muß sie
in der Christnacht einen Eimer mit Wasser in die Stube stellen, einen Stuhl
dabei und darüber ein Handtuch hängen. Sie selbst muß sich nackend unter
den Tisch setzen. Dann kommt der Geliebte, wäscht sich aus dem Eimer
und trocknet sich an dem Handtuch. — Eine Magd thut das; da kommt der Haus-
herr, dessen Frau noch lebt. Das Mädchen schämt sich sehr, aber es vergeht
kein Jahr, so stirbt die Frau und der Mann heirathet die Magd.
Wenn ein Mädchen in der Christnacht rückwärts stillschweigend zum
Brunnen geht, rückwärts einen Eimer Wasser heraufzieht, rückwärts einen
Wagen aus dem Hause schiebt, so hilft ihr der zukünftige Geliebte anfassen.
Am Matthiasabend (24. Februar) werden zwei Walnußschalen mit Ol
gefüllt, Dochte hineingelegt und diese angezündet. Dann setzt man die
138
Schalen auf ein Becken mit Wasser, so daß sie darauf schwimmen und denkt
sich ein Mädchen und einen jungen Burschen. Stoßen die Schalen mit der
vorderen Seite zusammen, so heirathen sich die zwei; berühren sie sich mit
den Rückseiten, so wird nichts aus der Heirath. — An demselben Abend
gießen die Knaben Blei, um zu sehen, welches Handwerk sie lernen sollen.
Gesträuch, das ein Meineidiger gehauen hat, ins Korn gestellt, verscheucht
die Vögel. (Mein Vater erzählte, daß in IKvese ein solcher Mann gewesen
wäre, dem hätten die Leute heimlich Bracken weggenommen, oder sie hätten
ihn zum Holzhauen bestellt, ohne natürlich den Zweck zu verrathen.)
Wenn man die erste Schwalbe sieht, muß man unter dem linken Fuß
in die Erde graben, so findet man eine Kohle, die gegen das Fieber gut ist.
In manchen Gegenden wird dem Todten ein Pfennig mitgegeben. Der
Tischler, welcher den Todten in den Sarg legt, erinnert die Verwandten
daran.*)
Wenn das Heerdfeuer sprüht und eine Kohle herabspringt, so giebt es
Streit im Hause, wenn man nicht schnell ruft: »In't nawerhüs! In't nawerhus!
Ein heller Schein über einem Hause bei Nacht zeigt an, daß es dort
nächstens brennen wird. Von solchem Feuervorspuk sagt man : et wabert.
Im Wirbelwind, Küselwind, der wärwind genannt wurde, der auf dürren
Wegen mit Staub dahinzieht, soll eine Hexe drin sitzen.
49-
In Wiedensahl wissen die älteren Leute noch viel von den tätern« zu
erzählen, wie sie gewahrsagt, gestohlen und Zaunigel über dem Feuer gebraten
haben. Eine solche Bande ist hier in alter Zeit auch mal her gekommen,
dabei ist eine ganz steinalte Mutter gewesen; weil die nun nicht mehr hat weiter
fortkommen können, so haben die Tatern hinter einer Hecke ein Loch in
den Rasen gegraben, da hat die alte Mutter hineinkriechen müssen. Sie hat
wohl gebeten und gefleht, sie möchten sie doch nur noch eine kurze Weile
am Leben lassen, aber die haben ihr zugerufen: »Krup unner! Krup unner!
Daß dich die Bauernhunde nicht fressen!« Und so haben sie ihrer alten
Mutter Erde auf den Kopf geschaufelt und sie lebendig begraben. — In der
*) Als mein Onkel in Mechtshausen begraben wurde, haue der Tischler es vergessen und
fragte, ob wir den Sarg auch noch einmal wieder öffnen wollten. O. X.
»39
Wiedensahler Gegend ist die Geschichte jedermann bekannt. In Niedern-
wöhren (Nachbardorf von Wiedensahl) sagt man, daß die Alte am Büchen-
berge zwischen Wiedensahl und Loccum begraben sei; die Tatern hätten
dabei gesprochen:
»Krup unner, krüp unner! de weit is di gramm!
Du kannst nich mer wandern, du musst'r nu ran.«
50.
Graf Otto von Bückeburg saß einst gefangen in einem fernen Lande.
Da gewann er des Schließers Tochter, daß sie ihm zur Freiheit verhülfe, und
versprach ihr, sie zu heirathen, und nannte ihr sein Land und seinen Stand.
Der Graf hatte aber schon daheim eine Frau, er verließ das Mädchen und
vergaß sie, da er nun wieder in sein Land Bückeburg zurückkam. Da nahm
das arme Mädchen ihre Zither und begab sich auf den wTeiten Weg und wanderte
und schlug sich mühsam durch von Land zu Land, bis sie zuletzt an des
Grafen Hof kam. Ihre Kleider waren zerrissen, daß sie aussah wie eine Bett-
lerin. Da sie nun vor dem Grafen zu der Zither das Lied sang:
»Ein Herz, das sich mit Sorgen quält, ,
Hat selten frohe Stunden . . .«
so erkannte er sie an dem Liede, fiel ihr um den Hals und küßte sie und
erzählte seiner Gemahlin, was das Mädchen an ihm gethan und wras er ihr
versprochen hätte. Da ließ es die Gräfin geschehen, daß er das Mädchen zur
Frau nahm, aber mit dem Beding, daß sie ihm an die linke Hand getraut
würde.
Zu Stadthagen im Mausoleum der fürstlichen Familie ist der Graf mit
seinen beiden Frauen abgebildet.
Von seinen Eltern ward Folgendes erzählt: Es gaben der Churfürst von
Hannover und der Churfürst von Hessen einmal eine große Festlichkeit. Dazu
war auch ein alter Prinz gekommen, der war noch unverhefrathet, weil seine
Einkünfte nicht ausreichten, eine Frau zu ernähren. Es war auch eine alte
Prinzessin da, die wegen fehlender Geldmittel ebenfalls noch ledig war. Da
wurden die beiden herangeholt und mußten zusammen tanzen, und weil das
den alten Leutchen so wohl anstand, so hatten der Churfürst von Hannover
und der von Hessen ihr Ergötzen daran, gingen zu den beiden hin und
fragten, warum sie sich nicht verheirathen thäten? Sie sagten, daß sie das
gerne thun würden, aber sie hätten so schon nur ein kümmerliches Aus-
kommen, viel mehr, wenn sie eine Familie ernähren sollten. Da nahm der
Churfürst von Hannover den Churfürsten von Hessen bei Seite und sprach:
hwerenoth, Bruder, laß uns von unseren Ländern ein paar Ämter zusammen-
schmeissen, daß die beiden alten Leutchen ein Paar werden können. Kinder
140
kriegen sie doch nicht mehr, und darum fällt ja nach ihrem Tode alles wieder
an uns zurück.« Der Churfürst von Hessen war damit einverstanden; die
beiden Alten hielten Hochzeit; die beiden Churfürsten thaten ein paar Amter
zusammen und gaben sie zur Aussteuer, aber mit dem Beding, daß sie, wenn
keine Erben da sein sollten, an Hannover und Hessen wieder heimfielen. So
entstand die Grafschaft Schaumburg-Lippe. Das alte Ehepaar kriegte aber
wider Erwarten doch einen Sohn, der Otto genannt ward; eben jener Graf,
der die beiden Frauen hatte.
51-
Von Spiessingshol (schaumburg-lippisches Forsthaus) aus in westlicher
Richtung zieht sich im Bückeburger Walde ganz nahe der Grenze wohl drei
Stunden lang ein Wall hin, der heißt Schanzgraben oder Drusenwall. An
einer Stelle ist er doppelt; die wird der Pferdestall genannt.
Es geht nun die Sage, in alter Zeit wären die von Schlüsselburg häutig
von der Weser her nach Wiedensahl gezogen und hätten arg gewirthschaitet
mit Sengen und Plündern. Zu der Zeit war auch ein tapferer Ritter in Bücke-
burg, den sprachen die Wiedersahler um Beistand an; dafür mußten sie aber
gewisse Abgaben liefern an Geld und Korn. — Wenn nun die Schlüsselburger im
Anzüge waren, so wurde die Sturmglocke gezogen und die Wiedensahler
flüchteten mit ihrer Habe in den Pferdestall hinter dem Drusenwall; da lag
dann der Ritter von Bückeburg mit seinen Reitern, so daß die von Schlüssel-
burg nicht wagten nachzurücken, sondern abziehen mußten, woher sie ge-
kommen waren. —
Es hatte der Ritter auch eine Frau, und kam die ins Wochenbett, so
schickten ihr die Wiedensahler Eier und junge Hähnchen, daß sie den Ritter
zum Freunde behalten möchten. Was aber erst guter Wille war, ward nach-
her Zwrang; die Eier und die jungen Hähnchen mußten geliefert werden,
die Frau mochte in Wochen sein oder nicht, und so ist's heute noch.
52.
Bei Wiedensahl in der Hespe (Weg aus dem Dorfe nach Kloster Loc-
cum), nahe hinter der Länderfläche, welche die »Wieme heißt, haben in
alter Zeit zwei Fräulein gewohnt, denen die Wiedensahler zu Diensten und
Abgaben verpflichtet waren. Diese zwei Fräulein sind einst von da wegge-
zogen nach Sachsenhagen, haben aber vorher den nahegelegenen Wald an
die Gemeinde Wiedensahl geschenkt und das Land an die Pfarre. Ob nun
wohl zu jetziger Zeit in der Hespe von Wohngebäuden nicht die Spur mehr
zu finden ist, so wollen alte Leute doch behaupten, daß der Brunnen jener
zwei Fräulein nur mit Rasen bedeckt, sonst aber noch wohl erhalten sei.
141
Weil nun die Fräulein von Sachsenhagen nach Bokeloh gezogen und da
gestorben sind, so hat es sich zugetragen, daß die Abgaben lange Zeit nicht
eingefordert wurden, auch hätte wahrscheinlich niemand sich je darum ge-
kümmert; aber da kam einst ein Wiedensahler Bürgermeister auf den gescheu-
ten Einfall, es könne doch bös werden, wenn vielleicht einmal die rückständigen
Gelder von der langen Zeit her auf eins eingezahlt werden müßten ; er ging
darum an das Amt zu Bokeloh, wegen der Sache anzufragen. Da haben
sie ihm den Bescheid gegeben, daß die Wiedensahler, weil sie es denn einmal
so gerne wollten, die Abgaben nur immerhin an das Amt Bokeloh bringen
möchten; sie würden sie da gerne annehmen. Darum müssen die Wieden-
sahler noch heutigen Tages an das Amt Bockeloh Abgaben bezahlen, wid-
rigenfalls es nicht vergessen wird, sie von dort her einzufordern. ,
142
III. VOLKSLIEDER UND
REIME
i.
Es flohn drei Sterne wohl über den Rhein,
Es hätt eine Witwe drei Töchterlein.
Die eine starb, wie es Abend war
Und die Sonne nicht mehr schiene klar,
Die andre um die Mitternacht,
Die dritte um die Morgenwacht.
Sie nahmen sich all' einander die Hand'
Und kamen vor den Himmel behend,
Sie klopften leise an die Thür,
Sankt Petrus sprach: Wer ist dafür?
Es stehn drei arme Seelen hier,
Ach, mach uns auf die Himmelsthür.
Er sprach: ich muß es zeigen an,
Welche von euch soll in Himmel gähn.
Darauf ging er hin und fragte nach;
Dit Himmelsstimme also sprach:
Die ältsten zwei soll'n hier eingehn,
Die jüngste muß bleiben stehn.
Sie schrie und sprach: was hab ich gethan,
Daß ich hier bleiben soll bestahn?
Sankt Petrus sprach: weil du veracht
Gotts Wort, deine Seele nicht bedacht,
So geh nun hin und siehe zu,
Wo du find'st in der Höllen Ruh !
10 143
Denn, wenn du in die Kirche sollt'st gehn,
So bliebst du vor dem Spiegel stehn,
Dein Haupt gekrönt, dein Haar geschmieret,
Und dich hoffärtig aufgezieret;
Drum geh nun fort und packe dich!
Die Hölle wird aufnehmen dich.
Als sie nun vor die Hölle kam,
Da klopfte sie gar grausam an;
Der Satan sprach: Wer ist allhier?
Es ist eine arme Seel' dafür!
Drauf sprang er auf und ließ sie ein
Und schenkt ihr ein ein glühenden Wein.
Als sie nun aus dem Becher trank,
Das Blut ihr aus den Nägeln sprang,
Er bracht' sie in den höllischen Pfuhl
Und setzt' sie auf ein glühenden Stuhl.
Ja, ihre Qual war übergroß,
Sie kriegte manchen harten Stoß.
Sie sprach: ist meiner Mutter Schuld,
Daß sie mein Bosheit hat erduld't
Und mich in Frevel lassen gehn,
Nicht einmal sauer dium gesehn ;
Da meine Schwestern im Himmelssaal,
So sitz ich in der Höllenqual.
Was hilft mir nun mein Übermuth,
Mein Reichthum, Ehre, Geld und Gut?
Was hilft mir nun all Zierd' und Pracht?
Ach, hätt ich nie daran gedacht,
So saß ich nicht in diesen Flammen,
Da alle Qualen schlagen zusammen.
2.
Zu Koblenz auf der Brücken
Da lag ein tiefer Schnee.
Der Schnee, der ist verschmolzen.
Das Wasser fließt in See.
144
Es fließt in Liebchens Garten,
Da wohnet niemand drein,
Ich kann da lange warten,
Es wohn' zwei Bäumelein.
Die sehen mit den Kronen
Noch aus dem Wasser grün,
Mein Liebchen muß drin wohnen,
Ich kann nicht zu ihr hin.
Wenn Gott mich freundlich grüßet
Aus blauer Luft und Thal,
Aus diesem Flusse grüßet
Mein Liebchen allzumal.
Sie geht nicht auf der Brücken,
Da gehn viel schöne Fraun;
Sie thun mich viel anblicken,
Ich mag die nicht anschaun.
3-
Trau die Frauensleute nicht zu viel,
Denn treulos sind sie alle;
Ihr Auge, Nas' und Zungenspiel
Führt manchen in die Falle.
Denn wer den Frau'nsleut' zu viel traut,
Der ist ein dummer Teufel.
Der hat sein Haus auf Sand gebaut,
Der glaubet ohne Zweifel.
Im Anfang sind sie fromm und still,
Verstecken ihre Klauen
Und sprechen: lieber Jüngling komm,
Du kannst mir sicher trauen.
Aber am Ende der Zeit,
Dann spielen sie hold blinde Maus,
Dann ist sie Frau und er der Pudelhund im Haus.
4-
Es waren drei Soldaten
Dabei ein junges Blut,
Sie hatten sich vergangen,
Der Graf nahm sie gefangen,
Setzt' sie bis auf den Tod.
10» 145
Es war ein wackres Mägdelein
Dazu aus fremdem Land,
Sie lief in aller Eilen
Des Tags wohl zehen Meilen
Bis zu dem Grafen hin.
Gott grüß Euch, edler Herre mein,
Ich wünsch Euch guten Tag.
Ach, wollt Ihr mein gedenken,
Den Gefangenen mir schenken,
Ja schenken zu der Ehr.
Ach nein, mein liebes Mägdelein,
Das kann und mag nicht sein.
Der Gefangene und der muß sterben,
Gotts Gnad muß er ererben,
Wie er verdienet hat.
Das Mädel drehet sich herum
Und weinte bitterlich.
Sie lief in aller Eilen
Des Tags wohl zwanzig Meilen
Bis zu dem tiefen Thurm.
Gott grüß Euch, ihr Gefangenen mein,
Ich wünsch Euch guten Tag!
Ich hab für Euch gebeten,
Ich kann Euch nicht erretten,
Es hilft nicht Gut noch Geld.
Was hat sie unter ihrem Schürzelein?
Ein Hemdlein, war schneeweiß.
Das nimm, du Allerliebster mein,
Es soll von mir dein Brauthemd sein,
Darin lieg du im Tode.
Was zog er von dem Finger sein ?
Ein Ringlein, war von Gold.
Das nimm, du Hübsche, du Feine,
Du Allerliebste meine,
Das soll dein Trauring sein.
146
Was soll ich mit dem Ringlein thun,
Wenn ich's nicht tragen kann
Leg es in Kisten und Kasten
Und laß es ruhn und rasten
Bis an den jüngsten Tag.
Und wenn ich über Kisten und Kasten komm
Und sehe das Ringlein an,
Da darf ich's nicht anstecken,
Das Herz möcht mir zerbrechen,
Weil ich's nicht ändern kann.
5-
Auf den Sonntag früh Morgen,
Da kam die hübsche Merlind
Und wollte zum Thore hinaus.
Da fragten sie alle die Leute:
Merlind, wo will sie hin?
Ich will nach mein' Vater sein Garten
Und pflücken ein rothes Bukett.
Und als sie in den Baumgarten einkam,
Wohl unter dem Rosenbusch,
Da lag ein hübsch und fein Reuter
Wohl unter dem Rosenzweig.
Steh auf! Es ist schon die Zeit!
Ich höre die Schlüßlein schon klingen,
Meine Mutter ist nicht weit.
Hörst du die Schlüßlein schon klingen,
Ei so dreh dich noch einmal herum
Und reich mir deinen rosenrothen Mund!
6.
Es zog ein Reuter wohl über den Rhein,
Der wollte dem König sein Töchterlein frein ;
Er konnte so schöne singen,
Daß Berge und Thale erklingen.
Das hörte dem König sein Töchterlein
Dort oben auf ihrem Schlafkämmerlein,
Sie flocht ihre Haare in Seide,
Mit dem Reuter thut sie wegreisen.
147
»Feinsliebchen nun schnell und schwing dich
Auf meinen Rappen hinter mich.
Wir müssen heute noch reiten
Zweihundert und zwanzig Meilen.«
Und als sie eine Meile geritten hatten,
Da sprach sie, es ist schon wieder Tag.
»Feinsliebchen, wir wollen hüthen
Unser Rößlein und ich bin müde.«
Der Reuter nahm seinen Mantelsack
Und breitet ihn auf das grüne Gras.
»Feinsliebchen, nun sollst du mich lausen,
Deine goldenen Haare, die sausen.«
Er schaute Feinsliebchen wohl unter die Augen.
»Feinsliebchen, warum bist du so traurig?«
»Warum sollt ich nicht traurig sein?
Ich bin ja dem König sein Töchterlein.
Hätte ich meines Vaters Willen gehorchet,
Eine Kaiserin war ich geworden.
Das aber, das hab ich nun nicht gethan,
Nun muß ich in dem Lande herummer gähn.
Meine Kleider, die muß ich verkaufen,
Das Geld will der Reuter versaufen.«
Sobald Feinsliebchen das Wort aussprach,
Ihr Haupt im grünen Grase lag;
Hier liege, Feinsliebchen, und faule,
Kein Reuter soll über dich trauern.
Er hängt sie an einen Feigenbaum.
Hier häng, Feinsliebchen, und hänge,
Kein Reuter soll an dich gedenken.
7-
Es wohnt ein Markgraf an dem Rhein,
Der hat drei schöne Töchterlein.
Die ersten beiden heirathen früh,
Die dritte hat's mit Sorg und Müh.
Sie kam vor ihrer Schwester Thür,
Ach, braucht ihr keine Dienstmagd hier?
Ach, Mädchen, du bist hübsch und fein,
Du liebst ja nur den Herrn allein.
Ach nein! Ach nein! Das thu ich nicht,
Ich will erfüllen meine Pflicht.
148
Sie miethet das Mädchen auf ein Jahr,
Das Mädchen dient ihr sieben Jahr.
Und als die sieben Jahr rummer waren,
Da war das Mädchen schwach und krank.
Sag, Mädchen, wenn du krank willst sein,
Sag, welches deine Eltern sein?
Mein Vater ist Markgraf am Rhein,
Ich bin sein jüngstes Töchterlein.
Ach nein, mein Kind, das glaub ich nicht,
Daß du meine jüngste Schwester bist.
Und so du das nicht glauben willst,
So geh nach meiner Kiste hin,
Darin wird es geschrieben stehn,
Du kannst es mit deinen Augen sehn.
Und als sie vor die Kiste kam,
Da wurden ihr die Wangen naß,
Da fing sie an zu weinen.
Ach, bring mir Bier, ach bring mir Wein!
Dies ist mein jüngstes Schwesterlein.
Ach, Schwester, hättest du es eher gesagt,
Die königlichen Kleider hättest du sollen tragen.
8.
Jetzt fängt der Frühling an,
Und alles fängt zu grünen an,
Alles lustig in der Welt,
Es blühen viel Blumen auf dem Feld,
Sie blühen schön weiß, blau, roth oder gelb.
Als ich durch das Korn ging,
Da hör ich die Lerchlein in der Höh,
Wenn ich zu meinem Feinliebchen geh.
Als ich für Schätzchens Fenster kam,
Da hört ich schon einen anderen drin.
Da sagt ich, daß ich nicht mehr kam;
Ich habe dich alle Zeit treu geliebt
Und dir dein Herz noch nicht betrübt.
Und du führst schon eine falsche List. —
Den Sonntag in einer stillen Ruh,
Da kam mir eine traurige Botschaft zu:
Hat denn mein Feinsliebchen kein' Urlaub genommen:
Ich sollte doch noch einmal zu ihr kommen.
U9
Ich sollte sie nicht verlassen
Ach ja in keiner Noth
Ich sollte sie treulich lieben bis in den Tod.
Seht an mein bleiches Angesicht,
Wie mich die Liebe hat zugericht?
Kein Feuer auf der Erden,
Das brennt ja nicht so heiß,
Als die verborgene Liebe
Die ich und mein Schatz weiß.
9-
Als Christus der Herr in Garten ging,
Und ihm sein Leiden bald anfing,
Da trauerte Laub und grünes Gras,
Weil Judas seiner ganz vergaß.
Da kamen die falschen Juden gegangen,
Sie hatten Jesum im Garten gefangen,
Sie hatten ihn gegeißelt und gekrönt,
Sein heiliges Haupt ward sehr verhöhnt.
Da kamen die falschen Juden zum Zorn
Und schlugen Jesum mit scharfen Dorn,
Sie schlugen ihm in einer Stunden
Wohl mehr denn tausend tiefe Wunden.
Sie führten ihn ins Richterhaus,
Mit scharfen Striemen wieder aus,
Sie hingen ihn an ein hohes Kreuz.
Maria beweinte dieses Leid,
Maria hört ein Hämmerlein klingen.
O weh! O weh! mein liebes Kind!
O weh! O weh! meines Herzens Trost!
Mein Kind muß ich verlassen bloß.-
Maria kam unter das Kreuz gegangen
Und sah ihr liebes Kindelein hangen
An einem Kreuz, war ihr nicht lieb,
Maria war ihr Herze betrübt.
Johannes, lieber Jünger mein,
Laß dir meine Mutter befohlen sein,
Nimm sie zu der Händen,
Führe sie von dannen,
Daß sie nicht schaue meine Marter an.«
150
»Ach, Herr, das will ich gerne thun,
Ich will sie führen also gut,
Ich will sie trösten also schön,
Wie ein Kind seine Mutter trösten thut.
Da kam ein blinder Jude gegangen,
Voll Zorn und Grimm, von Eifer umfangen,
Der führt ein Schwert in seiner Faust,
Stach Jesum seine Seite aus. —
Nun bücke dich, Baum, und bücke dich, Ast!
Mein Kind hat weder Kuh noch Rast.
Nun bücke dich, Laub und grünes Gras!
Laß dir zu Herzen gehn all das!
Die hohen Bäume, die beugten sich,
Die hohen Felsen, die neigten sich,
Die Sonne verlor auch ihren Schein,
Die Vögelein ließen ihr Rufen und Schrein. —
Nun merket auf ihr Frauen und Mann,
Wer dieses Liedlein singen kann,
Der sing es des Tages nur ein Mal,
Seine Seele wird kommen in des Himmels Saal.
IO.
Hannchen ist mir gut,
Sie ist wie Milch und Blut,
Aber dabei stolz,
Aber dabei stolz.
In der Gartenthür
Hat mein Hannchen mir
Sanft die Hand gedrückt,
Sanft die Hand gedrückt.
Hannchen komm heraus,
Riech auf meinen Strauß!
Sollst mal riechen drauf,
Sollst mal riechen drauf!
Ich komm nicht heraus
Und riech auf deinen Strauß.
Laß riechen, wer da will,
Ich komm nicht heraus.
1 1.
In Trauern und in Ruh
Bring ich mein Leben zu.
Kein Trost kann ich nicht haben,
Der mir mein Herz thut laben.
Drum wein ich in der Still
Und seufze oft und viel.
Komm her und deck mich zu,
Schaff meinem Seufzen Ruh
In dem Schooß der kühlen Erden,
Da du meiner nicht kannst werden,
Auch nichts zu hoffen hab,
Als nur das kühle Grab.
Es kann nicht anders sein,
In dieser Liebespein.
Wenn zwei verliebte Herzen
Treu mit einander scherzen,
Da ist auch alle Mal
Das Lieben ohne Qual.
Ich wollt, ich lag und schlief
Viel tausend Klafter tief
In dem Schooß der kühlen Erden.
Auch nichts zu hoffen hab,
Als nur das kühle Grab.
I 2.
Ich bin so traurig und so still
Mein ganzer Muth ist hin,
Das weiß mein allerschönster Schatz,
Will mir nicht aus dem Sinn.
Bald hab ich was, bald pfeif ich was,
Und bin doch niemals froh.
Bald hab ich mit den Jungens Spaß
Und mein es doch nicht so.
Ein Mädchen ist ein niedlich Ding,
Wenn man sie recht betracht.
Sic ist wie eine silbern Flint,
Man nimmt sie wohl in acht.
152
Wer mit der Katze pflügen will,
Der spannt die Maus voran,
Dann läuft die Katze nach der Maus,
Dann kommen wir bald nach Haus.
Wer einen steinigen Acker hat
Und einen stumpfen Pflug,
Wer einen Schelm zum Schatze hat,
Ist das nicht Leids genug?
13-
Es waren einst zwei Bauersöhne
Die hatten Lust ins Feld zu ziehn
Wohl unter die Husaren, wohl unter die Husaren.
Sie hatten sich ganz anders bedacht
Und hatten sich ganz lustig gemacht,
Nach Hause wollten sie reiten.
Und als sie in den Hof einkamen,
Frau Wirthin ihnen entgegen kam:
»Seid Ihr gekommen, ihr Herren ?
»Guten Tag, guten Tag, Frau Wirthin mein,
Wo thun wir unsere Pferde ein,
Daß sie nicht gestohlen werden?«
Sie nahm sie an ihre schneeweiße Hand
Und band sie oben an die Wand.
»Hier werden sie nicht gestohlen.«
Der Reiter setzt' sich hintern Tisch,
Sie trug ihm auf gebratenen Fisch,
Dazu ein Glas mit Wein.
»Tragt Ihr nur auf. was Ihr nur wollt!
Ich habe noch Silber und rothes Gold,
Hab auch noch tausend Dukaten.«
Und als es um die Mitternacht kam,
Die Frau zu ihrem Manne sprach:
»Laß uns den Reiter morden!«
»Ach nein, herzliebste Fraue mein,
Laß du den Reiter Reiter sein,
Der Reiter, der muß weiter.«
Die Frau, die nahm wohl Mannsgewalt
Und nahm das Messer in ihre Hand
Und stach den Reiter durchs Herze.
i53
Sie schleppt ihn in den Keller hinein
Und grub ihn in den Sand hinein.
Verschwiegen möcht es bleiben.
Es blieb verschwiegen bis an den Tag,
Bis daß der andere Reiter kam:
»Wo ist denn mein Kamerade?«
»Dein Kamrad und der ist nicht mehr hier,
Ist weggeritten aller früh.«
»Wie kann der Reiter weiter sein?
Das Rößlein steht im Stall und schreit
Es will ja gar nicht schweigen.
Habt Ihr ihm was zu Leid gethan,
So habt Ihrs Eurem Sohn gethan,
Der aus dem Krieg ist kommen.«
Die Frau wohl in den Brunnen sprang,
Der Mann sich in die Kammer hang.
Ist das nicht Sund und Schande
Um das verdammte Geld und Gut
Und auch ums junge Leben ! —
14-
Ich stand auf hohen Bergen,
Schaut hernieder ins tiefe Thal;
Da sah ich drei junge Gesellen
Bei einer Jungfer stahn.
Der eine, der war ein Edelmann,
Der andere ein Amtmannssohn,
Der dritte ein Wanderbursche,
Der wollte die Jungfer han.
Der Wanderbursche dreht sich um,
Faßt das Mädlein bei der Hand,
Er führte sie so lange,
Bis er ein Wirthshaus fand.
Frau Wirthin, ist sie drinnen,
Hat sie auch guten Wein?
Diese Jungfer hat schöne Kleider,
Versoffen sollen sie sein.«
'51
Versoffen schöne Kleider,
Kein Geld ist nicht mehr da;
»Ei, so mußt du wackres Mädchen
Nach Hause wieder gahn.'<
»Nach Hause wieder gehen
Wohl in mein Vaterland!
Ei, so wollt ich, Wanderbürschlein!
Ich hätt' dich niemals gekannt.
15-
Ein Herz, was sich mit Sorgen quält,
Hat selten frohe Stunden.
Es hat sich schon sein Theil erwählt,
Die Hoffnung ist verschwunden.
Drum glücklich ist, wer das vergißt,
Was einmal nicht zu ändern ist.
Die Sonne, die so früh aufgeht,
Pflegt selten spät zu scheinen.
Das Glücke, das so früh aufblüht,
Pflegt schon am Mittag Weinen.
Drum glücklich ist, wer das vergißt,
Was einmal nicht zu ändern ist.
Frisch auf, mein Herz, ermuntre dich
Und sei dein eigner Meister!
Was quälst du dich so jämmerlich
Mit deinen Lebensgeistern ?
Wer weiß, wo man noch Rosen bricht,
Drum sei vergnügt und sorge nicht!
Obgleich mein Schiff vor Anker liegt
Bei ganz konträrem Winde,
So hab ich doch die Hoffnung noch
Daß ich den Hafen finde.
Der Hafen liegt, wo Freundschaft ruht,
Was lange währt, wird endlich gut.
16.
Schatz, warum bist du so traurig ?
Ich bin aller Freuden voll.
Meinst du, daß ich dich verlasse?
Nein, du gefällst mir gar zu wohl.
»55
Eh ich dich, mein Kind, verlasse,
Muß der Himmel fallen ein
Und die Sterne sich verlieren,
Und der Mond muß finster sein.
Sitzen da zwei helle Sterne
An dem blauen Himmelszelt.
Der eine scheint auf mein Feinsliebchen,
Der andere ins weite Feld.
Sitzen da zwei Turteltauben
Auf dem grünen Dornenstrauch.
Wo sich zwei Verliebte scheiden,
Da verwelket Gras und Laub.
Laub und Gras, das muß verwelken,
Aber unsre Liebe nicht.
Dies soll sein mein letztes Denken,
Dies soll sein zur guten Nacht.
In kummervollen Tagen
Vollbring ich meine Zeit,
Dieweil ich nicht kann haben,
Der so mein Herz erfreut.
In einen Unglücksgarten
Ließ mich mein Schicksal ziehn.
Was muß ich da erwarten?
Die Rose sah ich blühn.
Und solltest du verblühen,
Daß ich nicht deiner werth,
In Kummer müßt ich ziehen
Ins Grab der kühlen Erd.
Viel Jahre muß ich liegen
Gefangen in der Gruft,
Und muß vergeblich blühen
Und tragen keine Frucht.
156
i8.
Schätzchen, reich mir deine Hand,
Zum Beschluß und Unterpfand.
Zum Beschluß einen Kuß,
Weil ich von dir scheiden muß.
Scheiden ist ein hartes Wort,
Du bleibst hier und ich muß fort,
Ich muß fort an den Ort,
Wo wir uns nicht wiedersehn.
Da bleibt unsere Liebe stehn.
In der Zeit weit und breit
Werden wir uns wiedersehn.
I9.
Es steht eine Linde im tiefen Thal
Ist unten breit und oben schmal,
Darunter zwei Verliebte saßen,
Die sich ihre Ehe versprochen haben.
»Feinsliebchen, ich thu es dir sagen,
Ich muß noch sieben Jahre wandern.«
»Mußt du noch sieben Jahre wandern,
So heirathe ich einen andern.«
Und als die sieben Jahre ummer waren,
Da mein Feinsliebchen weggegangen war,
Da ging ich in den Garten,
Feinsliebchen zu erwarten.
Und als ich in den Garten kam,
Feinsliebchen unter der Linde saß.
»Guten Tag, guten Tag, du Feine,
Was machst du hier alleine ?
Sind dir denn Vater oder Mutter gram,
Oder hast du heimlich einen Mann ?
»Mein Vater und Mutter sind mir nicht gram.
Ich habe auch heimlich keinen Mann.«
Was zog er von seinem Finger?
Einen Ring von feinem Golde.
Sieh da, du Hübsche, du Feine,
Dies soll dein Denkmal sein.
Was zog er aus seiner Taschen?
Ein Tuch schneeweiß gewaschen.
157
Trockne ab, trockne ab deine Äugelein,
Übers Jahr sollst du mein eigen sein.
Gestern Abend bin ich geritten durch eine Stadt,
Da dein Feinsliebchen hat Hochzeit gehalten.
Was wünschest du ihm zu gut,
Daß es nicht hat seine Treue gehalten ?
»Ich wünsch ihm so viel Gutes,
Als Sand am Meere thut fließen.«
»Hättest du einen Schwur oder Eid gethan,
Von Stund an war ich geritten davon.«
20.
Im Himmel sitzt der alte Fritz
Mit seinen Generälen,
Thun sich viel erzählen
Von Ausfall und Scharmütz,
Von Überfall und Schlachten
Und manchem Reiterstrauß,
Womit sie plötzlich machen
Das deutsche Reich.
Und Friedrich Wilhelm Rex mit Ruhm
Und Ehren zu vermelden
Spaziert mit seinen Helden
Durch das Elisium.
Sie reden durch einander
Manch Wort vom Freiheitreich
Von Franz und Alexander,
Von Gottes Reich. —
Da stille wird es allzumal,
Es hebt sich von dem Sitze
Pur der alte Fritze
Und reitet durch den Saal.
»Ihr glaubt wohl an Gespenster,
Ich bitt um etwas Ruh.«
Auf macht er schnell das Fenster
Und wieder zu.
Ihr Herrn, ich hab es gleich gedacht,
Das war ein falscher Schwindel,
Ich sehe nur Gesindel,
Das schlechte Streiche macht.
Mir sitzt der Schuß im Herzen,
158
Die Preußennoth ist groß.
Bei uns in Zeit des Herbstes
Ist der Deuwel los!«
2 I.
Der wohlbekannten
Herzlieb genannten,
Schön und fein,
Zart und rein,
Der Wohlgestalten und Frommen
Soll dieser Brief zu Ehren kommen.
Und wenn es dir geht glücklich und wohl,
So ist mein Herz aller Freuden voll
Und nimmt sich die Feder, Tint und Papier
Und schreibt nach meines Herzens Begier
Und schreibt ein kleines Briefelein
Zu der Herzallerliebsten mein.
Und schreibt mir einen freundlichen Gruß
Vom Haupte an bis an den Fuß.
Du liegst mir in meinem Herzen begraben,
Geschrieben mit sechs goldenen Buchstaben.
Die erste heißt Lieb,
Die zweite zart,
Die dritte, die mich geboren,
Die vierte, die war silberschön,
Ach könnte ich dich täglich sehn.
Die fünfte, die war hübsch und fein,
Ach könnt ich immer bei dir sein.
Die sechste, die war von Sammt und Seiden,
Die müssen andere Junggesellen meiden,
Und mein Herzallerliebster bleiben.
Dann wünsche ich dir so viel Glück,
So mancher Stern am Himmel blinkt,
So viel als Korn wird eingesät,
So viel als Gras wird abgemäht,
Und so lang sollst du meine bleiben,
Bis ein Löwe in Kasten fliegt,
Bis eine Mücke ein Fuder Wein wegzieht,
Bis ein Licht die Sonne anzündt,
Bis ein Mühlstein schwimmt über den Rhein,
So lang sollst du meine Liebste sein.
11
i59
22.
Ich armer Hase in dem weiten Feld
Sie sein mir ja so nachgestellt,
Sie trachten mir nach dem Leben mein.
Wo bleib ich armes Häselein?
Wenn mich dann der Jäger find,
Und mich in seine Seite nimmt,
Dann thun die Büchsen knallen,
Sie piffen, paffen, schallen.
Dann lauten mir die Hunde vorbei,
Wo bleib ich armer Hase noch frei?
Und komme ich dann wohl aus dem Busch,
Und meine, ich lebe in Freude und Lust,
Dann thun sie mit mir prangen,
Daß mir die Lappen hangen.
Ich himmele, ich schwimmele
Wohl hin und her,
Als wenn ich ein Dieb oder Mörder war.
Dann werd ich gebraten als wie ein Fisch
Und werde getragen auf den Herrentisch.
Dann thun sie Gäste laden,
Sie trinken bei dem Braten
Wohl extra Bier und franzschen Wein.
Der Hase muß ganz verzehret sein.
23-
Beim Flötenmachen gesungen zur Lösung des Bastes.
Zapp zapp rieke,
up'n gälen dieke
was 'n man,
häite Kamm,
har dräi kinner,
äint kam mi täo
äint kam'n köster täo.
de köster smeet sin't in de kulen,
läit't verfulen;
kam de ole süäge her,
tog'r dat hast af,
ri ra rutsch af,
bast af.
160
Fleutke pipe wutte gan!
Eck will deck up de dören slan.
De dören sali deck steken
De rabe sali deck freeten
Zapp äff, zapp äff.
Kättchen leip den barg henup
Mit'n Stumpen meste
Sneit meck hut un hare äff
Aliens wat'r uppe satt
Zapp äff, zapp äff.
24.
Zur Unterhaltung der Kinder.
De wind de weiht,
de bahne de kreiht,
de voß sat up'n tune
un plücke gele plumen.
eck säi, häi scholl mi äine giäben,
do wolle e mi lütke stäine giäben.
do natu eck minen bunten stock
un släog 'n up den kahlen kopp,
do räip häi mester Jakob.
mester Jakob was nich inne.
do sä häi 't sinen kinne,
dat smeet mi met 'r tangen,
do reet eck nie na Frangen,
un ans eck hen na Frangen kam,
do sat de katt in käostall
un maoke frische bottern.
de flädermus däi fege dat hus,
de lütke mus brochte den dreck henut
bet achter de schünen.
dar säiten dräi kapünen,
däi söchten 'r dat beste hawerkarf ut.
dar bräon se säute beer ut.
de heuner up'n wieben.
däi wollen dar beswieben.
dat beer fong an te brusen
den äinen Ständer ut'n huse.
do kam de ole süäge vär't hecke,
der smecke dat goe beer säo nette.
11* i6r
25-
Betrübte Braut.
Es wollt ein Bauer freien,
Er freit nach Seinesgleichen,
Er freit nach seiner Braut sieben Jahr.
Die junge Braut wollte den Herrn nicht haben.
Der Bräutigam kam gefahren
Mit vierundzwanzig Wagen.
Wo ist denn meine herzliebste Braut,
Die mich so freundlich willkommen heißt ?
Sie sitzt wohl in der Kammer,
Beweinet ihren Jammer,
Beweinet ihren Jammer und Leid,
Daß sie ertrinken muß in dem Rhein.
Und als sie auf den Wagen stieg,
Nahm sie von ihren Eltern einen traurigen Abschied
Ach Eltern, herzliebste Eltern mein,
Unser Lebtag werden wir uns nicht wiedersehn.
Und eh sie auf die Brücke kamen,
Begegnet ihr eine Schwalbe.
Ach Schwalbe, du fliegst wo deine Freud ist
Und ich muß fahren wo mein Unglück ist.
Und als sie vor die Brücke kamen,
Hieß sie den Fuhrmann stille stehn.
Nun zieht mir aus mein hochzeitlich Kleid
Und machet mich hier zum Tode bereit.
Und als sie auf die Brücke kamen,
Da brach der Brücke ein Brettlein entzwei,
Da fiel die junge Braut in den Rhein.
Der Bräutigam stand daneben,
Sah seine herzliebste Braut schweben.
Ach hätt ich doch meine Ketten bei mir,
So könnt ich mein liebes Kind retten hier;
Nun aber hab ich meine Ketten hier nicht,
Nun kann ich mein liebes Kind retten auch nicht.
162
Dies ist nun meine siebente Braut,
Vielleicht wird's auch die letzte wohl sein.
Was zog er aus seiner Tasche ?
Ein Messer das war von Gold so roth,
Damit stach er sich selber zu todt.
Diese Fassung des Liedes wurde mir vor langen Jahren aus der Ein-
becker Gegend mitgetheilt:
Christinchen in dem Garten,
Drei Rosen zu erwarten.
Das hat Christinchen am Himmel gesehn.
Daß sie im Rheine sollt untergehn.
Sie ging zu ihrem Vater.
Ach Vater, herzliebster Vater,
Könnte dies und das nicht möglich sein,
Daß ich noch ein Jahr könnte bei euch sein'
Ach nein, das kann nicht gehen,
Diese Heirath muß geschehen.
Mein Kind, das bilde dir ja nicht ein.
Du mußt wohl fahren noch über den Rhein.
Sie ging zu ihrer Mutter.
Ach Mutter, herzliebste Mutter.
Könnte dies und das nicht möglich sein,
Daß ich noch ein Jahr könnte bei euch sein ?
Ach nein, das kann nicht gehen,
Diese Heirath muß geschehen.
Mein Kind, das bilde dir ja nicht ein.
Du mußt wohl fahren noch über den Rhein.
Der König kam gefahren
Mit vierundvierzig Wagen.
Eine Kutsche die war mit Golde beschlagen.
Darin er wollt Christinchen fahren.
Und als sie auf die Brücke kamen,
Zerbrachen gleich zwei Bretter.
Das hat Christinchen am Himmel gesehn,
Daß sie im Rheine sollt untergehn.
163
Was zog er aus seiner Tasche ?
Ein Tuch schneeweiß gewaschen,
Ein Messer, das war von Golde so roth.
Damit stach er sich selber todt.
26.
Lustige Hochzeit.
Anne Geske sä täon vaar:
wat eck segge dat is wahr.
krigt dat lüt nich boll 'n mann,
säo beliäw 'r Unglücke an.
flugs do word de schriewer räopen,
däi schrew allns in äinen bräif,
wat de deeren mee kreg:
äinen pott un äinen släif
äin glad küssen un äinen püel.
oh, hört äis, lue, is dat nich viäl ?
heter de peter, heter de pater
kämm geswinn un gaf se tehope.
's abens gung de hochtiet an,
do was lustig fräo un mann.
Anne Geske soop seck voll,
kreg dat lüt wol bi den poll.
klapp, kreg se äinen an de snute,
do was de lustige hochtit ute.
(Aus Wiedensahl, aber von auswärts mitgetheilt. Lüt für Mädchen und
dei Name Geske sind nicht wiedensahlsch.)
27.
Neckische Heilsprüche.
Beute, beute,
Kreienfäute,
Häistersteert,
Maren schallt wol bäter wem.
Jacob un Isack
Sl äugen seck um'n twiback.
Jakob gewunnt,
Isack verswund.
164
28.
Verhandlung.
Hekel, hekel struus.
Hekel plücket di;
O min Iäiwe kinneken,
Säi dinget ümme di.
Säi dinget ümme di,
Dat wäist du jo wol;
Säi dräget di alle dage
Den breen häot täo.
Den breen, breen häot,
Makt alle dinge gäot
Du konnst noch wol 'eteuben,
Bet awermaren freuh.
Awermaren freuh
De kummt'r noch wol,
Denn konnst ok noch wol kriegen
Dene du hebben wutt.
(Wurde von einer alten Frau in Wiedensahl gesungen in der eintönigen
Weise der Kinderlieder.)
29.
Es schwammen drei Enten auf einem Teich.
Die eine hieß Mäs,
Die zweite hieß Bus
Die dritte Triktracktrilljäs.
Da sprach die Frau Bäs zu der Frau Mäs :
Was hat unsere Frau Triktracktrilljäs
Für'n dicken As !
SO-
Kinderspiele.
Jammer, Jammer ! höret zu
Was ich euch will sagen.
Ich hab verloren meinen Schatz.
Mach auf, mach auf den Garten,
Ob ich ihn kann finden,
Und wenn ich ihn gefunden hab,
Fall ich ihm zu Füßen
Um seine Hand zu küssen.
Machet auf das Thor !
Machet auf das Thor!
Ich hab meinen Schatz gefunden.
Ich spann mal grüne Seide
Die grüne Seide war so schön.
Ich spann mal über sieben Jahr.
Die sieben Jahr, die waren um,
Da dreht sich Fräulein Anna um.
Fräulein Anna hat sich umgedreht,
Und das hat sie von mir gelehrt.
Oranjen, Kastanjen,
Appelrose, Rangen (?)
Die Kugel war so rund, rund, rund,
Der Kreis, der war so bunt, bunt, bunt.
Ei — ade !
Von Kopp bet an de Knee !
Eck danz miner moder den fidelumfei,
Fidelumfei, min swager.
Wer is hir in düssen kreis
De mi kann behagen ?
Dreih um den ketel,
Un datt schall klingen.
Wer is de allerbeste?
O, Anna is de beste deern,
De fat mi achter in'n kragen
Un kummt se nich, säo hol eck ehr
Mit tein gesloten wagen.
Eia, in suse
Wo wohnt wol bäcker kruse?
De de schönen plättchen backt.
In de rosmarienstraat.
Süh, do kummt bruder bachus her
Mit den dicken ranzen.
Kann kum komen in de döör
Woll noch mit mi danzen.
166
31-
Kinderreime und -Rätsel.
Wer will, wer will !
Eck!
Min Esel sin.
Un du min Swin.
Kannst beides sin.
Schosters und Sniders sind Lumpengesellen,
Se knappt de Lüse und fretet de Schellen.
Warum doet se datt?
Se kriget nich satt,
Se kriget man anderthalf Klütjen up't Fatt.
Tuck, tuck, tuck min häuneken
Wat deist in minen hoffr
Du plückst mi alle bleumeken,
Dat is doch gar täo groff.
Min mutter will mit di kiben,
Min vader will di slan.
Tuck, tuck, tuck, min häuneken.
Wo will et di noch gan ! —
De kuckuck up'n tune
Diddel diddel ditt
De kuckuck up'n tune satt
Do regent'n schür un he word natt.
Do kämm de blide sünnenschin
De kuckuck, de was hübsch un tin.
Suse muse kättken, wo wutt du hentäo?
Eck will na nawers huse hentäo,
Da slacht se en swin,
Da drinket se win
Da wTill wi drä dage recht lustig sin.
Wutte mee
Na Kattenimee?
Ek will'r vorbigan,
Du schoft'r heningan
Un laten di'n as vull Pinnen i'lan.
167
De lüttje Jan ölke
Satt up'n kackstölke.
Je länger he satt,
Je körter he watt. (Docht im Nachtlicht.)
Röröhr, ga sitten
De kuckuck de kummt. (Libelle.)
Twe ogen in'n koppe
Twe arften in'n potte
'n hart in 'n liwe
Sind dat nich fiwe?
Jehann, spann an !
Dre katten väran,
Dre müse värupp,
Den blocksbarg henupp !
INHALT.
Seite
Vorwort 3
I. Volksmärchen . 9 — 11 1
1. De häister un de willen duben ... 9
2. Die schwarze Prinzessin 9
3. Das Öl der Zwerge 11
4. Ilsabein . . 12
5. Gerdmann un Alheid 13
6. Das harte Gelübde 15
7. Die böse Stiefmutter 16
8. Die Zwerghütchen 18
9. Königin Isabelle 20
10. Die bestrafte Hexe 23
II. Die Bremer Stadtmusikanten . . . . 27
12. Kükeweih 27
13. Der Gärtner und die Kröte 28
14. Bauer Pihwitt 28
15. Muschetier, Grenadier und Pumpedier 30
16. Der dumme Hans 35
17. Der kluge Bauer 36
18. Des Todtengräbers Sohn ... -38
19. Rettungsräthsel .......... 41
20. Die launische Ziege 41
21. Des Kaufmanns Sohn 44
22. Der Königssohn mit der goldenen Kette 47
23. Der Königssohn Johannes 52
24. Das verwünschte Schloß 57
25. Drei Königskinder 59
26. Der kluge Knecht 63
27. Die alte Slüksche 67
28. Die zwei Brüder 69
29. Der Schmied und der Pfaffe ... 74
30. De rabe un de pogge 76
31. Der harte Winter 77
32. Der Soldat und das Feuerzeug . . . 77
33. Der Bettler aus dem Paradies .... 82
34-
35-
36.
37-
38.
39-
40.
41.
II.
1.
2.
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4-
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6.
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8.
9-
10.
1 1.
12.
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18.
19.
20.
21.
22.
25-
24.
25.
Seite
Der verwunschene Prinz ..... 84
Das Hemd des Zufriedenen 86
Der Herrgott als Pathe 87
Aschenpüeling 93
Friedrich Goldhaar 96
Der Schweinejunge und die Prinzessin 104
Der Mordgraf . 107
Hans Hinrich Hildebrand und der
Pfaffe
Sagen 112 —
Die schwarze Fliege .....
Pulver im Butterfaß
Des Schmieds Frau
Der Hexenkarren
Dör hagen un tüne ........
Die Birnen und Kielpoggen
Der grüne Jäger
Das Irrlicht
Das Geld in der Mauer
Der feurige Mann
Der Gutenabend
Die zwei Brüder
Hackelbergs Hund
Der schlafende Jäger
Apotheker B. . . .
Der unruhige Geist
Der pflügende Geist
Der gebannte Geist
Die geizige Frau
Die fromme Hexe • . . .
Die Müsemakersche • . .
Die Hexe als Hase ........
Der wiederkehrende Pastor
Die Müllerin
Das Fräulein in der Muldenscherbe
Seite
26. Die Mahr 125 2.
27. Die Zwerge unter dem Gossenstein .126 3.
28. Die Zwerge und der alte Rune ... 126 4.
29. Der Snakenkönig . 126 5.
30. Der Teufel und der Wucherer . . . 128 6.
31. Das Gold des Reichen 128
32. Das schwarze Mädchen 129 7.
33. Der Soldat und die Schlange .... 129 8.
34. Florentine und der Teufel 129 9.
35. Der kupferne Kessel 130 10.
36. Der Bauer und die Ütsche 130 11.
37. Der Teufel Herodianna ...... 130 12.
38. Rettungsräthsel 131 13.
39. Der Königssohn 131 14.
40. Der sprechende Rabe 132 15.
41. Die drei Pullen . 133 16.
42. Zwiegespräch ■ • • 133 17.
43. Das Zauberbuch 134 18.
44. Die Hexe mit der Eisenstange ... 134 19.
45. Die Hexe als Sau 137 20,
46. Der Doppelgänger 137 21.
47. Das Höwif 138 22.
48. Allerlei alter Glaube .138 23.
49. Krup unner! Krup unner! .... 139 24.
50. Graf Otto von Bückeburg 140 25.
51. Die Wiedensahler und der Ritter von 26.
Bückeburg ....... 141 27.
52. Die zwei Fräulein .141 28.
29.
III. Volkslieder und Reime .... 143 — 168 30.
1. Es flohn drei Sterne 143 31.
Zu Koblenz auf der Brücken ....
Trau die Frauensleute nicht zu viel .
Es waren drei Soldaten
Auf den Sonntag früh Morgen . . .
Es zog ein Reuter wohl über den
Rhein
Es wohnt ein Markgraf an dem Rhein
Jetzt fängt der Frühling an .... .
Als Christus der Herr in Garten ging
Hannchen ist mir gut
In Trauern und in Ruh
Ich bin so traurig
Es waren einst zwei Bauernsöhne . .
Ich stand auf hohen Bergen ....
Ein Herz, was sich mit Sorgen quält
Schatz, warum bist du so traurig? .
In kummervollen Tagen ......
Schätzchen, reich mir deine Hand . .
Es steht eine Linde im tiefen Thal .
Im Himmel sitzt der alte Fritz . . .
Der wohlbekannten
Ich armer Hase in dem weiten Feld
Beim Flötenmachen
Zur Unterhaltung der Kinder ....
Betrübte Braut
Lustige Hochzeit
Neckische Heilsprüche
Verhandlung
Es schwammen drei Enten .....
Kinderspiele ....
Kinderreime und -Rätsel
Seite
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Im Verlage von LOTHAR JOACHIM in MÜNCHEN
sind aus WILHELM BUSCH'S NACHLASS erschienen:
HERNACH
Ein stattlicher Band mit 95 zum Teil farbigen Zeichnungen
nebst Versen. In LEINWAND gebunden MARK 5.—.
SCHEIN UND SEIN
NACHGELASSENE GEDICHTE
Mit dem Bildnis des Verfassers in Duplex-
Autotypie und einem faksimilierten Gedicht.
A. LUXUS-AUSGABE in 1200 numerierten Exemplaren auf echtes
Büttenpapier gedruckt. In biegsames Leder gebunden Mark 8. — .
B. GEWÖHNLICHE AUSGABE, auf starkes Daunen-Papier gedruckt
In Leinwand gebunden :: :: :: :: :: :: :: :: Mark 3. — .
In Halblederband :: :: :: :: :: :: :: :: :: Mark 4. — .
sowie die große Biographie des Dichters:
WILHELM BUSCH
von Hermann, Adolf und Otto Nöldeke
Ein starker GROSS -OKTAVBAND mit
250 schwarzen und 8 bunten BILDERN.
GEBUNDEN IN LEINWAND MK. 10.—
;yuA GEBUNDEN IN PAPPBAND MK. 8.-
»Erst in diesem geschmack- und verständnisvoll geschriebenen, von zahlreichen
Textillustrationen begleiteten Buche lernen wir Wilhelm Busch ganz kennen. Es gehört
zu seinen Werken, ähnlich, wie die „Gespräche" zu den Werken Goethes. So wird
dieses Buch, wie die Werke Busch's selbst, seinen Platz in der Literatur behaupten.«
Die Grcnzbo:en Nr. 21, 1910.
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III.
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